Meine Mutter ist Superwoman. Wirklich.
Sie war bei uns zu Hause diejenige, die den Kühlschrank reparierte. Die wusste, was wann zu tun ist – und wie. Sie arbeitete immer, in verschiedenen Bereichen, und übernahm früh Verantwortung für ihr Geld. Und sie lebte. Als sich ihr die Chance auf eine Weltreise bot, nahm sie kurzerhand einen Kredit auf. In den 60er-Jahren.
Wenn ich zurückblicke, sehe ich: Diese Haltung hat mich geprägt. Ihr Motto war klar: Wenn du wirklich willst, kannst du alles erreichen. Ohne sie hätte ich mich vermutlich nie getraut, Elektrotechnik zu studieren. Und viele andere Dinge einfach auszuprobieren.
WAS ICH VON IHR NICHT GELERNT HABE
So stark meine Mutter war, so wenig Raum hatte bei uns etwas anderes: Verletzlichkeit.
Gefühle zeigen galt als Schwäche. Etwas, das man nicht in der Öffentlichkeit zeigt. Nicht bespricht. Sondern mit sich selbst ausmacht. Ich kannte viele Formen von Stärke. Aber kaum eine Form von Weichheit.
DIE EMANZIPATION HAT UNS WEIT GEBRACHT –
UND UNS MÜDE GEMACHT
Ich bin ein grosser Fan der Emanzipation. Ich weiss: Ohne Frauen, die aufgestanden sind und sich für Rechte eingesetzt haben, hätte ich nicht studiert, nicht mit Kindern meinen Job behalten und nicht mein Business aufbauen können. Dafür bin ich dankbar. Und trotzdem bin ich heute an einem Punkt, an dem ich das Mantra „Frauen können alles und alles gleichzeitig“ hinterfrage.
Ich war lange eine von denen, die der Welt beweisen wollten, dass sie alles allein schaffen. Und ich sehe, was es kostet: immer mehr Frauen, die permanent ausgelaugt sind oder im Burn-out landen. Seit einiger Zeit stelle ich mir deshalb eine simple Frage: Nur weil ich es kann – muss ich es auch machen?
Zu meinem eigenen Erstaunen hat sich meine Antwort verändert.
Ich bin müde, immer kämpfen zu müssen.
Müde, dass „hart arbeiten“ als Standard gilt.
Müde, immer stark sein zu müssen.
Müde, dass Erfolg sich oft anfühlt wie ein Dauer(stress)test.
DAS WORT, DAS ICH FRÜHER AUSGELACHT HÄTTE
Und in all dieser Müdigkeit tauchte plötzlich ein Wort auf, das früher nicht zu mir passte: Weichheit.
Früher hätte ich dieses Wort mit Warmduscher und Weichei verbunden, aber ganz sicher nicht mit mir. Heute merke ich: Ich hatte Weichheit missverstanden. Weichheit ist für mich nicht Schwäche. Nicht der Weg des geringsten Widerstands. Sondern eine andere Qualität von Kraft.
Wenn ich weich bin, öffne ich mich für mehr: für andere Perspektiven, Möglichkeiten, Neues.
Wenn ich weich bin, wird das Leben weniger hart, weil ich nicht gegen alles anrenne.
Wenn ich weich bin, dürfen Dinge zu mir kommen, ohne dass ich sie mit Druck herbeizwinge.
Wenn ich weich bin, verändert sich sogar, wie Menschen mir begegnen.
VERLETZLICHKEIT ALS NEUE FORM VON STÄRKE
Natürlich passiert das nicht über Nacht. Und ja, es gibt Tage, an denen ich zurück in alte Muster falle: „stark sein“, „funktionieren“, „durchziehen“. Das ist okay. Aber mit jedem Tag verabschiede ich mich ein Stück mehr von der Idee, dass ich alles erreichen muss, um genug zu sein.
Und vielleicht ist genau das die Kraft der Verletzlichkeit: Sie nimmt den Druck raus. Sie macht ehrlich. Sie macht frei.
WARUM WIR MEHR WEICHHEIT BRAUCHEN
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal eine Kolumne über die Stärke von Weichheit schreibe. Als jahrzehntelange Verfechterin der Gleichberechtigung schien mir Weichheit lange nicht „hilfreich“ – eher ein Hindernis für meinen Erfolg in einer männerdominierten Businesswelt.
Heute sehe ich es anders: Emanzipation war ein entscheidender Schritt. Sie hat uns Möglichkeiten gegeben. Das hatte aber auch einen Preis: Megastress, Erschöpfung, das ständige Hintanstellen der eigenen Bedürfnisse, weil der Tag schon voll ist, bevor er beginnt.
Vielleicht ist jetzt der nächste Schritt dran. Nicht zurück. Sondern weiter. In eine Zukunft, in der wir unsere eigentlichen Stärken wieder ernst nehmen. Nicht nur für uns, sondern auch für die (Weiter-)Entwicklung unserer Gesellschaft.
Mehr Weichheit heisst nicht weniger Wirkung.
Mehr Weichheit heisst: weniger Kampf, mehr Klarheit.
Und vielleicht ist das genau die Stärke, die wir jetzt brauchen.

















