Ein handgeschriebener Brief, anonym und ohne Absender. Möglicherweise war die Person, die ihn geschrieben hatte, schon älter. Denn sie verwendete die Höflichkeitsform:
„Sie sind eine ganz dumme, blöde, fette Kuh. Hoffentlich bekommen Sie nie ein Kind, das würde von Ihrem Fett erstickt und erdrückt. Es würde sich sicher gegen Sie aufstemmen, wenn es grösser werden würde. Sie dumme Gans!“
Ich fragte mich noch wochenlang, weshalb sich jemand so viel Mühe gab, nur um Hass zu verbreiten. Es muss wohl das Konzept der Selbstwirksamkeit sein. Das Gefühl, etwas bewirken oder auslösen zu können. Tatsächlich setzt ein solcher Brief eine ganze Maschinerie in Bewegung. Das Porto hatte 80 Rappen gekostet, ein Baum hatte sterben müssen, mindestens drei Postangestellte wurden von diesem toxischen Brief durch Berührung kontaminiert.
Briefe gibt es heute nur noch selten. Von denkmalgeschützten Postämtern steht nur noch die Fassade, wie in einem Potemkinschen Dorf. Kommunikation passiert im Internet.
Doch auch hier ist vieles Fassade. Menschen machen sich schöner oder ersetzen ihre Persönlichkeit durch künstliche Intelligenz. Was echt ist und was fake, vermögen heute nicht einmal mehr die Profis zu unterscheiden. Die Geschwindigkeit der sich abwechselnden Memes, Posts, Reels, Shorts und Pop-up-Fenster ist atemberaubend.
Wer weiss, wie man wischt, ist im Vorteil. Denn einen Dopaminkick versprechen diese medialen Mitteilungen vor allem dann, wenn man ihre Geschwindigkeit selber bestimmen kann. Im besten Fall lenken sie nur ab, im schlimmsten fällt man in ein Rabbithole.
Ich möchte diese Kolumne schreiben. Doch ständig werde ich abgelenkt. Es piept, ein Fenster poppt auf, hier ein Post, da ein Post: Eine Tradwife erklärt, dass sie nur für ihren Mann hier sei. Was aufgehen muss, ist nicht ihre Pensionskasse, sondern der Teig für das Brot, das sie selber bäckt, aus dem Mehl, das sie von Hand gemahlen hat, mit der Mühle, die sie selbst gebaut hat, darin das Korn, welches sie selbst gesät und geerntet hat. Auch ein blindes Huhn kann so ein Korn finden. Auch das: reine Fassade! Diese Tradwives sind Unternehmerinnen und verdienen oft mehr als der Mann, für den sie angeblich arbeiten.
Darauf kann ich nur noch mit Humor reagieren. Dies ist meine Art der Selbstwirksamkeit. Sonst würde ich am virtuellen Wahnsinn der Welt verzweifeln. Natürlich nutze auch ich das Netz, um meine Memes zu verbreiten oder um für meine Auftritte Werbung zu machen. Instagram ist die neue Kultur-Agenda, LinkedIn ist die Kantine der Teppich-Etage, Facebook der Boomer-Stammtisch, zusammen mit den Kommentarspalten von Boulevard-Zeitungen. Hier kann man auch in der ungewaschenen Unterhose mitmischen.
Dort ist es ganz einfach, anonym Hass zu säen wie eine Tradwife das Korn, es muss kein Baum mehr gefällt werden, kein Postbote den Umschlag abliefern.
„Patti Basler? Wer ist diese Frau? Muss man die kennen? Noch nie gehört!“, schreibt einer unter jeden Artikel im Netz, welcher von mir handelt. Nach einem Jahr wird seine angebliche Patti-Basler-Demenz unglaubwürdig.
Ein anderer schreibt: „Die isst so dum und unitelligent nichtlustig garnicht.“ Ich bin überzeugt, dass die vielen Rechtschreibfehler nicht absichtlich eingebaut wurden, dies wäre wenigstens Ironie gewesen.
Ein Weiterer kommentiert jeden meiner Beiträge mit Smileys, welche sich übergeben, es ist eine ganz eigene Art von Bulimie, welche er für sich entdeckt hat, ich mache mir langsam sorgen um seine Gesundheit. Ich übergebe mich auch – nicht dem Hass, sondern der Diskussion, welche diese Hater offenbar suchen. Eine Win-win-Situation. Denn sie generieren Traffic. Die Ironie daran: Weil diese Hater so oft kommentieren, werden sie von der Plattform als „Topfan“ bezeichnet. Ich möchte die Kolumne fertig schreiben, doch auf dem Handy kommt eine Push-Mitteilung: „Dein Topfan Hansueli hat kommentiert: Du fetter Wal, dich sollte man ins Mehr zurück schaffen.“
Als gestrandeter Wal hätte ich immerhin einen Live-Newsticker, wie der Ostsee-Wal im Frühling dieses Jahres.
Einer hat die Bundesrätin Karin Keller-Sutter beleidigt. Mithilfe von KI. Da frage ich mich wirklich: Weshalb tut man so etwas? Weshalb nimmt man KI? Wo bleibt da der Spass an der Sache?
Wenn schon beleidigen, dann bitte handgemacht wie von einer Tradwife. Vielleicht schlägt der Hater so seine eigene Frau einmal weniger. Und wenn er einen Brief schreibt, hilft er möglicherweise, die Poststellen zu erhalten.
Doch Potemkinsche Dörfer brauchen keine Post.






















