Ladies Drive No. 74 Editorial: Der Weg des Narren

Ladies Drive No. 74 Editorial: Der Weg des Narren. Sandra-Stella Triebl

Vorgestellt in der Magazinausgabe:

Text: Sandra-Stella Triebl

Ladies Drive No. 74 Editorial: Der Weg des Narren. Sandra-Stella Triebl
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LD – Mag

Ladies Drive Nr. 74
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Auf Sinnsuche im digitalen Raum

Der digitale Raum ist längst zu einer Art Pilgerstätte geworden. Pilgern ist ein uraltes Ritual, dessen Ursprünge unklar sind – aber was die treibende Kraft ist, scheint glasklar zu sein: die Suche nach Selbsterkenntnis, dem Sinn des Lebens und der eigenen Spiritualität. Wir pilgern also durch Foren, Online-Shops, soziale Medien, über Blogs und Websites, wie über Stock und Stein auf einer echten Wanderung. Manchmal verweilen wir hier ein wenig – ab und zu dort. Setzen uns auf eine Bank, blicken um uns herum, mit Erstaunen und Entsetzen, je nachdem, wo wir hinschauen.

Und häufig geht es uns tatsächlich wie auf einer Pilgerreise, denn auch da ist der Weg das Ziel, und wir wissen selbst auf dem Jakobsweg nicht immer zu 100 Prozent, was vor uns liegen möge. So browsen wir im digitalen Raum herum, unwissend, neugierig, konsumierend und selten kreierend, wischen nach links und mal nach rechts, und wenn die Sonne hinterm Horizont untergeht, bleibt das unbemerkt, bis wir uns im dunklen Zimmer die müden, roten Augen reiben und verschreckt auf die Uhr schauen.

Allerdings bleiben wir bei der digitalen Heldenreise nur Zaungast. Wir sind zwar mittendrin, aber nie wirklich dabei. Denn ein Grossteil unserer menschlichen Sinne bleibt beim digitalen Wandern gänzlich unberührt. Nichts duftet am Wegesrand. Niemand streicht uns durchs Haar oder berührt unsere Lippen. Nichts schmeckt nach Meer oder Vanille-Glacé, auch wenn unser Gehirn nun in die Hände klatscht. Zurück bleibt deshalb immer ein verschlafener, schaler Nachgeschmack von nichts.

Und auch wenn wir stundenlang digital gepilgert sind – sind wir weit gekommen? Haben wir uns selbst erkannt im Internet? Sinn gefunden? Sogar Spiritualität entdeckt? Meist sind wir beim Online-Wallfahren an unzähligen Götzenstatuen vorbeigerauscht, immer in Eile, nie langsam, meistens schnell. Wir wandeln durch die heiligen Hallen von Instagram, TikTok & Co., gondeln durch Online-Shopping-Malls oder Casinos und bleiben doch unbemerkt, anonym und einsam zurück, da, wo wir hergekommen sind: aus der analogen Welt unseres Wohnzimmers. Sind wir Informations-Junkies und Sinnsuchende – oder doch Narren? Wobei Letzteres viel spannender ist, als man gemeinhin denkt.

Der Brite Dr. Guy Hayward, einer unserer Keynote-Speaker der vergangenen League of Leading Ladies Conference 2026, hat mich auf die wunderschöne Metapher des Narren, der ersten Karte im Tarot, aufmerksam gemacht. Der Narr steht am Abgrund, sein Bündel auf dem Rücken, sein Hündchen an der Seite. Vor ihm kein Weg. Kein Richtungspfeil. Er hat keine Orientierung, keine Sicherheit und ist auf sich selbst zurückgeworfen. Und während er mit sich selbst hadert, eilt ihm niemand zu Hilfe. Wenn wir in die Welt, die Wirtschaft, die Politik schauen – die multipolare Welt mit ihren omnipräsenten Krisen betrachten –, könnte man meinen, wir stehen alle gerade im Kollektiv vor dem Abgrund, die einen als Narren, die anderen als Weise. Die Letzteren sind die, die wissen, dass der Abgrund nur eine Illusion ist. Dass Unsicherheit nur in unserem Kopf stattfindet. Dass Orientierung in unserem Herzen wohnt. Und den Mutigen die Welt zu Füssen liegt. Es sind jene, die überall Sinn finden. In einem Gänseblümchen ebenso wie auf YouTube.

So wie der Narr im Tarot für eine neue Reise steht, die man sorglos und abenteuerlustig begehen kann, so durchkämmen wir den sozialen Online-Dschungel, immer auf der Suche nach dem kleinen bisschen „Mehr“ von irgendwas. Doch wer sucht, der findet bekanntlich auch was. Ob wir das dann immer wirklich brauchen können, ist noch mal eine ganz andere Frage. So bleibt, am Abgrund stehend, eigentlich nur eine Frage: Sind wir bei Sinnen – und das durchaus im mehrdeutigen Sinne? Sind wir im Vollbesitz unserer Sinne? Sind wir uns bewusst, was wir hier gerade tun? Und gefällt uns, was wir jenseits des Abgrunds sehen, oder starrt der Abgrund längst zu uns zurück?

Auch ich pilgere gern durch den digitalen Raum, geniesse das Eintauchen ins globale Dorf und nutze vieles schlussendlich auch fürs eigene Unternehmen. Doch Sinn lässt sich trotz Wortverwandtschaft eben nicht über die Sinne erschliessen. Selbst wenn wir den US-Präsidenten Trump mit allen Sinnen wahrnehmen könnten – und ja, das Kopfkino gibt’s hier gratis on top dazu –, würden wir vermutlich das eine oder andere immer noch nicht verstehen. Sinn ist eine Form der logisch nachvollziehbaren und emotional aufgeladenen Verdichtung einer Erkenntnis. Und wenn der digitale Raum zum Gewinnen ebendieser Erkenntnisse dient – why not. Aber wir tun gut daran, die gute alte, analoge Welt nicht links liegen zu lassen. Wir sind soziale Tierchen mit Sinnen, die stimuliert werden wollen. Nicht nur für jene, die mit mir auf LinkedIn verbunden sind, habe ich auch in der analogen Welt immer Zeit für einen „free hug“.

#stellasfreehugchallenge #nurofflineerhältlich

Fühlt euch umarmt, mit Worten und einer wunderbaren Ladies Drive-Ausgabe für den perfekten Sommer 2026.

Stella

Sandra-Stella - Signature

Creator
Sandra-Stella Triebl
Chefredakteurin

Quelle: Sandra-Stella Triebl: „Ladies Drive No. 74 Editorial: Der Weg des Narren“, Ladies Drive Magazin, Nr. 74 (2026), S. 7.

Veröffentlicht online am 3 Juni, 2026

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