Geschunden wurde sie schon lange, die Welt, ausgebeutet, ausgemolken. Sie hat Wunden und Narben. Da liegt sie auf dem Schragen. Blut, Schweiss und Tränen fliessen direkt in die Taschen der Ausbeuter. Ein Uranbeutel, ein Schlauch, um die Gase abzusaugen, einige Pflaster, um die tiefsten Einschnitte dürftig zu heften.
Das Burn-out hatte sie schon vor der Pandemie, nun folgen die Wechseljahre mit Hitzewallungen, plötzlichen Wasserausscheidungen, dafür Trockenheit an Stellen, wo es früher feucht war. Man dachte immerhin, das Oberstübchen funktioniere noch. Die Psyche der Welt, die denkende Gesellschaft, welche die Erinnerung an schlimme Zeiten bewahrt. Die Schaltzentrale sollte sich bewusst sein, welche Kämpfe die Welt auszufechten hatte. Sie müsste gelernt haben, wie die Welt sich schützen kann vor drohenden Gefahren.
Früher sass die Intelligenz im strahlend Weissen Haus. Heute wird da ein Ballsaal errichtet für den Tanz ums goldene Kalb. Die Haltung wird nicht mehr trainiert, im Gegenteil: Der Welt droht das Rückgrat wegzubröseln. Pflaster helfen da nicht, Kosmetik schon gar nicht. Es braucht einen Verband, etwas Verbindendes und Verbindliches, um die Welt nicht in zwei Hälften zerfallen zu lassen. Die Welt benötigt ein gesundes Herz, Halbherzigkeiten machen noch verletzlicher.
Ein kleines Organ von überschaubarer Grösse war immer besonders gut geschützt. Es schien beinahe unverletzbar. Die Schweiz. Anfangs Jahr erlitt sie in Crans-Montana eine Brandwunde von einem Ausmass, das wir uns nicht vorstellen konnten. Plötzlich war diese bisher sichere Stelle am grossen Weltenkörper verletzlich geworden. Gebannt verfolgten wir Pressekonferenzen im Fernsehen. Wir sahen die schrecklichen Bilder, trauerten kollektiv um die jungen Leben und erfuhren im Schmerz eine verbindende Gemeinsamkeit.
Vielleicht ist die Schweiz am grossen Körper der Welt nur Daumen und Zeigefinger. Sie hält Banknoten, zählt Geld und zoomt kleine Bilder am digitalen Touchscreen auf, um Missstände sichtbar zu machen. Wenn die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie schon kein Vorbild für die Welt ist, könnte sie immerhin ein Fingerzeig sein. Der zeigende und abzählende Finger, lateinisch „digitus“, ist der Ursprung des Wortes digital. Wer zeigen kann, fordert zum Hinschauen auf. Und zum Hinschauen braucht es Medien.
Es braucht eine Hauptschlagader, um den verletzlichen Organismus zu verbinden. Einen Mainstream. Wird dieser halbiert, erreicht das Blut nicht mehr alle Organe. Randregionen werden blutleer und veröden. Ein medialer Mainstream soll über den Röstigraben in alle Landesteile fliessen. Damit wir reagieren können, wenn es brennt. Damit wir uns verbinden können, wenn es blutet. Und damit der Röstigraben nicht zur Kluft zwischen den Machthabern und den einfachen Menschen wird, zum Graben zwischen Medienminister Rösti und dem Wahlvolk.
Nur wenn wir gut informiert sind, wenn wir ein Screening und ein Monitoring für die Organe unserer direkten Demokratie haben, können wir entscheiden. Wir wollen keine halben Sachen! Denn wer ein Organ halbiert, lässt es ausbluten. Das gilt insbesondere für unsere öffentlich-rechtlichen Medien. Sie sollen weiterhin den Mächtigen auf die Finger schauen können und uns verbinden in unserer Verletzlichkeit.
Potentaten von Peking bis Washington, von Moskau bis in den Iran wollen die verletzte Welt nicht erhalten wie Ärzte. Sie wollen die Welt ausweiden wie Schlächter und Metzger, um die Organe zu verkaufen. Nicht viel besser sind die Tech-Giganten, welche am meisten profitieren. Sie setzen uns eine KI-Brille auf, damit wir nicht mehr selber hinschauen. Wir sollen uns berieseln lassen von Streamings und lustigen Videos, von einseitigen Berichten und Schlagzeilen, die Empörung generieren. Objektivität ist keine Option mehr. Wenn die verletzten Finger nur noch aufgebracht herumfuchteln, können sie weder das Geld festhalten noch auf die Fakten zeigen.
Wir haben es also in der Hand. Die Halbierung und das Ausbluten der öffentlich-rechtlichen Medien kann aber auch abgewendet werden. Nehmen wir den Abstimmungszettel zwischen die Finger und tragen ihn zur Urne. Sonst riskieren wir, dass als Nächstes unsere verletzliche Demokratie in der Urne landet.

















