Erinnern Sie sich noch? Einst, in grauer Vorzeit der Management-Mythen, wurde uns mühsam eingetrichtert: Frauen, ihr stolpert am gläsernen Plafond, weil ihr einfach nicht genug „Alpha-Tier“ seid! Chefs? Das waren doch jene mit den „agentischen“ Eigenschaften – durchsetzungsfähig, selbstbewusst, dominant. Kurz: typisch männlich-narzisstisches Gehabe.
Und Frauen? Denen wurden „kommunale“ Eigenschaften zugeschrieben: liebenswürdig, hilfsbereit, freundlich, mitfühlend. Nett, aber leider völlig ungeeignet für den Haifischbecken-Alltag im Top-Management. Ein glasklares Urteil, so dachte man.
Doch aufgepasst: Plot-Twist de luxe!
Jetzt kommt die Positive Psychologie, wedelt mit einem neuen Zauberstab und verkündet die frohe Botschaft: Verletzlichkeit ist das neue Schwarz der Führungsriege! Jawohl, Sie haben richtig gehört. Seien Sie ganz Frau, zeigen Sie all Ihre kommunalen Eigenschaften, seien Sie freundlich, verletzlich, authentisch – und zack: Innovation, Kreativität, Mut, Risikobereitschaft und Gewinne schwimmen Ihnen nur so zu. Das Business liegt Ihnen zu Füssen, weil Sie Ihre Maske fallen lassen und zugeben, nicht perfekt zu sein … weil Sie so menschlich sind.
Haben wir da ein Memo verpasst, oder ist das die neueste Marketing-Genialität aus dem Elfenbeinturm der Selbstoptimierung? Eigentlich könnte man jetzt zynisch die Augen rollen und diese Ratgeberindustrie als das entlarven, was sie oft ist: stets auf der Jagd nach dem nächsten Hype – und nach Ihrem Portemonnaie. Aber hey, meine Kolumne hat noch Platz, der gefüllt werden muss. Also tauchen wir tiefer in diesen wundersamen Wandel ein und schauen, was wirklich hinter dieser „Kraft-der-Verletzlichkeit-Superpower“-Masche steckt.
EVA ILLOUZ UND DIE ENTZAUBERUNG DES GLÜCKS-HYPES
Eva Illouz, eine Koryphäe der Emotionssoziologie, seziert diesen Glücks-Hype gnadenlos und liefert uns gesellschaftliche Röntgenbilder. Sie zeigt, wie die Vorstellung von „Glück“ heute alle Lebensbereiche – Medien, Wissenschaft, Arbeit, Politik, Kultur – durchdringt und als höchstes Ziel individueller Selbstverwirklichung propagiert wird. Dahinter steckt die naive Annahme, jeder könne durch harte Arbeit und Optimismus Erfolg erreichen, völlig losgelöst von sozialen Umständen.
Diese süsse Lüge wird von einer milliardenschweren Industrie befeuert: Therapien, Coachings, Apps und unzählige Selbsthilfebücher versprechen das goldene Glück. Die „Positive Psychologie“ – eine wissenschaftliche Disziplin, die sich auf menschliche Stärken und positives Funktionieren konzentriert, statt auf Pathologien – wird mit massiven Geldern von Stiftungen und Konzernen unterstützt, um die Annahme zu untermauern, Wohlstand und Gesundheit lägen allein in der Verantwortung des Einzelnen. Glück wird plötzlich zur objektiv messbaren Variable mit ökonomischem Wert – und damit zur Ware.
Mit diesen „Glücksindizes“ wird die Verantwortung für Erfolg und Wohlbefinden dem Individuum aufgebürdet. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme werden in psychologische Defizite umgedeutet, die durch Selbstoptimierung behoben werden sollen. Selbsthilfebücher, Achtsamkeitstrainings und Self-Tracking-Apps fördern eine obsessive Selbstüberwachung, die uns zwingt, uns permanent an vorgegebene „positive“ Verhaltensweisen anzupassen. Die Verheissung vollständiger Selbststeuerung wird zur Drohung: Wer sich nicht ständig überwacht und optimiert, riskiert, als unglücklich und dysfunktional stigmatisiert zu werden.
AUTHENTIZITÄT ALS MARKETINGSTRATEGIE
Es kommt zu einer absurden Umkehr der Kausalität: Glück gilt nicht mehr als Ergebnis von Erfolg, sondern als dessen unabdingbare Voraussetzung. Perfekt, um die Verantwortung für strukturelle Mängel am Arbeitsplatz, in Organisationen und in Gesellschaften elegant auf das Individuum abzuwälzen. Der neue Kapitalismus fordert permanente Selbstoptimierung und Flexibilität von seinen Untertanen.
Authentizität und Verletzlichkeit – einst private Tugenden – werden zu Performance-Parametern des „glücklichen Individuums“ erklärt: messbar, klassifizierbar, objektiv beschreibbar. Das Selbst mutiert zur optimierbaren Handelsware, die definiert und in sozialen Medien vermarktet werden muss („Personal Branding“). Apps und Selbsthilfe-Gurus liefern die passenden „Techniken“, um das eigene „Wunsch-Ich“ zu basteln, negative Emotionen wegzulächeln und das Leben dauerhaft positiv auszurichten. Das Ergebnis: ein Hamsterrad aus Selbstüberwachung, Selbstoptimierung und Selbstinszenierung, das neue Formen von Unzufriedenheit und Frustration hervorbringt.
Die Quintessenz von Illouz’ Analyse ist ernüchternd: Glück in seiner heutigen Form ist ein mächtiges Instrument zur Formung gehorsamerer Arbeitnehmerinnen, Bürger, Politikerinnen und Wissenschaftler. Die Fixierung auf individuelles Glück und Positivität kaschiert politische, ökonomische und soziale Ungleichheiten und negiert die Rolle des Zufalls, der erwiesenermassen oft die entscheidendste Rolle für Erfolg spielt. Negative Gefühle werden delegitimiert und als Zeichen individuellen Versagens abgetan. Das „Glücksdiktat“ erzeugt eine Tyrannei der Positivität – eine oberflächliche Vorstellung von Glück, die kritisches Denken, kollektives Handeln, Empathie, Dankbarkeit und innere Zufriedenheit im Keim erstickt. Verlassen Sie Ihre Ich-AG – und erkennen Sie sich als Teil einer Gemeinschaft.

















