
Ihr Fazit zum digitalen Zeitalter: Nicht die Tools sind das Problem – sondern wenn wir uns selbst darin verlieren. Ein Gespräch über digitale Resilienz, innere Autorität und warum das Wertvollste, was du online tun kannst, darin besteht, wie du selbst zu klingen.
Ladies Drive: Der Begriff „digitale Resilienz“ wird oft verwendet – was bedeutet er für dich konkret?
Arjanna van der Plas: Auf den ersten Blick geht es bei digitaler Resilienz um ganz praktische Dinge: Betrug erkennen, Daten schützen, klare Grenzen bei der Nutzung von Social Media setzen. Aber für mich als Leadership Coach geht es tiefer: In einer Welt voller Algorithmen und KI sind die digital resilientesten Menschen nicht diejenigen, die jedem Tech-Trend hinterherrennen. Es sind diejenigen, die den Mut haben, sich bewusst auszuklinken – ihre eigenen Überzeugungen zu hinterfragen, unbequeme Wahrheiten zu suchen und in echte Gespräche zu investieren. Selbst dann, wenn es einfacher wäre, sich hinter einer KI-generierten WhatsApp-Nachricht zu verstecken. Für mich stellt sich deshalb die Frage: Wie bleiben wir nicht nur sicher, sondern im Kern menschlich – in einer digitalen Welt?
Warum sind wir so anfällig dafür, uns von Online-Inhalten überwältigen zu lassen?
Unser Gehirn ist auf unmittelbare Bedrohungen ausgelegt – nicht darauf, eine globale Flut von Krisen zu verarbeiten. Gleichzeitig sind Online-Plattformen so gestaltet, dass sie unsere Aufmerksamkeit kapern. Endlos-Scrollen, Autoplay und Algorithmen liefern bei jedem Klick kleine Dopamin-Kicks – und halten uns fest, selbst wenn wir uns dabei ausgelaugt fühlen. Kurzformate verschärfen das zusätzlich: Sie verkürzen unsere Aufmerksamkeitsspanne und machen tiefes Nachdenken schwieriger. Digitale Resilienz beginnt damit, diese Mechanismen zu erkennen – und bewusst zu entscheiden, worauf wir unsere Energie richten.
Wie sieht das konkret im Alltag aus?
Ich behandle Social Media und News-Apps ähnlich wie Süssigkeiten bei meinen Kindern. Sie wissen, dass sie nicht den ganzen Tag Süsses essen sollten – würden aber trotzdem alles daransetzen, mehr zu bekommen. Also bewahre ich die Süssigkeiten an einem Ort auf, der schwer erreichbar ist. Für mich bedeutet das: Mein Handy hat im Schlafzimmer und beim Essen nichts verloren. Ich schalte Benachrichtigungen aus, nutze App-Timer, aktuell 30 Minuten für LinkedIn, und lösche Apps, die mich zu sehr verführen, wie Instagram. Bei Nachrichten achte ich darauf, Medien zu konsumieren, die mir helfen, zu verstehen und zu handeln – und mich nicht einfach nur stressen. Lieber lese ich einen fundierten Analyseartikel, der Dinge einordnet, als stündliche Updates zum Iran-Krieg. Und ich setze bewusst auf echte Begegnungen: ein persönliches Gespräch mit einer Kollegin oder ein kleines Treffen mit Menschen, um gemeinsam einzuordnen, was in der Welt passiert.
Du hast darüber gesprochen, dich als Konsumentin vor dem „Lärm“ zu schützen. Viele unserer Leserinnen und Leser produzieren aber selbst Inhalte – etwa auf LinkedIn oder in Newslettern. Wie funktioniert hier die Balance?
Als ich mich selbstständig gemacht habe, wurde mir geraten, dramatische, überspitzte Posts zu schreiben – Geschichten, die die „Pain Points“ meiner Zielgruppe als Krise darstellen, die nur ich lösen kann. Das fühlte sich falsch an. Vor allem, als mir eine Freundin auf Social Media entfolgte und meinte, sie vermisse die echte Arjanna. Heute nutze ich den „Freundinnen-Check“: Bevor ich etwas poste, frage ich mich: Würde es sich gut anfühlen, wenn eine Freundin mir diesen Text laut vorliest? Wenn ich dabei innerlich zusammenzucke, schreibe ich ihn neu. Das heisst nicht, dass du keine Erfolge teilen oder Kundinnen und Kunden gewinnen sollst – im Gegenteil. Aber tu es mit deiner echten Stimme und aus deiner echten Begeisterung heraus.
Kann man digitale Resilienz trainieren – wie einen Muskel? Oder ist es eher eine Frage der Haltung?
Ganz klar: beides. Es beginnt mit innerer Autorität – also damit, zu prüfen, ob das, was du tust, wirklich zu deinen Werten passt oder nur Gewohnheit oder Druck ist. Bevor du Nachrichten liest, kannst du dich fragen: Suche ich gerade Erkenntnis – oder vertreibe ich Langeweile und will einfach „up to date“ sein? Bevor du etwas postest: Entspricht das meiner echten Stimme – oder versuche ich, besonders beeindruckend zu wirken oder andere zu imitieren? Du kannst auch wöchentlich reflektieren: Wofür habe ich meine Zeit online verwendet? Was hat mir Energie gegeben – und was hat mich ausgelaugt? Und dann deine Gewohnheiten entsprechend anpassen.
Gibt es eine Gewohnheit, die dir hilft, wieder bei dir anzukommen, wenn der digitale Lärm zu laut wird?
Ich habe zwei Dinge, die mich erden. Das Erste ist Zeit in der Natur. Ich bin jedes Wochenende in den Bergen und mache unter der Woche kurze Spaziergänge. Je mehr Zeit wir in der digitalen Welt verbringen, desto mehr fühlen wir uns überfordert, isoliert und vom eigenen Körper getrennt. Studien zeigen immer wieder: Natur – das kann auch ein kleiner Park sein – senkt Stresshormone und verbessert unser Wohlbefinden.
Das Zweite ist Zeit mit echten Menschen. Wenn der Lärm zu laut wird, fahre ich mit dem Velo in mein zweites Wohnzimmer – ein kleines, gemütliches Café in unserem Dorf. Dort treffe ich immer jemanden, den ich kenne und schätze. Bei einer gemeinsamen Tasse Tee rückt die digitale Welt wieder in die richtige Perspektive.






















