Beseelt – so fühle ich mich nach einem Konzert. Wie dieses unfassbar schöne Gefühl zustande kommt und was es dafür braucht, durfte ich Lena-Lisa Wüstendörfer im Rahmen eines League of Leading Ladies Dinners fragen. Die Schweizer Star-Dirigentin des Swiss Orchestra und Intendantin von Andermatt Music über Emotionen im Konzertsaal und den Sinn und Unsinn der digitalen Welt.

Ladies Drive: Ich habe neulich ein Bild gesehen, auf dem ein Roboter ein Orchester dirigiert, in dem Menschen und Roboter spielen. Was macht dieses Bild mit dir?
Lena-Lisa Wüstendörfer: Im Orchester geht es darum, Geschichten in Emotionen und Klängen zu erzählen. Wir nehmen die Zuhörer mit auf eine musikalische Reise und öffnen so neue Räume. Wenn ich einen Roboter dirigieren oder Roboter im Orchester spielen sehe, dann stelle ich mir vor, dass das sehr technisch klingen wird. Technische Perfektion streben wir in der Klassik natürlich an, aber das ist nur eine wichtige Ingredienz, um eine Grundstabilität zu schaffen. Die eigentliche Essenz ist, dass viele Menschen zusammenspielen, sich in einem Gedanken wiederfinden, sodass eine Emotion transportiert wird, die man mit rein technischen Mitteln nicht ausdrücken kann. Im Idealfall ist nicht nur das Orchester in einem Gedanken vereint, sondern alle Menschen im Konzertsaal. Im Zuschauerraum und auf der Bühne erlebt man zusammen einen einzigartigen Moment. Das ist für meine Begriffe ein Maximum an menschlicher nonverbaler Verständigung.
Wird in deinem Orchester auch in Zukunft der Mensch die erste Geige spielen?
Künstliche Intelligenz und Robotik können uns im Leben viel Arbeit abnehmen. Aber gerade bei Orchesterkonzerten, in die man explizit geht, um das Live-Erlebnis und die Interaktion zwischen Bühne und Publikum zu geniessen, werden sie uns nicht zur Konkurrenz. Ich glaube, das Publikum sähe darin gar keinen Mehrwert. Wir gehen als Zuhörende in ein Orchesterkonzert nicht nur, um wunderbare Musik zu geniessen, sondern auch, um dieses gemeinsame Gefühl zu erleben und einmal wegzukommen von den Maschinen, die uns sowieso den ganzen Tag in irgendeiner Art und Weise begleiten. Bei einem Symphoniekonzert in einem klassischen Konzertsaal wird nichts verstärkt. Alles ist „unplugged“, was für eine noch intimere Atmosphäre zwischen Publikum und Bühne sorgt.
Ist es das, was Menschen in einem Konzert suchen? Den Sinn unseres Menschseins?
Ich weiss nicht, ob man sich in einem Konzertsaal gerade die Sinnfrage stellt. Aber ich denke, Konzertbesucher kommen in eine Aufführung, um Musik zu geniessen, sich zu entspannen, auf andere Gedanken zu kommen oder weil sie sich inspirieren lassen und etwas erleben wollen. Wenn ich selbst als Zuhörerin in einem klassischen Symphoniekonzert sitze, dann kenne ich meistens das Stück, ich weiss, was mich erwartet, aber trotzdem wird die Geschichte jedes Mal etwas anders erzählt, die Musik etwas anders gespielt auf der Bühne. Selbst wenn ich als Dirigentin durch eine gewisse Déformation professionnelle das Gehörte gleich zu analysieren beginne, nimmt mich das Konzert idealerweise auf eine emotionale Reise, und es ist ein inspirierender Moment, den ich als Zuhörerin empfinde. Musikhören schafft gedankliche Freiräume und schärft die Sinne. Unser Ziel ist es, mit Musik die Sinne anzusprechen, nonverbal über Klänge zu kommunizieren. Ein Live-Konzert ist Nahrung für die Seele. Und die Seele unterscheidet den Menschen von der Maschine. Daher stehen die Chancen gut, dass der Mensch im Orchesterkonzert auch weiterhin die erste Geige spielen wird.
Was bedeutet der digitale Raum für dich?
Ich finde den virtuellen Raum sehr spannend. Als Chefdirigentin des Swiss Orchestra ist unser Management-Team an verschiedenen Orten in der Schweiz positioniert. Wir arbeiten seit unserer Gründung im Jahr 2018 im Homeoffice und cloudbasiert. Das macht das Arbeiten ungemein effizienter. Und natürlich ist es schön, dass wir durch Social Media und Plattformen wie Spotify, Apple Music oder YouTube auch ausserhalb der Konzerte Menschen erreichen und so verstärkt Musik verbreitet werden kann, die bislang unbekannt war. Denn beim Swiss Orchestra legen wir den Fokus auf Schweizer Klassik. Bis zu unserer Gründung wussten viele Leute überhaupt nicht, dass es aus der Zeit der Klassik und Romantik grossartige symphonische Musik aus Schweizer Feder gibt, die gut neben Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart und Co. gehört werden kann. Diese Schweizer Werke stehen nicht isoliert da, sondern haben auch im internationalen Kontext ihrer Zeit Wirkung entfaltet. Hierzulande geriet das jedoch in Vergessenheit.
Einer der Gründe ist, dass die Schweiz keinen starken Adel und keine starke katholische Kirche hatte, die üblicherweise Arbeitgeber von Komponisten waren. Also galt Komponist hier lange Zeit nicht als „richtiger Beruf“, sodass Schweizer Komponisten ihre Karrieren oft im Ausland machten und hierzulande weniger gefeiert wurden. Es gibt zwar Strassen, die nach Schweizer Tonschöpfern benannt sind, aber kaum jemand weiss, was sie für grossartige Musik geschrieben haben. Deshalb wurde das Swiss Orchestra gegründet. Wir machen diese Musik wieder erlebbar, bringen sie auf die Bühne und kombinieren sie mit Blockbustern und Standardrepertoire.

Wie können wir uns deinen Arbeitsalltag jenseits der Bühne vorstellen?
Mit den Musikerinnen und Musikern des Swiss Orchestra bereite ich die Konzerte vor Ort im Probensaal vor. Im Orchesterbüro sieht die Arbeit jedoch etwas anders aus: Hier arbeiten wir im Management-Team mit branchenspezifischer Software, nutzen Slack für die interne Kommunikation, sprechen uns in Video-Calls ab und treffen uns mindestens einmal im Monat in einem Team-Call, wo wir uns zu bestimmten Themen austauschen, diskutieren und einander gezielt unterstützen. Aber wir treffen uns auch weiterhin physisch im Orchesterbüro. Wir sind hinter der Bühne immer wieder auf der Suche nach der richtigen Balance zwischen Präsenz und Ortsunabhängigkeit. Insgesamt ist Führung in der hybriden Welt nicht einfacher geworden.
Hinzu kommt die Fülle an Informationen über die vielen Kanäle, die erdrückend sein kann. Hast du dafür eine Strategie entwickelt?
Das ist sicher eine Herausforderung für jedermann: informiert zu sein, ohne viel Zeit durch Ablenkung zu verschwenden, sodass Raum für das Wesentliche bleibt. Hinzu kommt die Frage, welche Kanäle man überhaupt verwendet. Wir haben für bestimmte Themen, über die wir informiert sein wollen, eine Medienbeobachtung. Was Social Media betrifft, bin ich nur auf bestimmten Kanälen und lasse andere kategorisch aus.
Nach welchen Kriterien wählst du sie aus?
Das ist eine Grundsatzentscheidung. Ich sorge dafür, dass mich die Leute erreichen können, aber ich schenke den sozialen Medien nicht zu viel Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist ein beschränktes und wertvolles Gut. Deshalb versuche ich, mich zu fokussieren. Es ist natürlich für jeden Künstler wichtig, eine gewisse Online-Präsenz zu haben. Zum Glück ist das in der Klassikbranche noch nicht ganz so entscheidend wie im Pop. Aber eine gewisse Präsenz ist wichtig.
Gibt es so etwas wie eine Nummer-eins-Plattform für das klassische Musikbusiness?
Im Management-Bereich – dazu zählen Orchestermanagement, Ticketing, Kundenbetreuung, Logistik, PR und Grafik – sind LinkedIn und Branchenkonferenzen wichtige Orte zur Vernetzung. Unsere Branche funktioniert in vielen Aspekten nicht anders als die Wirtschaft – man stellt sich das manchmal exotischer vor, als es ist. Was unsere Kommunikation mit Kundinnen angeht, setzen wir nicht nur auf Online-Medien, sondern auch klassische Medien spielen nach wie vor eine wichtige Rolle als Meinungsmacher.
Aktuell geht beispielsweise Rilke viral auf Social Media. Siehst du hier auch Potenzial für die Schweizer Klassik?
Auf jeden Fall. Wir können Bilder, Videos und Ausschnitte spontan publizieren und damit viel näher und interaktiver ans Publikum herankommen.
Im Orchester ist es wichtig, dass man einander zuhört. Pausen sind genauso bedeutsam wie Noten. In den sozialen Medien ist das verloren gegangen. Man hört nicht mehr zu. Man sendet vorwiegend. Wie ordnest du das ein?
Ja, Social Media zeigen sehr gut, wie es sein kann, wenn man sich nicht zuhört. Auf Social Media kommuniziert man zwar direkt, aber ohne ein richtiges Gegenüber. Man kommuniziert schnell und schriftlich, kann – oder will – die Reaktion des anderen aber nicht sehen. Wenn man hingegen von Mensch zu Mensch kommuniziert, vermag man viele Dinge zwischen den Zeilen zu lesen. Deshalb sind Begegnungen von Mensch zu Mensch, wie sie in einem Live-Konzert stattfinden, so wichtig. Sie reissen einen aus dieser Bubble.
Was können wir aus der klassischen Musik für das Business lernen?
Einander zuzuhören. Und dass man sich einig sein kann, ohne gleicher Meinung zu sein. In einem Konzertsaal sitzen so viele Menschen mit verschiedenen Ansichten und Meinungen über das Leben und die Welt. Wenn wir eine Beethoven-Sinfonie oder Musik eines Schweizer Klassikers aufführen, teilen Publikum und Menschen auf dem Konzertpodium diesen Moment harmonisch miteinander. Man ist vereint, obwohl man vielleicht ganz verschiedene Ansichten hat. Schon allein deshalb glaube ich, dass es gut ist, sich den Luxus eines Live-Konzerts zu leisten – zusätzlich zum Musikgenuss, zur Entspannung, Inspiration und den beim Swiss Orchestra vorprogrammierten Neuentdeckungen.
Was sagst du Leuten, die schon länger nicht mehr in einem klassischen Konzert waren?
Ein Konzert ist Wellness für die Seele und Abenteuer für den Geist. Und beides lohnt sich auszuprobieren.
Lena-Lisa Wüstendörfer

Lena-Lisa Wüstendörfer ist Music Director des Swiss Orchestra und Intendantin von Andermatt Music. Ihre Konzertprogramme verbinden klassische Blockbuster mit Schweizer Trouvaillen und machen Lust, mehr zu hören und Neues zu entdecken. Die Schweizer Dirigentin ist mit dem Swiss Orchestra als einzigem national präsenten Berufsorchester regelmässig landesweit zu hören und zudem als Gastdirigentin international gefragt.
Lena-Lisa Wüstendörfer live erleben
Lust auf ein klassisches Musikerlebnis bekommen?
Hier geht’s zum Herbst- und Winterprogramm des Swiss Orchestra unter der Leitung von Lena-Lisa Wüstendörfer:
swissorchestra.ch/konzerte
Interessierte Ladies Drive-Leserinnen profitieren von einer 15%-Vergünstigung für die Konzerte in der Tonhalle Zürich, Tonhalle St. Gallen und im Casino Bern: Promocode LD267
(Code am Schluss des Bestellprozesses eingeben).






















