Das Ende der Leistungsgesellschaft – Isabelle Guggenheim

Idee & Realisation: Sandra-Stella Triebl
Foto: Tomek Gola / www.gola.pro, Make-up: Angela Meleti
Location: B2 Hotel Zürich

Ladies Drive Magazine - Isabelle Guggenheim
Isabelle Guggenheim portraitiert und interviewt zum Thema "Das Ende der Leistungsgesellschaft" in der Ausgabe No 59 (Herbst 2022).

Isabelle Guggenheim

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Head Art & Cultural Engagement Baloise Group
www.baloise.com

Leistung sollte so eingesetzt werden, dass sie nicht zur Selbstoptimierung verkommt

Leistung ist für mich die bei einem Prozess umgesetzte Energie aus verrichteter Arbeit und der entsprechend benötigten Zeit. So zumindest mein laienhafter Blick in die Physik und bezeichnend für meine positive Assoziation: Die Leistungsgesellschaft (oder Industriegesellschaft) bedeutet für mich diejenige Gesellschaftsform, in der ich mich wohlfühle und die ich als chancenreich für alle Mitglieder sehe (im Gegensatz zur Ständegesellschaft).

Begriffe wie Verbindlichkeit, Extrameilen, Freude, Anerkennung, mein ganz persönlicher Qualitätsanspruch an meine Leistung kommen mir in den Sinn. Ich habe die Möglichkeit, meine Fähigkeiten einzusetzen und mich nicht verstecken zu müssen. Die Errungenschaften unserer Industriegesellschaft bescheren uns Wohlstand und ermöglichen es uns, unsere Fähigkeiten sinnstiftend einzusetzen. Ich verbinde mit dem Begriff auch Freiheit für die Mitglieder unserer Gesellschaft: Unser Wohlstand ermöglicht es, sich Gedanken über die eigene Zukunft, mögliche Lebensformen, die persönliche Zufriedenheit zu machen.
Meine negativen Assoziationen beziehen sich nicht auf die Form als solches, sondern auf unseren Umgang mit dem Ergebnis und den daraus resultierenden Auswirkungen.
Ich denke, dass sich genauso viele Menschen über Leistung wie über Werte definieren. Ausserdem schliesst das eine das andere ja nicht aus. In meiner Familie sind wir der Meinung, dass der Erfolg aus Leistung nur durch Werte – und damit meine ich Verbindlichkeit, Transparenz, Ehrlichkeit und Respekt – langfristig Bestand hat und man gleichzeitig eine soziale Verantwortung trägt.

Superlative, die in Zusammenhang mit Leistung häufig zu deren Einordnung genannt oder ausgerufen werden, empfinde ich oft als bemühte Effekthascherei, da sie kurzfristiges Denken aufzeigen und natürlich ja oft auch nicht den Tatsachen entsprechen. Ich würde sie in der Werbewelt verorten und sehe sie als misslungenen Versuch, sich vom Mittelmass und von der Gleichmacherei abzuheben.

Aber zurück zur leistungsorientierten Gesellschaft. Ist es nicht so, dass Leistungsvergleiche helfen, die eigenen Fähigkeiten zu entdecken und die Persönlichkeit zu entwickeln? Wenn Individualismus nicht in Egoismus kippt und das persönliche Umfeld (die richtigen) Werte vermittelt, besteht ein wirklich optimistisch stimmendes Potenzial an Energie.
Ich denke daher nicht, dass wir am Ende der Leistungsgesellschaft angelangt sind, wir befinden uns wohl eher wieder am Ende von einem Zyklus innerhalb dieser, unserer Gesellschaftsform.

Die kommenden Generationen müssen sich mit Themen auseinandersetzen und Probleme lösen, welche die vorigen Generationen – also auch unsere – produziert haben.
Die Auswüchse unserer aktuellen Leistungsorientierung zeigen ganz ausgeprägt ihre Wirkung.

Das Hamsterrad, in welchem sich offenbar viele sehen, wird brüchig. Dies hat in meinen Augen jedoch weniger mit dem Leistungssystem als solches, sondern vielmehr mit unserem Umgang damit zu tun. Dazu zähle ich auch die unendliche Auswahl, die ständige Verfügbarkeit von eigentlich allem und der Anspruch vieler, ein Recht auf alles zu haben.
Die Schattenseiten der Globalisierung, die Verrohung unserer Gesellschaft, das staatliche Rentensystem mit Ablaufdatum, der Verbrauch von Ressourcen – diese und weitere Herausforderungen müssen dringend überdacht werden.

Das Hinterfragen des Bestehenden steht immer am Anfang von Veränderung – sollten wir deshalb den jüngeren Generationen nicht dieses Recht zugestehen?

Die anstehenden Veränderungen werden viel Leistung verlangen; ein Ende der Leistungsgesellschaft sehe ich deshalb nicht.

Vielleicht wäre es nicht verkehrt, wenn wir uns auf das Wesentliche konzentrieren würden. Anreiz für jedes Individuum sollte in meinen Augen nämlich sein, das Bestmögliche zu geben, egal bei welcher Tätigkeit.

Die Leistung sollte so eingesetzt werden, dass sie nicht zur Selbstoptimierung verkommt, sondern nachhaltig bleibt. Ich denke dabei keinesfalls an irgendeine Form von Sozialismus, sondern an einen verantwortungs- und respektvollen Umgang mit unserem gesamten Umfeld.
Da Eigenverantwortung – das hat sich in den letzten Monaten ja gezeigt – nicht funktioniert, sind andere Anreize gefragt. Wie wäre es, wenn zum Beispiel Freiwilligenarbeit steuerliche Vorteile bringt? Immerhin sind 39 Prozent der Schweizer Bevölkerung im Alter ab 15 Jahren formell freiwillig innerhalb von Vereinen oder Organisationen tätig. Wenn jedes Mitglied unserer Leistungsgesellschaft für sinnhafte Extrameilen steuerlich belohnt würde … wäre das nicht schön?


Weitere Interviews in der Serie „Das Ende der Leistungsgesellschaft“:

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Veröffentlicht am März 04, 2023

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