Muss man der KI vertrauen?

Text: Dörte Welti
Foto: Tomek Gola

Ladies Drive No. 73. Lara Gervaise: Muss man der KI vertrauen? Foto: Tomek Gola
League of Leading Ladies Conference 2027

LD73 – Mag

Am Female Innovation Forum (FIF) von Ladies Drive durften wir Lara Gervaise (26) mit dem Recognition Award einen der beiden Jury-Awards gemeinsam mit unserem Presenting Partner Siemens verleihen. Eine besondere Freude für uns, da wir ihrem erfolgreichen Start-up Virtuosis AI vor zwei Jahren so etwas wie eine Starthilfe geben konnten.

Am FIF 2023 war Lara Gervaise eine der sechs Gründerinnen, die sich mit ihrer damals noch jungen Idee vorstellten. In der Rückschau auf den Workshop, der ihrem Pitch folgte, schrieben wir:
„Lara Gervaise beschäftigt sich mit mentaler Gesundheit. Virtuosis AI identifiziert KI-basiert Hinweise in der Stimme, die auf drohende Burn-outs und mentalen Stress hindeuten. Sie setzt auf Früherkennung, war sich jedoch nicht klar, wo sie mit Virtuosis ansetzen sollte. Im Workshop kristallisierte sich die Strategie heraus, dass insbesondere kleinere Firmen ohne HR-Abteilung am ehesten von der Idee profitieren könnten. Lara Gervaise wurde mit so vielen guten Ideen überhäuft, dass sie gar nicht alle einzeln nennen konnte. Wie alle sechs Gründerinnen wird sie mit ihrem Team die Beiträge auswerten, einordnen und dann aktiv werden – da sind wir uns sicher.“

Recht hatten wir. Wir wollten vor allem wissen, was in den vergangenen zwei Jahren passiert ist, und trafen uns mit Lara in Zürich.

Lara Gervaise. Female Innovation Forum Recognition Award 2025 Winner

Ladies Drive: Lara, was hat dieser Workshop beim FIF 2023 bewirkt?

Lara Gervaise: Die Personalleiterin eines Scale-ups war in meinem Workshop. Sie interessierte sich für das, was wir tun, nämlich die Früherkennung von Burn-out-Anzeichen anhand der Stimme. Sie organisierte eine Nachbesprechung mit ihrem Team, und wir er­­­hielten wertvolle Rückmeldungen zu dem, was wir taten – das war damals wirklich nützlich. Seit diesem Workshop konzentrieren wir uns stärker auf das Burn-out-Thema. Wir haben uns in der Folge mehr in Richtung Gesundheitsvorsorge entwickelt. Wir arbeiten an Modellen, die nicht nur die psychische Gesundheit anhand der Stimme vorhersagen, sondern auch andere Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Typ-2-Diabetes und Atemwegserkrankun­­gen. Zudem arbeiten wir heute viel enger mit Versicherern, Krankenhäusern und arbeitsmedizinischen Anbietern zusammen.

Was bedeutet das für euch als Unternehmen? Konntet ihr seit­dem wachsen?

Damals waren wir nur in der Schweiz tätig, heute sind wir in zwölf Ländern vertreten. Wir verfolgen einen globalen Ansatz und sammeln Daten in verschiedenen Sprachen, sodass die Technologie sprachunabhängig ist. Dadurch entsteht auch ein Netzwerk, zum Beispiel unter Neurologen, das hilft, neue Märkte zu erschliessen.

Ein Beispiel?

Wir decken ein breites Spektrum von Gesundheitszuständen ab. Unsere Technologie kann in die Telekommunikation integriert werden. Sie eignet sich für Telemedizin und Fernunterstützung und ist in einigen digitalen Apps integriert, die digitale Therapien anbieten. Das ist ein ziemlich grosser Markt.

Ist eure Technologie für Enduser gedacht oder B2B?

Wir haben B2C-Nutzerinnen und -Nutzer, aber unser Fokus liegt – Stand heute – nicht darauf, diese zu monetarisieren. Wir bieten die Technologie gerne an, sind jedoch sehr vorsichtig in Bezug auf ihren Einsatz. Wir möchten sicherstellen, dass auf die Interpretation der Ergebnisse auch eine passende Unterstützung folgt. Unser Kerngeschäft sind Gesundheitsdienstleister. Das hat übrigens auch regulatorische Gründe: Virtuosis AI ist als medizinisches Hilfsmittel zur klinischen Entscheidungsunterstützung zertifiziert.

Wie kommt es, dass Sie KI so sehr vertrauen?

Man muss der KI vertrauen, andernfalls könnte man nicht mit KI forschen und solche Technologien entwickeln. Man muss die Modelle verstehen, die dahinterstehen. Man vertraut ja auch einem Taschenrechner, dass er, wenn man „42 × 74“ eintippt, das richtige Ergebnis anzeigt (3.108).

Wir verfolgen einen traditionellen Ansatz des maschinellen Lernens, der für einige Modelle so einfach sein kann wie eine lineare Regression. Wenn Sie ein Modell haben, das alle Stimmmerkmale berücksichtigt und dann eine Linie bei der Basis­regression zeichnet, müssen Sie der statistischen Methode ver­­trauen – denn auch das ist KI.

Sie haben mit Virtuosis AI inzwischen diverse Auszeichnungen gewonnen. Was bedeutet der Recognition Award 2025 für Sie?

Für mich geht es nicht nur darum, Auszeichnungen zu gewinnen, sondern vor allem um die Sichtbarkeit, die sie mit sich bringen. Ich interessiere mich sehr für die Start-up-Welt, die normalerweise wie eine Nische ist – voller Tech-Start-ups und Spin-offs.

Das FIF ist breiter angelegt und für mich besonders interessant, da ich mich mit anderen Unternehmerinnen austauschen kann, die nicht unbedingt aus dieser spezifischen Welt stammen. Zudem bringt es Sichtbarkeit für Frauen und hilft uns zu wachsen. Und noch etwas: Wir haben in Lausanne gegründet, und der Recognition Award hilft uns, auch in der Deutschschweiz bekannter zu werden.

Wenn ich einen Teil der Interviewaufnahme, die wir gerade gemacht haben, in eine App schicke, die mit Virtuosis AI arbeitet – was würde sie mir über Lara Gervaise sagen?

Wenn Sie das mit Modellen unserer KI analysieren, würde es Ihnen wahrscheinlich sagen, dass ich leichte Angstzustände habe und ziemlich unter Zeitstress stehe. Ich benutze das System tatsächlich oft selbst, fast jeden Tag. Ich habe ein Plug-in für Teams installiert, sodass ich auf meiner Seite Zugriff auf alle Erkenntnisse habe. Das ist natürlich auch ein Weg, intern einen Grossteil der Anwendungen zu testen.

Virtuosis AI ist extrem schnell gewachsen – gibt es etwas, das Sie rückblickend anders hätten machen sollen?

Im Nachhinein ist es immer leicht, das zu sagen. Wir hätten schneller einstellen sollen, aber wir wollten bewusst nicht zu früh wachsen, um das Risiko zu vermeiden, bei nachlassendem Wachstum Entlassungen vornehmen zu müssen. Wir warteten ab, um die tatsächliche Nachfrage zu sehen, bevor wir Stellen ausgeschrieben haben. Hätten wir gewusst, dass die Nachfrage so schnell steigen würde, hätten wir früher rekrutiert. Wir hätten weniger unter Druck gestanden, und es hätte wahrscheinlich weniger Auswirkungen auf meine Gesundheit gehabt.

Was ist passiert? Mögen Sie das mit uns teilen?

Ich bin sehr vorsichtig und überwache vieles, aber ich habe monatelang zu viel gearbeitet. Ich brauche neun Stunden Schlaf, hatte aber nur etwa vier Stunden. Das wirkte sich auf meine Gesundheit aus. Zeitweise ist meine Herzfrequenz stark ge­­­sunken. Die Apple Watch, die ich damals trug, schlug Alarm – ich lag bei 30 BPM. Ich habe reagiert, mein Team informiert und begonnen, Aufgaben zu delegieren.

Was ist für Virtuosis AI der nächste Schritt?

Ich komme gerade von einer Besprechung für das Swiss Eco­­nomic Forum 2026. Ich bin in der Kategorie „Jungunternehme­rin des Jahres 2026“ nominiert. Es gibt einen Preis für „alle“, also sowohl für Frauen als auch für Männer, und zusätzlich einen speziellen Award für Frauen. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist, dass es für die Männer einen Barpreis gibt, während für den Frauen-Award kein Preis vorgesehen ist. Diese Tatsache schränkt die Chancen der Frauen ein, um die regulären Auszeichnungen zu konkurrieren, und bewirkt damit das Gegenteil dessen, was intendiert ist.

Was Virtuosis AI betrifft, sind wir aktuell auf der Suche nach weiteren Mitarbeitenden, insbesondere im Bereich Forschung und Entwicklung. Das hat für mich Priorität, da wir wettbewerbsfähig bleiben müssen. Wir arbeiten an einer Vielzahl von Krankheiten, für die wir validierte Modelle haben. Insgesamt beschäftigen wir uns mit 25 Erkrankungen, beispielsweise chronischen Nierenerkrankungen. Zudem lege ich grossen Wert auf die Untersuchung hormoneller Veränderungen, da diese sich stark auf die Stimme auswirken. Tatsächlich können wir durch die Stimme die Wechseljahre und sogar den Beginn der Peri­menopause erkennen. Künftig werden wir auch in der Lage sein, Menstruationszyklen präzise zu identifizieren.

Weiterführende Informationen und ein Free Trial für alle Leserinnen und Leser:

app.virtuosis.ai


Creator
Dörte Welti
Journalistin

Quelle: Dörte Welti: „Muss man der KI vertrauen?“, Ladies Drive Magazin, Nr. 73 (2026)., S. 64-65.

Veröffentlicht online am 4 Mai, 2026
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