Der griechischen Ilias nach war Achilles ein fast unverwundbarer Held. Seine Mutter tauchte ihn in den Fluss Styx, wobei sie ihn an der Ferse festhielt, die somit verwundbar blieb. Letztlich starb der Held durch einen Pfeil, der seine Ferse traf. Für Achilles bedeutete Verletzlichkeit den Tod.
Was bedeutet es für die Innovation, verwundbar zu sein? Meist versuchen wir, unser Innovationssystem perfekt aufzustellen – nicht zuletzt, da wir uns vor der Häme der Konkurrenz fürchten. Ist perfekte Innovation sinnvoll? Um diese Frage zu klären, bietet es sich an, die Verwundbarkeiten, welche im Rahmen von Innovation eine Rolle spielen, zu systematisieren:
In Innovationssystemen können strukturelle oder systemische Schwachstellen bestehen. Ist eine Schwachstelle strukturell, betrifft sie nicht nur die eigene Organisation, sondern ein grösseres System. Beispiele sind Abhängigkeiten in globalen Lieferketten, Klimarisiken oder überschuldete Finanzsysteme, welche Innovatorinnen und Innovatoren vorsichtig machen oder sie aufgrund fehlenden Zugangs sogar ausschliessen.
Auf der Organisationsebene finden sich wunde Punkte, die im Aufbau oder in der Kultur begründet sind. IT-Altsysteme, rigide Hierarchien oder Fehlanreize sind Beispiele, welche die Innovationskraft von Unternehmen und Mitarbeitenden behindern können.
Auf der menschlichen Ebene existieren emotionale, kognitive oder soziale Verletzlichkeiten, die oft das Produkt von System und Organisation sind. Sie können zu Angst, Statusdenken oder gefühlter psychologischer Unsicherheit führen. All dies schränkt die Innovationsfähigkeit ein: Es ist schwierig, Neues zu entwickeln, wenn man sich davor fürchtet, Risiken einzugehen. Intuitiv würde man sich durch das Obige wohl bestätigt fühlen, dass Schwachstellen Innovation behindern. Vielleicht jedoch trügt dieser Eindruck. Denn genau dort, wo man verletzlich ist, lauert auch die Chance, einen Ansatzpunkt für erfolgreiche Innovation zu finden. Sie lässt sich ergreifen, wenn man die menschliche Mikroebene und die systemische Ebene miteinander verbindet, um wie folgt vorzugehen:
- die Schwachstelle als Barriere der Innovation zu identifizieren,
- den Ansatzpunkt für Innovation am „wunden Punkt“ zu erkennen und
- Ressourcen und Aufmerksamkeit auf die Behebung der Schwachstelle zu fokussieren.
Verletzlichkeit erkennen:
Schwachstellen, die technischer, sozialer oder organisatorischer Natur sind, vergrössern das Risiko einer Innovation sowie deren Kosten und Unsicherheiten. Sie können dazu führen, dass Innovation verlangsamt oder vollständig gestoppt wird. Die Arbeit des World Economic Forums zu technologischen und systemischen Risiken führt die wunden Punkte unseres digitalisierten Finanzsystems vor Augen: Deepfakes, synthetische Medien oder die Instabilität des Kryptomarktes behindern innovative Fortschritte.
In der Automobilindustrie bedrohen Sicherheitslücken die Weiterentwicklung. Mehr Konnektivität im Rahmen autonomer Fahrzeuge bedeutet hier, dass man sich zunehmend gegen Hackerangriffe schützen muss. Andernfalls sind die physische und die digitale Sicherheit der Anwenderinnen und Anwender nicht gewährleistet. Es resultiert zunächst, dass Innovation im Bereich der Vernetzung – zumindest hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit – eingeschränkt wird, bis Sicherheitsarchitekturen und Standards mit den Risiken Schritt halten können.
Verletzlichkeit als „Innovationsmagnet“ deuten:
Schwachstellen, wie unter Punkt 1 beschrieben, können von Regulatoren, Investoren oder Ingenieurinnen und Ingenieuren jedoch als genau jene Herausforderungen gedeutet werden, die es durch Innovation zu lösen gilt. Das EU-geförderte Projekt ACHILLES richtet den Fokus dezidiert auf „Vertrauen und Effizienz als Achillesferse der künstlichen Intelligenz“. Ziel ist es, den Mangel an „Transparenz, Fairness, Energieeffizienz und regulatorischer Abstimmung“, der für den nachhaltigen Aufbau von KI-Kompetenz in Europa entscheidend ist, durch Innovation auszugleichen. Die Schwachstelle wird so zum Design-Briefing einer nächsten Generation, um organisatorische Aufmerksamkeit und Investitionen zu bündeln.
Verletzlichkeit als Hebel nutzen:
Sobald die Schwachstellen aus Punkt 2 thematisiert und bearbeitet werden, können sie zu Hebelpunkten werden, die ganze Innovationswellen auslösen und neue Märkte schaffen. Die Erkenntnis, dass offene Systeme im Automobilbereich die Sicherheit kompromittieren, führte zu völlig neuen IT-Architekturen, zu bahnbrechenden Detektionssystemen für Cyberangriffe und zu innovativen Sicherheitsmechanismen.
Fazit:
Verletzlichkeit ist für Innovation nur dann der Tod, wenn man sie fürchtet.
Nutzt man sie jedoch, um „Achillesfersen“ aufzudecken und gezielt zu adressieren, kann sie zum Hebel für Fortschritt werden. Was es hierfür braucht, ist ein sicheres Umfeld, in dem Schwächen benannt und als Möglichkeitsraum für unkonventionelle Lösungen verstanden werden dürfen. Hier wird aus Verletzlichkeit wahre Innovationsstärke.

















