Die hohe Kunst der tiefen Schläge

Vorgestellt in der Magazinausgabe:

Interview: Dörte Welti
Fotos: AGI Simoes, Reto Guntli

Ladies Drive No. 74. Ina Rinderknecht.
Female Innovation Forum 2026

Ladies Drive Bargespräche – Vol.80

LD – Mag

Ein markanter Satz von Ina Rinderknecht, Innenarchitektin aus Erlenbach. Die 48-Jährige hat gelernt, flexibel zu sein, ohne sich zu verbiegen. Wir wollten die Frau kennenlernen, die das Art Deco Hotel Montana in Luzern seit 2021 in drei Etappen umbaut und dem historischen Haus schon heute ein spürbar einzigartiges Ambiente verleiht.

Ladies Drive: Ina, den Satz von dir „Die hohe Kunst der tiefen Schläge“ musst du uns erklären …

Ina Rinderknecht: Nur aus Tiefschlägen wachsen wir. Nur mit Druck kann ein funkelnder Kristall geschliffen werden. Und nur unter Druck entstehen die schönsten Diamanten. Leider bewegen wir uns viel zu selten aus der Komfortzone heraus.

Wir haben an der gerade zu Ende gegangenen League of Leading Ladies Conference genau dieses Thema vertieft. Das Thema war „The Chameleon Effect – Survival of the Flexible?“. Was ist dein Supertipp, um in dieser volatilen Welt zu überleben?

Verzicht ist etwas ganz Wichtiges im Geschäftsleben. Genau zu wissen, wohin die Reise geht, und es auch einmal aushalten zu können, wenn im Job nichts geht. In solchen Zeiten sollte man die eigenen Talente reflektieren und sich auf das eigene Können besinnen.

Wir waren hingerissen vom Ambiente des Art Deco Hotel Montana in Luzern und wollten wissen, wer dafür verant- wortlich zeichnet. Das Hotel wurde 1910 eröffnet. Es hat eine grandiose Geschichte, du wurdest mit dem Umbau respek- tive der Renovation beauftragt. Welche Faktoren spielen heutzutage in der Hotellerie eine Rolle?

Als Innenarchitekten haben wir das Werkzeug, aber bei einem Hotel wie diesem, mit einer langen Geschichte und vielen denkmalwürdigen Elementen, haben wir zusätzlich ganz klare Vorgaben, was operativ funktionieren muss. Man macht als Erstes dazu eine vertiefte Studie. Wie funktioniert das Hotel? Was sind die Wünsche von Food & Beverage? Was sieht das generelle Konzept des Hauses vor? Und wer ist die Zielgruppe? Wobei das heute schwierig zu erfassen ist, weil diese wahn- sinnig volatil unterwegs ist. Früher wusste man, es gibt so und so viele Prozent Kundinnen und Kunden aus Asien, den USA und der Schweiz. Heute verändert die globale Weltlage dieses Bild immens. Das ist das Grundgerüst, das wir aufbauen. Dann berücksichtigt man die Architektur: Welche Substanz ist vorhanden? Wie können wir die Architektur so weiterführen, dass die Seele des Hauses erhalten bleibt und in eine zeit- gerechte Form gewandelt werden kann?

Hast du als Innenarchitektin eine Signatur, eine Handschrift, die du unbedingt umsetzen willst?

Mein eigener Geschmack ist nie vorherrschend. Unser An- spruch ist es, die verschiedenen Arten und Stile der Gebäude, an denen wir arbeiten dürfen, so ehrlich wie möglich zur Geltung zu bringen.

Haben Social Media da auch bereits einen Einfluss? Muss ein Hotel heute „instagrammable“ sein?

Trends auf Instagram oder sonstigen Kanälen sind ganz ge- fährlich, das sind Scheinwelten. Sehr vieles, was man dort sieht, ist mit künstlicher Intelligenz gemacht. Das ist fake. Die Antwort ist also nein. Wenn man gute Arbeit leistet, braucht es keine Effekthascherei.

Wie gehst du vor bei einem so grossen, komplexen Auftrag?

Wir beginnen mit einem Briefing, kreieren dann eine mass- geschneiderte Vision und starten eine Material Research. Echt- heit ist wichtig, die Formensprache, wir gehen zurück zu den eigentlichen Grundwerten von Artisanship und Craftsmanship sowie zur Möglichkeit, diese Formen und Materialisierungen umzusetzen. Bei einem Projekt wie dem Montana liest man die historischen Elemente, setzt sich mit Rhythmus und ursprünglicher Gestaltung auseinander. Der Ansatz und die Arbeitsweise sind immer gleich – egal ob Privatkunden oder grosse Hotelanlagen.

Spielen Trends überhaupt keine Rolle?

Trendarchitektur überlebt in der Hotellerie nicht. Das mag für Ladenkonzepte oder Restaurants funktionieren. Ein Hotel kann es sich nicht leisten, nach fünf oder sechs Jahren wieder umzubauen. Wir haben den Anspruch, wirklich zeitlos zu sein. Gute Projekte, gute Mode sprechen für sich.

Wie wichtig ist das Zuhören?

Das ist die Grundlage unserer Arbeit, sonst würden wir die Essenz unserer Projekte nicht erfassen. Es ist wichtig, sich im Team auszutauschen. Dazu gehören zum Beispiel Berater, Kollegen aus der Baubranche und natürlich die Kunden. Das ist das A und O.

Du zeigst dich als Person auf Instagram. Bist das du oder ist das die Firma Ina Rinderknecht?
Ich zeige dort nicht mein Privatleben und habe auch keinen privaten Account. Ich bearbeite den Account, und in dem Sinn ja, es ist ein Teil von mir. Wir machen sehr viel Oldschool-PR im Sinne von Veröffentlichungen in Magazinen, das haben wir eigentlich sehr gerne.

Bekommst du Kunden über Social Media?

Lustige Frage. Es ist schwierig zu sagen, wie wir unsere Kunden bekommen. Wir erhalten sehr viele Reaktionen von Kunden, die sagen, wir haben das auch auf Social Media ge- sehen. Die einen kommen auf Empfehlung, andere kennen unsere Projekte wie den Storchen in Zürich oder das Art Deco Hotel, wieder andere finden uns über Google Search. Aber fast alle erwähnen, sie hätten uns auch auf Instagram gesehen. Es ist ein Tool. Aber die Kunden gehen dann immer noch auf die Homepage und befassen sich vertieft mit den einzelnen Projekten.

Was ist dir wichtig in deiner Arbeit?

Die eigentliche Essenz unserer Arbeit ist herauszufinden, was die Kunden glücklich macht. Wir sind Sparringspartner, und das Wichtigste ist, dass wir matchen. Am Schluss ist es ein People Business. Man muss sich richtig mögen, Spass haben und ehrlich sein zueinander. Unsere Projekte gehen teils fünf, sechs, sieben Jahre. Man hat lange miteinander zu tun, wie beim Montana zum Beispiel. Die erste Etappe begann 2021, und weil wir unter Betrieb renovieren, braucht es seine Zeit. Die zweite Etappe haben wir 2024 abgeschlossen, im ersten Quartal 2027 startet die nächste grosse Etappe. Es war klar, dass man nicht alles auf einen Schlag renovieren konnte – vor allem nicht bei einem Hotel, das auf eigene Ressourcen zurückgreift und nicht über Investoren arbeitet.

Was war – oder ist – die grösste Herausforderung?

Ein Umbau im Betrieb ist immer eine Disruption. Wie wird das Personal eingesetzt? Wer kann wo aktiv sein? Wer geht einmal in den Urlaub? Sicher ist es eine Herausforderung für den Betrieb selbst, für die Struktur und andererseits natürlich für die Gäste, die Komfort möchten, das ganze Hotel als solches wahrnehmen, dort übernachten und dafür zahlen.

Ich spüre sehr viel Leidenschaft für dein Metier, aber auch sehr viel Struktur. Du hast einen kreativen Beruf – was ist dir wichtig?
Beides gehört zusammen. Das muss unbedingt ineinander- greifen. Die strukturierende Ordnung ist die Suche nach Harmonie. Andererseits sind Räume, in denen man wirklich kreativ sein kann, extrem wichtig. Wenn Gedanken einfach fliegen können, man die Augen schliesst und sich schöne Dinge vorstellen und sie entwickeln kann. Dieser Beruf braucht ganz klar beides: kreative Vision und Struktur.

Wo lädst du deine Batterien auf?

Im Garten oder beim Spaziergang mit dem Hund. Selbst wenn ich irgendwo in die Ferien gehe, ist der Job 24 Stunden dabei. Man träumt davon, man schläft damit ein, man geht damit ins Bett – das lässt einen nicht los, das ist eben diese Leidenschaft. Ich empfinde das als Berufung, das hat nichts mit Arbeit zu tun.


www.ina-rinderknecht.ch


Creator
Dörte Welti
Journalistin

Quelle: Dörte Welti: „Die hohe Kunst der tiefen Schläge“, Ladies Drive Magazin, Nr. 74 (2026), S. 42-45.

Veröffentlicht online am 24 Juni, 2026
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