Warum wir den Sinn heute im Netz suchen

Text: Prof. Dr. Katja Rost
Illustration: Natasha Papst

Ladies Drive No. 74. Prof. Dr. Katja Rost: Warum wir den Sinn heute im Netz suchen. Illustration: Natasha Papst
Ladies Drive Bargespräche – Vol.80

LD – Mag

Wer heute nach Sinn sucht, geht nicht unbedingt in eine Kirche. Er öffnet eine App.

Dort läuft der Sonntagsgottesdienst mit ­Live-Chat, auf Discord verabreden sich neomonastische Grup­pen zur digitalen Stille, auf Instagram kursieren Achtsamkeits-Challenges, auf TikTok werden Tarotkarten gelegt. Es gibt virtuelle Kerzen für Verstorbene, Trauerchats, WhatsApp-Gebets­kreise, Beichttermine per App und KI-gestützte Seelsorge auf Abruf. Selbst dort, wo Religion nicht mehr Religion heissen will, nimmt sie spirituelle Formen an: in Journaling-Apps, Atem-Coaches, Remote-Retreats und Selbstfindung im Design der Selbstoptimierung.

Man kann darüber spotten. Die Smartwatch erinnert ans Mit­tagsgebet, die Gebetsserie wird wie ein Fitnessprogramm ge­pflegt, die Meditation gegen existenzielle Unruhe algorithmisch personalisiert. Doch Spott greift zu kurz. Denn das eigentliche Phänomen ist nicht die technische Form, sondern das soziale Bedürfnis dahinter. Die entscheidende Frage lautet: Warum suchen so viele Menschen gerade im digitalen Raum nach Sinn, Halt und Trost?
Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen. Seit Jahren treten Menschen in Rekordzahlen aus den Kirchen aus. Taufen, kirchliche Hochzeiten und andere traditionelle Rituale verlieren an Bedeutung. Der Trend zur Säkularisierung scheint eindeutig. Und doch verschwindet das Bedürfnis nach Sinn nicht. Es wechselt nur den Ort.

DIE EROSION DES PRIVATEN

Das ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck einer tieferen gesellschaftlichen Veränderung. Unsere Lebensform ist in den vergangenen Jahrzehnten radikal individualisierter geworden. Beziehungen, Freundschaften, Partnerschaften und Zugehörig­keiten sind freier, aber auch unverbindlicher geworden. Was früher durch Institutionen, Normen und stabile Erwartungen getragen wurde, muss heute immer wieder neu ausgehandelt werden.
Gerade im Intimen wird dieser Wandel sichtbar. Heiraten ist keine Selbstverständlichkeit mehr, Partnerschaften entstehen später, halten oft kürzer, verlaufen serieller. Eine Befragung unseres Instituts aus dem Jahr 2026 unter 18- bis 50-jährigen Schweizerinnen und Schweizern zeigt, wie stark sich die intime Ordnung ausdifferenziert hat: Das Paar mit Kindern ist zwar noch die grösste Gruppe, aber nur noch eine Lebensform unter vielen – neben Paaren ohne Kinder, Beziehungen mit ge­trennten Haushalten und sehr unterschiedlichen Formen des Singlelebens. Dating ist von langfristiger Bindung entkoppelt, digitale Plattformen organisieren Begegnungen nach den Logiken von Auswahl, Sichtbarkeit und Selbstpräsentation. Das Bedürfnis nach Nähe ist dabei keineswegs verschwunden. Aber die Bedingungen, unter denen sie entsteht, sind unsicherer geworden.
Mit der gewonnenen Autonomie wächst deshalb nicht nur die Freiheit, sondern auch die Zumutung. Wer sein Leben selbst entwerfen soll, muss auch Krisen selbst deuten, Verluste selbst verarbeiten und Brüche selbst integrieren. Die spätmoderne Gesellschaft verspricht Selbstbestimmung, entlässt den Einzel­nen aber oft aus genau jenen Zusammenhängen, die früher Orientierung und Rückhalt boten.

DER BERUF ALS ZWEITE HOFFNUNGSFIGUR

Diese Erosion betrifft jedoch nicht nur das Private. Sie prägt auch die Arbeitswelt – und damit jenen Bereich, in dem Erwachsene einen grossen Teil ihres Lebens verbringen. Arbeit ist heute für viele weit mehr als Broterwerb. Sie soll Identität stiften, Anerkennung verschaffen, soziale Kontakte ermöglichen und im besten Fall sogar Sinn geben. Der Beruf ist damit zu einer zweiten grossen Hoffnungsfigur geworden: Wer sich nicht mehr über Religion, Milieu oder stabile Familienformen definiert, sucht Verwirklichung nun oft im Beruf.

Gerade darin liegt die neue Verwundbarkeit. Denn dieselbe Arbeitswelt, die Autonomie, Kreativität und Selbstentfaltung verspricht, organisiert sich zunehmend über Befristung, Projektarbeit, Flexibilität und permanente Anpassung. Teams formieren sich auf Zeit, Führung bleibt oft situationsbezogen, Karrieren verlaufen weniger linear und Arbeitsorte wechseln. Was nach Freiheit klingt, bedeutet in der Praxis nicht selten Unsicherheit. Flexible Arbeitsverträge verlagern unternehme­rische Risiken auf die Beschäftigten, flexible Führung bietet Verantwortung ohne Rückhalt, flexible Teams erschweren langfristige Bindungen, und die Logik mobiler Karrieren greift bis ins Private hinein: Beziehungen müssen mit Ortswechseln, Verfügbarkeiten und Berufsanforderungen kompatibel bleiben. So wird auch das Intime anpassungsfähig gemacht – etwa in Form von Beziehungen auf Distanz oder dauerhaft auf­geschobener Familiengründung.
Hinzu kommt, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Leben poröser geworden sind. Wer ständig erreichbar ist, im Home­office arbeitet oder sich als eigenes Projekt managen soll, muss sich fortlaufend selbst organisieren, motivieren und stabilisieren. Die Sprache der Gegenwart ist voll von Begriffen wie Resilienz, Purpose, Achtsamkeit, Balance oder Selbstführung. Das sind nicht nur Managementvokabeln. Es sind auch Begriffe einer Kultur, in der die Last der Orientierung immer stärker auf das Individuum übergeht.

DAS NETZ ALS INFRASTRUKTUR FÜR SINN

Hier beginnt die eigentliche Karriere des Digitalen als Sinnraum. Das Internet ist längst nicht mehr nur Informationsspeicher, Unterhaltungsmaschine oder Arbeitsmittel. Es ist auch eine Infrastruktur für Trost, Übergangsrituale und existenzielle Selbstvergewisserung. Wer trauert, findet ein Memorial-Forum. Wer zweifelt, bekommt Tagesimpulse von einer App oder spricht mit einem Chatbot, der immer antwortet. Wer erschöpft ist, sucht auf YouTube nach Morgenroutinen, auf Instagram nach Achtsamkeitspraktiken oder in digitalen Retreats nach Momenten der Sammlung. Das Netz füllt damit eine Lücke, die nicht technischer, sondern sozialer Natur ist.

Dafür muss man nicht einmal religiös sein. Auch die säkulare Kultur ist heute von Sinnpraktiken durchzogen, die früher religiös codiert waren: Rituale der Einkehr, Übungen der Selbstbeobachtung, Gemeinschaft auf Zeit, Formen von Beichte, Bekenntnis und Erlösung in psychologischer oder therapeuti­scher Sprache. Der Unterschied ist nur: Sie treten nicht mehr als verpflichtende Ordnung auf, sondern als individualisierbares Angebot. Sinn wird gewählt wie ein Streamingprogramm – situationsbezogen, modular, personalisiert.

DIE AMBIVALENZ DIGITALER NÄHE

Darin liegt die Ambivalenz. Das Digitale demokratisiert den Zugang zu Trost und Orientierung. Es macht Angebote niedrig­schwellig, jederzeit verfügbar und für viele überhaupt erst erreichbar. Doch was Trost spendet, bleibt im Netz oft flüchtig. Digitale Gemeinschaft ist leicht zugänglich, aber nicht immer tragfähig. Der Algorithmus kann Aufmerksamkeit organisieren, aber keine Verbindlichkeit stiften. Ein Chatbot kann spiegeln, aber nicht wirklich Anteil nehmen.

Vielleicht suchen wir den Sinn heute deshalb im Netz, weil viele analoge Räume brüchig geworden sind. Nicht nur die Kirchen verlieren Bindungskraft. Auch Partnerschaften, Familien, Freundschaften, Nachbarschaften und Arbeitswelten sind we­niger selbstverständlich tragfähig als früher. Der Boom digitaler Spiritualität ist deshalb weniger die Rückkehr der Religion als ein Symptom sozialer Vereinzelung. Die Sehnsucht jedenfalls ist ungebrochen. Nur ihr Ort hat sich verändert. Das sollte auch Unternehmen zu denken geben. Sinn entsteht nicht durch Purpose-Rhetorik, sondern dort, wo Menschen Verläss­lichkeit, Zugehörigkeit und soziale Stabilität erfahren.


Creators
Natasha Papst
Mediengestalterin

Quelle: Natasha Papst, Prof. Dr. Katja Rost: „Warum wir den Sinn heute im Netz suchen“, Ladies Drive Magazin, Nr. 74 (2026), S. 24-25.

Veröffentlicht online am 4 Juni, 2026
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