Ladies Drive No 63 - Rebekka Lindauer

Leben in Zeiten der Cholerika

Text: Rebekka Lindauer
Foto: Toshimi Ogasawara

Leben in Zeiten der Cholerika

Text: Rebekka Lindauer
Foto: Toshimi Ogasawara

Die gebürtige Zürcherin Rebekka Lindauer ist Satirikerin und Musikerin. Sie nennt sich selbst eine „Viandine“, andere nennen sie „die Sprachgranate der Schweiz“. Wer schon mal einen Comedy Roast mit ihr gesehen hat, weiss warum. Sie ist mit ihrem ersten abendfüllenden Soloprogramm „Héroïne“ in der Schweiz unterwegs. Der „Tages-Anzeiger “ nannte sie „die Heldin der Zeit“.

Soll und Haben ist im Grunde eine triviale Formel über Verzicht, die mit all ihren Folgen vorwiegend gynäkotropisch angesiedelt ist. Wenn grosse Dichter und Denker zitiert werden, sind es meist Literaten und dergleichen mit Glied. Bei anderen monumentalen Errungenschaften der Menschheit verhält es sich ähnlich: Das scheint so fest in den Stein gemeisselt zu sein, wie Excalibur in ebendiesem steckt. Frauen gehen immer wieder durch die Hirnlappen. Aber heute, 52 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts, ist alles anders. Darum hat sich der öffentlich-rechtliche Sender SRF einen Spass erlaubt (weil Comedy-Abteilung) und hat einen Late-Night-Mann mittleren Alters durch vier Late-Night-Männer mittleren Alters ersetzt. Vier gewinnt! Vier ist die Mehrheit im Bundesrat, dann gibt es die vier Jahreszeiten, die vier Elemente, den Vierradantrieb, WD-40, Zvieri und so weiter und so fort. Neben den vier Duderinos darf noch eine Frau am Rande mitwirken. Da habe ich aber vier Fragezeichen???? Wieso darf nur eine Frau als Beilage aka Sidekick fix mitmachen? Wegen der Frauenaktivistin Heidi Klum und ihres legendären Satzes: Nur eine kann SRF-Sidekick 2023 werden? Oder ist es wegen der Konsument:innen? Aus Angst, dass beim Unterhaltungssonntag das Boomer-Auge beim Anblick eines weiblichen Stars versteinert wie ein Opfer Medusas? Ich höre sie in meinem Kopf heftig debattieren am Stammtisch des Alters- und Gesundheitszentrums Leutschenbach: Vier Frauen?! Wenn jetzt jeder käme und den Frauen Sendungen geben würde, nehmen uns die Frauen zuerst die Arbeit und dann die Frauen weg! So nicht. Bevor dem Volk so was zugemutet wird, soll die Welt lieber morgen als übermorgen zugrunde gehen. Keine Sorge, Hansklaus, die Welt wird zugrunde gehen, wir alle leisten unseren Beitrag dazu, aber es wäre natürlich schon schön, wenn du diesen Moment vor deinem eigenen Zerfall miterleben ­könntest.

Apropos Zerfall: Wo ein Silberrücken ist, ist auch ein Weg. Beim Anblick der männlichen Jeunesse Drôlée werden Senioren gern mal sentimental. Wenn sich Euphorie und Androgenetik paaren und die allerletzten Haare vom Schädel fegen, werden oft alle Hebel (die noch möglich sind) in Bewegung gesetzt, um die Karriere des jungen Protegés ins Rollen zu bringen. Bei so viel Effort und Mitgefühl muss ich als Frau schon mal aufpassen, dass mich die berüchtigte Hysterie nicht packt. Oft wird Frauen nicht die Ehre zuteil, die ihnen gebühren würde. Jede von uns wurde schon zugunsten eines Kollegen nicht befördert, nicht ausgezeichnet, nicht ausgewählt oder nicht für voll genommen. Männer nimmt man immer gern für voll und schenkt ihnen auch voll ein (auch wenn sie voll sind). Und zwar alles. Einmal das ganze SRF-Unterhaltungsprogramm bitte. Gern. Danke. The Wiener takes it all – sangen bereits ABBA (nach meinem Gusto hätte die Welt trotz 50 Prozent Frauenanteil auf sie verzichten können). Wie soll man da den Kopf nicht in den Sand stecken wollen und sich sagen: Ade Zämä, ich kündige und geh zum RAV (bitte nicht verwechseln mit der RAF)? Obwohl beide „Institutionen“ dem Neoliberalismus ein Dorn im Auge sind, wird man beim RAV in einem langen und bei der RAF in einem kurzen Prozess aus der Gesellschaft verbannt.

Warum werden die einen völlig über- und die anderen unterschätzt? Und wer bestimmt das? Das absolute Mehr? Oder die Sesselfurz-Kulturkommission-Impossible? Die Konsument:innen? Warum traut man Männern nicht nur mehr, sondern alles zu? Nun, ich denke, weil es so ist wie im Fussball: Männer sind in der Super League und Frauen sind in der Women’s Super League. Das ist in dem Sinne auch die Super League, aber mit Fussnote*. Die „Fussnote“ ist der beliebteste und wirksamste Fetisch, um Frauen möglichst bei Fuss zu halten. Fetische sind oft pervers, aber niemals mehrheitsfähig.

*Bitte beachten Sie, dass es sich bei der Women’s Super League nicht um „das Original“ handelt, sondern um die feminine Standardabweichung des vermeintlichen Originals. Aus diesem und nur diesem Grund wird der Women’s Super League nicht die Aufmerksamkeit des Originals gezollt.

www.rebekkalindauer.com


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Veröffentlicht am November 06, 2023

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