Monika Sattler: Sicherheit oder Herausforderung

Vorgestellt in der Magazinausgabe:

Text: Dörte Welti
Foto: Björn Sum

Ladies Drive No. 74. Monika Sattler: Sicherheit oder Herausforderung
Female Innovation Forum 2026

LD – Mag

Am einfachsten wäre es, zu schreiben, was Monika Sattler alles noch nicht ausprobiert hat. Die 40-jährige Athletin und Executive Performance Advisorin durften wir als Keynote-Speakerin an der diesjährigen League of Leading Ladies Conference erleben. Für sie ist das diesjährige Motto der Konferenz „The Chameleon Effect – Survival of the Flexible?“ tägliches Brot – ohne Fragezeichen.

Monika Sattlers Vita ist, retrospektiv betrachtet, ein buntes Kaleidoskop an Stationen, die sie sich erkämpft hat, oder Chancen, die sich plötzlich von aussen ergeben haben. Geboren wurde sie in Darmstadt, das Abitur machte sie in München. Ursprünglich wollte sie Mathematik studieren, doch während eines Praktikums an der Technischen Universität München stellte sie fest, dass diese Naturwissenschaft doch nicht ihr Fach ist. Medizin war die zweite Wahl. Sie bewarb sich zunächst bei der Bundeswehr für eine Ausbildung zur Ärztin, was eine 17-jährige Verpflichtung bedeutet hätte. Sie wurde abgelehnt. Da dachte sie zum ersten Mal darüber nach, was sie eigentlich wirklich möchte – und kam auf den Sport, der ihr immer Spass gemacht hatte, Volleyball im Speziellen. In Deutschland kommt man damit an den Universitäten nicht weit, dort betreibt man Sport eher als Freizeitvergnügen. Also bewarb sie sich in den USA, wo es genau umgekehrt ist: Man bekommt ein Stipendium, weil man in einer Sportart gut ist, und studiert dann, was man gerne studieren möchte.

HARTE ZEITEN, KONSEQUENTER CHANGE

Monika schaffte es und wurde an einer Universität in South Carolina angenommen. Ihre Meinung über ihr Studienfach hatte sich inzwischen geändert; sie interessierte sich für Sicherheitspolitik mit Fokus auf nukleare Waffen. Ihr Ziel: nach dem Abschluss zum Bundesnachrichtendienst (BND) in Deutschland zu gehen. Die Studierenden an dieser Universität: 3’800 People of Color, 50 Weisse, inklusive ihr. Sie erlebte eine Form von umgekehrter systemischer Ausgrenzung und fand als weisse, blonde Frau keinen Anschluss an der staatlichen Universität. Ein Jahr hielt sie dort aus. „Das war die härteste Zeit meines Lebens.“ Auf die Frage, was das Schlimmste daran gewesen sei, sagt sie: „Ich habe gemerkt, wie allein man sein kann, wenn man keinen Bezug zu irgendetwas hat. Zu keinen Regeln, zu keinen Personen, zu nichts. Alles ist fremd.“ Von einer Rückkehr nach Deutschland wollte sie damals nichts wissen: „Ich soll wieder mit meinen Schulkollegen an der Uni in München sitzen? Das wäre für mich gleichbedeutend mit Scheitern gewesen.“ Sie suchte sich ein neues Stipendium, bewarb sich an 50 Universitäten in den USA und bekam die Zusage einer Universität in Rhode Island, die genau das umgekehrte Bild bot: fast nur weisse Studierende, nur zwei oder drei mit dunkler Hautfarbe. Sie freundete sich mit einer dunkelhäutigen Kommilitonin an, „weil ich genau wusste, wie es ihr geht“.

KEIN 9-TO-5-JOB

Beim Erzählen überholt Monika sich fast selbst, sie habe zu viel Energie, meint sie lachend, und schildert, wie sie sich nach dem Bachelor mit Fokus auf Nordkorea bei einer weiteren Universität in den USA für ein Master-Stipendium bewirbt, abgelehnt wird, nachhakt, wieder abgelehnt wird und nicht lockerlässt – bis sie das Stipendium an der Georgetown University bekommt. Sie studiert erneut Sicherheitspolitik, diesmal zum Thema Nuklearwaffen mit Fokus auf Iran. Die Universität ist berühmt für diesen Themenbereich, mit namhaften Dozenten, ehemaligen Central Intelligence Agency- Agenten und Diplomaten. Sie schliesst ab. Doch während des Studiums dämmert ihr, dass sie irgendwie auf dem falschen Weg ist. Ein 9-to-5-Job in einem Büro beim Bundesnachrichtendienst, wie ursprünglich geplant, erschien ihr plötzlich nicht mehr erstrebenswert. Eher staubtrocken. „Die nächsten 50 Jahre irgendwo als Beamtin in einem Büro sitzen? Nein.“ Sie spürte, sie muss raus, Fieldwork leisten irgendwo; beim BND war das eher keine Option. „Meine James-Bond-Träume hatten nichts mit der Realität zu tun.“ Sie ging stattdessen zum Internationalen Währungsfonds bei der Weltbank und arbeitete dort. Während all der Zeit trieb sie weiter Sport, fuhr Rad, machte Adventure Racing – eine Art Orientierungslauf per Fahrrad. Sie lebte in Washington, D.C. „Da stolperst du regelrecht über Armeeangehörige oder Ex-Marines.“ Kollegen, mit denen sie hart trainieren konnte. Einer davon lud sie auf eine 50-Kilometer-Radtour ein. „Ich habe gedacht, das ist superlangweilig“, gibt Monika zu, „aber ich merkte: Es braucht Durchhaltevermögen.“ Sie fuhr immer wieder mit, bis sie die 50 Kilometer nicht nur schaffte, sondern auch mit ihren männlichen Kollegen mithalten konnte.

SICHERHEIT ODER HERAUSFORDERUNG?

Nach eineinhalb Jahren musste sie sich entscheiden, ob sie eine steuerfreie Karriere bei der Weltbank machen möchte oder Radprofi werden will. „Für meine Familie und Freunde war das ein No-Brainer“, erinnert sich Monika. Jeder habe gesagt, sie müsse bei der Weltbank bleiben, ein so sicherer Job. Sie aber habe ganz anders gedacht: „Ich hatte Lust auszuprobieren, was es überhaupt heisst, Radprofi zu werden.“ Sie war damals bereits 25 Jahre alt – ein Alter, in dem andere Sportprofis sich langsam mit dem Ende ihrer Karriere beschäftigen. „Zu der Zeit war der Radsport noch nicht so entwickelt wie heute“, erinnert sich Monika. Man habe damals noch als Quereinsteigerin be- ginnen können. Sie fährt drei Monate in der Bundesligaklasse in einem Stuttgarter Team. Verdienen muss sie in dieser Zeit nichts, sie hatte sich genügend Rücklagen erarbeitet. Dann stellt sie wieder fest, dass es nicht das ist, was sie machen möchte. „Das hat sich angefühlt wie Scheitern“, gibt sie unumwunden zu. „Ich habe alles gegeben, mich mit dem Sport identifiziert.“

AUF REKORDFAHRTEN

Ihr kam aber eine wichtige Erkenntnis: „Ich habe festgestellt, dass das Rennen gegen andere nicht das ist, was mich glücklich macht, sondern eher die Challenge, gegen mich selbst anzutreten.“ Sie setzt sich in der Folge Ziele, kündigt einen sicheren Job und zieht nach Spanien. 2018 ist es die Vuelta a España, die sie reizt, eines der härtesten Radrennen der Welt. Sie nimmt zwar nicht am Rennen teil, wird aber die erste Frau, die am gleichen Tag wie die Profis die Strecke in Spanien fährt – 3’085 Kilometer, 129 Stunden auf dem Rad, 49’337 Höhenmeter auf elf Etappen –, nur wenige Stunden vor dem Profifeld. 2022 sollen es 124 Schweizer Pässe in 26 Tagen sein. Sie schafft das: 3’369 Kilometer in 110 Stunden Radfahren, 56’260 Höhenmeter spult sie ab. 2024, nach 15 Jahren Radsport, qualifiziert sie sich für die HYROX World Championships.

NICHTS ZU VERMISSEN

Wenn man das so liest – die vielen Wechsel, immer wieder neuer voller Einsatz, oft in für sie völlig unbekannten Metiers und immer wieder in neuen Ländern, weil sie mehrfach in den USA, in Australien und in Spanien gelebt hat –, fragt man sich, ob es Dinge gegeben hat oder noch gibt, die auf der Strecke bleiben. Die Frage bremst Monika in ihrem Erzählfluss. Sie denkt nach und sagt, man würde sie immer wieder fragen, ob sie nicht ihre Familie vermisse. Und? Hat sie oder tut sie? „Ich glaube, es ist völlig egal, wo du bist. Die Nähe zur Familie definiert sich nicht durch physische Nähe, sondern dadurch, ob du mit ihnen jeden Tag redest, ob da eine bestimmte Verbindung entsteht. Und die ist jetzt stärker als zuvor.“ Vermissen tue sie überhaupt rein gar nichts.

ALL IN ALS UNTERNEHMERIN

Inzwischen ist Monika Unternehmerin. Sie hat ihr eigenes System entwickelt und hilft anderen, ihre Ziele zu erreichen. Da muss man fast ketzerisch fragen: Viele Sportler werden nach ihrer aktiven Zeit Coach, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen. Wie ist das bei ihr? Was unterscheidet ihr System von anderen? „Ich bezeichne mich nicht als Coach“, korrigiert Monika. „Ich habe durch meine vielfältigen Tätigkeiten bei der Weltbank, bei IBM, wo ich einige Jahre gearbeitet habe, und bei anderen Firmen den Unternehmensbezug. Und meine Erfahrung als Radfahrerin hilft mir, meine sportlichen Erkenntnisse eins zu eins in die Unternehmenswelt zu übertragen.“ Ihr Credo: „Die grössten Ideen machen keinen Fortschritt, wenn man auf irgendjemanden irgendwo wartet.“ Rekorde hätten sie nie interessiert, sondern immer das Lernen. Kurz nach dem Interview und den zwei Tagen mit der League of Leading Ladies will sie eine neue Challenge mit dem Rad meistern: 30 Tage, 30 Berge. You go, girl!


Monika Sattlers Methode: CLIMB

Ladies Drive No. 74. Monika Sattler: Sicherheit oder Herausforderung
Foto: Jose Valdueza

Monika Sattler erarbeitet unter anderem mit ihren Klienten die Antwort auf eine Frage: Was braucht es – oder was muss getan werden –, um vorwärtszukommen? Klingt banaler, als es ist. Grundsätzlich verlangt das brutale Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Das C in CLIMB steht für Clarity, die Suche nach der Priorität Nummer eins. Das L steht für Leadership und die Frage, wer Verantwortung übernimmt, wenn sich Vorzeichen ändern. Das I steht für Infrastruktur – also dafür, was technisch respektive praktisch vorhanden sein muss, um Fortschritt zu ermöglichen. Das M steht für Milestones, sichtbare Erfolgszeichen. Und das B steht für Balance und für das, was die langfristige Sicherheit des Erfolgs garantiert. Monika Sattler liess in einem Workshop an der diesjährigen League of Leading Ladies Conference alle Teilnehmenden ein CLIMB individuell oder im Team erarbeiten. Natürlich kann man in so kurzer Zeit keine wirklich tiefen Erkenntnisse herausschälen. Aber man bekam einen Eindruck davon, was es bedeutet, sich schonungslos ehrlich mit dem eigenen Fortschritt – und damit, wie er gelingen soll – auseinanderzusetzen.

monikasattler.com


Creator
Dörte Welti
Journalistin

Quelle: Dörte Welti: „Monika Sattler: Sicherheit oder Herausforderung“, Ladies Drive Magazin, Nr. 74 (2026), S. 50-52.

Veröffentlicht online am 6 Juli, 2026
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