Kaivalya Kashyap: Sinnfluencer

Interview: Claudia Gabler
Foto: International Academy of Transformative Leadership

Ladies Drive No. 74. Kaivalya Kashyap: Sinnfluencer
Female Innovation Forum 2026

Ladies Drive Bargespräche – Vol.80

LD – Mag

Kaivalya Kashyap teilt Erfahrungen aus der Transformation und erklärt, warum sich Sinn nicht konsumieren lässt.

Wie kann es in unserer voyeuristischen und exhibitionistischen Social-Media-Welt gelingen, das Bewusstsein anzuheben? Es ist möglich, weiss Sinnfluencer Kaivalya Kashyap aus eigener Erfahrung: wenn wir uns in Richtung Liebe, Frieden und Mitgefühl entwickeln. Wie das in unserer lärmigen Zeit gelingen kann und welche Begegnung sein Leben von Grund auf verändert hat – auf den Spuren der Transformation.


Ladies Drive: Kaivalya, du warst der Inbegriff eines Business­menschen, erfolgreich als CEO in der IT-Welt wie auch mit eigenen Firmen. Wie hat dein Weg der Transformation begonnen?

Kaivalya Kashyap: Ich wollte mein Leben lang Anerkennung, mich beweisen, der Beste sein. Bis ich ៤៨ war und gemerkt habe, dass ich mich selbst nicht liebe. Das war ein Riesenschock für mich. Ich habe von allen erwartet, dass sie mich lieben. Aber wieso konnte ich mir das nicht selbst geben? Ich war fertig mit der Welt. Das Leben machte keinen Sinn für mich, wenn ich nicht in der Lage war, aus mir heraus diese Liebe zu erfahren. Ich habe von einem Tag auf den anderen alles aufgegeben – meine Firmen, meinen Besitz – und mich auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage begeben, wieso ich mir selbst keine Liebe geben kann.

Was für ein mutiger Schritt!

Es war ein verzweifelter Schritt. Ich konnte so nicht weiterleben. Ich habe bei null angefangen, bin zuerst nach Japan gereist und habe dort das Vergebungsritual Ho‘oponopono kennengelernt. In Japan hat mir jemand empfohlen, nach Indien zu reisen und dort Maitreya Dadashreeji kennenzulernen. Ich hatte grosse Angst!

Wie war die Begegnung?

Am Anfang war ich total enttäuscht, denn ich hatte Erwar­tungen, wie Maitreya Dadashreeji sein sollte. Aber dann, vom Samstag auf den Sonntag, vom ១១. auf den ១២. Mai ២០១៣, bin ich in diese tiefe Liebe und diesen Frieden eingetaucht und wusste: Das ist es, was ich in den Westen bringen möchte. Fortan habe ich meine Arbeit dieser Mission gewidmet, Menschen durch das Erwecken der Liebe in sich zu inspirieren. Das hat mit dieser Begegnung begonnen und war auch der Grund für meine Suche. Und heute machen Menschen diese Erfahrung in der Begegnung mit mir.

Warum warst du am Anfang enttäuscht?

Das ist der Verstand. Er erwartet, dass ein Meister auf dem Teppich schwebt oder andere besondere Fähigkeiten hat. Dabei war er ganz normal. Er hat normal gesprochen, so wie wir jetzt miteinander sprechen. Nur spricht er nicht nur mit dem Mund, sondern vor allem auch von Herz zu Herz.

War das wie eine Erleuchtung für dich?

Nein. Es war zunächst ein innerer Moment von „Alles ist gut“. Er gab mir die Erfahrung, eins zu sein mit meinem Göttlichen, mit dem Licht in mir. Es war eine Einheitserfahrung: das Erkennen, dass es etwas Göttliches in jedem von uns gibt.

Was bedeutet das?

Das heisst, jeder lebt sein Leben in Beziehungen, in der Arbeit – aber in sich ist man eins mit dem Göttlichen. Es gibt keine Separation. Wenn diese Erfahrung in dir geschieht, wirst du realisieren, dass dein Leben kein Aufwand ist. Dass du eins wirst mit allem. Dein Verstand wird ruhig, und du wirst wichtige Entscheidungen aus dem Herzen heraus treffen. Du wirst dein Leben weiterleben, doch aus innerem Frieden.

Wie ist es dir gelungen, diese Erfahrung in den Westen zu tragen?

Dadashreeji hat gesagt, er würde mich ausbilden. Aber auch hier war ich zuerst enttäuscht und wütend über das, was ich bekam. Ich erwartete eine westliche Ausbildung mit Büchern, Tests, Examen, Korrekturlesen, Auswendiglernen, Verbessern. Nichts davon ist passiert. Ich war frustriert. Drei Monate war ich mit ihm im Ashram und habe nichts bekommen. Kurz vor meiner Abreise hat er mich gefragt, wie ich es gefunden habe. Ich habe ihn angelogen und gesagt, es habe mir sehr gut gefallen. Aber es hatte mir überhaupt nicht gefallen; ich war schockiert, dass er mir nichts gegeben hatte.

„Und jetzt soll ich in den Westen gehen?“, habe ich mich gefragt. „Womit? Ich weiss nichts, ich habe nichts.“ Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl von Freiheit, nackt zu sein, nichts zu haben. Und so bin ich in Europa herumgereist und habe mit Menschen gesprochen. Heute haben wir zwölf Gesellschaften in Nordamerika, Europa und im Nahen Osten.

Unglaublich! Und das alles ist aus dir heraus entstanden?

Es ist alles in uns vorhanden. Das ganze Universum ist in dir. Das ist bei jedem Menschen so. Aus dem Herzen heraus zu sprechen, erlaubt dir, vollkommen verbunden zu sein mit dem Universum. Das ist der Prozess, der bei mir passiert ist. Ich lebe einfach meine Natur. Ich versuche nicht, gut zu sein oder schlecht. Alles entfaltet sich vom Herzen aus, und ich bin mit allem in Herzverbindung.

Wenn ich mir die hasserfüllte Sprache in der Politik anhöre, sind wir derzeit weit davon entfernt, aus dem Herzen zu sprechen. Können wir das jemals wieder drehen?

Das passiert. Es ist nicht allein dein und mein Wunsch, dass Liebe und Frieden existieren. Du und ich, wir sind wie ein Tropfen in einem Fluss, der fliesst, und wir sollten einfach mitfliessen. Wir brauchen dafür nichts zusätzlich zu tun. Wir machen einfach genau gleich weiter, egal ob wir Arzt sind, Hausmann, Koch oder was auch immer. Wir sind Teil der Veränderung. Wir dürfen uns für Freiheit, Liebe und Frieden entscheiden. Wenn du das tust, wirst du sehen, wie sich vor deinen Augen die ganze Welt verändert.

Viele Menschen sind aktuell auf Sinnsuche – auch im digi­talen Raum. Würdest du dich als Sinnfluencer bezeichnen?

Ich bin ein Mensch und versuche, mein Bestes zu geben.

Ist das Internet dienlich bei der Sinnsuche?

Absolut. Die Technologie kommt nicht umsonst. Sie ist ein wichtiger Faktor, um das Licht zu verbreiten. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, was dieses Werkzeug kann – und was nicht. Unterscheidungsfähigkeit ist wichtig, damit wir nicht in eine Abhängigkeit verfallen. Es macht süchtig.

Wie vermeiden wir das?

Indem wir bei uns sind. Indem wir reflektiert sind. Indem wir in uns hineinspüren: Wie ist meine Energie? Wenn meine Energie tief ist, vermeide ich Social Media und gehe in die Natur. Auf­­merksamkeit, Reflexion und Disziplin sind wichtige Faktoren, die uns helfen. Und alle sind in uns vorhanden.

Wie ist deine Strategie, wenn du merkst, dass dein Energie­pegel nachlässt?

Meine Strategie ist, einen Rahmen für den Tag zu haben. Ich beginne jeden Tag bewusst mit einer Verbindung zu mir nach innen. Die ersten paar Stunden nutze ich, um bei mir zu sein, zu meditieren, etwas für meinen Körper zu tun – Yoga, Jogging oder Eisbaden mit meiner Frau. Dann bin ich bereit für den Tag, lese meine Nachrichten, schaue in die Agenda. Wenn ich merke, dass es mir nicht gut geht, versuche ich, wieder zu mir zurückzukommen, und meide Social Media. Social Media sind elektronische Plattformen, die dir keine Energie geben, sondern Energie absaugen.

Du bist viel auf Reisen und hast auch stressige Tage. Bist du manchmal überfordert?

Ich versuche, meinen Tag so zu gestalten, dass ich immer in meiner Kraft bin. Ich habe Kunden, die 15 Online-Meetings pro Tag abhalten. Das mag vielleicht effizient klingen, aber für die Produktivität eines Menschen ist es definitiv nicht förderlich. Deshalb mache ich das nicht, weil ich weiss, dass ich der Person gegenüber sonst nicht respektvoll sein kann. Wenn jemand mit mir einen Termin macht, dann hat sie oder er einen Anspruch darauf, etwas zu erhalten. So gestalte ich auch meine Agenda. Ich wertschätze die Zeit, die mir jemand schenkt. Ich bin vorbereitet, gebe meine volle Präsenz und Energie. Dann sind das auch sehr schöne Termine, die alle nähren.

Am Ende geht es um den Outcome dessen, was wir machen. Diese Resultate sind anders, wenn wir fokussiert sind, volle Energie geben und dann wieder rausgehen, eine Pause ma­­­chen, zu uns kommen, um wieder Energie zu sammeln. Immer nur Energie zu geben, macht überhaupt keinen Sinn. Das führt höchstens zu Gesundheitsthemen, wie wir sie kennen. Menschen werden gelobt, wenn sie eine volle Agenda haben und von einem Ort zum anderen herumsurren. Aber was ist wirklich das Resultat?

Ist dieses bewusste Leben und Wahrnehmen, was in uns pas­­siert, und aus Liebe heraus zu agieren ein Skill, den wir auch ohne drei Monate Ashram in Indien lernen können?

Es ist etwas, das sich mit der Anbindung an deine eigene Quelle und deinen eigenen Core entwickelt, wie wir es nennen. Wenn du mit deinem Core verbunden bist, ist alles da. Wenn du aus deinem Herzen heraus sprichst, wirst du sehen, dass deine Werte, Ethik und Moral automatisch mitkommen. Sie sind in dir. Du kannst sie nicht lernen oder versuchen zu verstehen. Es geht über den Verstand hinaus. Sie drücken sich in deinen Gedanken, Worten und Handlungen aus. Unsere Gedanken formen unsere Handlungen, unser Verhalten und unseren Charakter. So ist alles in uns göttlich angelegt und vorhanden. Wir müssen dafür nichts tun. Nur eine Entscheidung treffen, was wir mit unserem Leben machen wollen, und dann die Transformation zulassen.

Was ist deine Vision?

Meine Vision für mein Leben ist, dass wir zusammenkommen als „One World, One Family“. Diese Vision gibt mir die Kraft, das umzusetzen, was ich täglich mache. Ich habe vor ១៣ Jahren begonnen und tue jeden Tag etwas dafür. Es ist überhaupt nicht anstrengend. Wenn du dein Nordlicht für dich gefunden hast und ihm kontinuierlich entgegengehst, entsteht ganz logischerweise etwas. Wenn wir aus der Hektik heraus agieren, erreichen wir auch etwas, kreieren aber wahrscheinlich auch viel Verwirrung.

Auf welcher Basis entscheidest du, welche Kanäle du für die Verbreitung deiner Botschaft nutzt?

Auf Basis dessen, was mir Freude macht. Wenn man zur Veränderung inspirieren möchte, ist es wichtig, dass man nicht nur darüber redet, sondern sie lebt. Wenn man diese Einheit ist in Verhalten, Worten und Handlungen, dann nehmen einen die Leute automatisch wahr. Authentizität ist in uns, ebenso wie Resilienz und Agilität. Alles ist in uns vorhanden, wenn wir in Verbindung sind.

Wie ist man mit sich in Verbindung? Hast du dafür eine Technik?

Ich plädiere dafür, dass wir lernen, zutiefst menschlich zu sein, wieder dem Herzen zu vertrauen und zu erkennen, dass der Verstand ein wichtiges Werkzeug ist, aber nicht mehr. Was uns Richtung geben sollte im Leben, ist unser Herz. Wenn wir aus dem Core heraus agieren, spüren wir, wenn wir zu weit gegangen sind oder wenn es uns nicht mehr guttut. Darauf können wir Einfluss nehmen und Entscheidungen treffen, die auch zum Wohl anderer sind. Wir sollten damit aufhören, Erwartungen anderer zu erfüllen und uns zu vergleichen, sondern einfach wir selbst sein. Suche und drücke deine Wahrheit aus.

Social Media machen ja unter anderem deshalb unglücklich, weil wir nur senden und nicht zuhören. Wie schaffen wir es, einander wieder zuzuhören, um uns zu verstehen und nicht um zu ant­­worten, es besser zu wissen oder recht zu haben?

Ich glaube, wir dürfen erst einmal verstehen, wie die Welt heute ist. Ohne sie zu verurteilen, sondern einfach klar zu sein. Die Welt ist voyeuristisch und exhibitionistisch. Wenn man das klar sieht, kann man entscheiden: Will ich da mitmachen oder nicht? Wenn ich da mitmachen möchte, dann darf ich klar sein in dem, was ich senden möchte. Es gibt keine Verpflichtung, auf alles zu antworten, sofort zu reagieren oder zu allem eine Meinung zu haben. Es ist völlig in Ordnung, wenn eine Person eine Meinung hat und ich meine. Wenn wir verstehen, dass es sich nicht um einen Wettkampf handelt, nimmt uns das schon sehr viel von dem Druck, der in uns entsteht. Für mich ist Technologie sehr wichtig. Ich glaube, sie wird noch viel wichtiger werden, wenn wir wissen, wofür sie eingesetzt werden kann und wofür nicht. Was sie uns geben kann und was nicht. Dazu fehlt uns kollektiv heute noch das Bewusstsein.

Wie äussert sich das?

Nehmen wir als Beispiel unsere Klimasituation. Wir haben global ២៧ Klimakonferenzen durchgeführt, zwei davon in Dubai und im Amazonas, wo viel Regenwald abgeholzt wurde, damit sie statt­finden konnten. Es klingt wie ein Scherz. Wir haben alle Daten, wir haben die Technologie. Was uns fehlt, ist das Bewusstsein. Das ist die Hauptarbeit, die meine Freunde und ich leisten: dieses Bewusstsein anzuheben. Mit dem, was bereits vorhanden ist, und mit dem Bewusstsein dafür, wie wir diese Werkzeuge einsetzen, werden wir einen Skalierungseffekt erzielen. Heute ist er nicht da. Das dürfen wir auch klar sehen. Aber wir dürfen uns nicht auf­­halten lassen.

Wie sollen wir vorgehen?

Sokrates hat gesagt: „Teile nur Positives, Nützliches und Wahres.“ Wenn du etwas teilst, teile es aus deinem Herzen heraus. Wenn es wahr, positiv und nützlich ist für andere, ist das mehr als genug.

Hast du drei Tipps zur Sinnsuche und zum Sinnstiften im digitalen Raum?

Vergleiche dich nicht. Du bist Licht, du bist einmalig, es gibt kein zweites Wesen wie dich – also hör auf, dich zu vergleichen. Achte auf deine Gedanken und auf das, was du sendest, auf deine Intention, wenn du etwas im digitalen Raum teilst. Wenn sie sich nicht gut anfühlt, mach es nicht. Achte auf deine Energie. Das ist das wichtigste Gut, das wir in Eigenverantwortung haben. Man kennt das: Man wollte „nur kurz“ auf Social Media und auf einmal ist man drei Stunden drin und fühlt sich danach low. Also achtet noch besser auf eure Energie.


„Zutiefst menschlich führen“

lautet das Motto der International Academy of Transformative Leadership unter der Leitung von Kaivalya Kashyap. Wer die im Interview beschriebenen Ansätze vertiefen möchte, kann dies im Leadership Seminar „AWARENESS – Performance beginnt mit dir“ vom ២៦. bis ២៨. Juni ២០២៦ in Oberbayern tun.

Weitere Informationen: iatl.co/event/awareness-26-06-26/
oder per email sabine.muehle@iatl.co


Creator
Claudia Gabler
Beitragsautorin

Quelle: Claudia Gabler: „Kaivalya Kashyap: Sinnfluencer“, Ladies Drive Magazin, Nr. 74 (2026), S. 26-29.

Veröffentlicht online am 16 Juni, 2026
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