Sei du selbst!

Text: Prof. Dr. Katja Rost
Illustration: Natasha Papst

Ladies Drive No. 73. Prof. Dr. Katja Rost: Sei du selbst! Illustration: Natasha Papst
League of Leading Ladies Conference 2027

LD73 – Mag

Die Tyrannei der Ich-AG

Erinnern Sie sich noch? Einst, in grauer Vorzeit der Management-Mythen, wurde uns mühsam eingetrichtert: Frauen, ihr stolpert am gläsernen Plafond, weil ihr einfach nicht genug „Alpha-Tier“ seid! Chefs? Das waren doch jene mit den „agen­tischen“ Eigenschaften – durchsetzungsfähig, selbstbewusst, dominant. Kurz: typisch männlich-narzisstisches Gehabe.
Und Frauen? Denen wurden „kommunale“ Eigenschaften zugeschrieben: liebenswürdig, hilfsbereit, freundlich, mitfühlend. Nett, aber leider völlig ungeeignet für den Haifischbecken-Alltag im Top-Management. Ein glasklares Urteil, so dachte man.
Doch aufgepasst: Plot-Twist de luxe!

Jetzt kommt die Positive Psychologie, wedelt mit einem neuen Zauberstab und verkündet die frohe Botschaft: Verletzlichkeit ist das neue Schwarz der Führungsriege! Jawohl, Sie haben richtig gehört. Seien Sie ganz Frau, zeigen Sie all Ihre kommunalen Eigenschaften, seien Sie freundlich, verletzlich, authentisch – und zack: Innovation, Kreativität, Mut, Risiko­bereitschaft und Gewinne schwimmen Ihnen nur so zu. Das Business liegt Ihnen zu Füssen, weil Sie Ihre Maske fallen lassen und zugeben, nicht perfekt zu sein … weil Sie so menschlich sind.

Haben wir da ein Memo verpasst, oder ist das die neueste Marketing-Genialität aus dem Elfenbeinturm der Selbstoptimierung? Eigentlich könnte man jetzt zynisch die Augen rollen und diese Ratgeberindustrie als das entlarven, was sie oft ist: stets auf der Jagd nach dem nächsten Hype – und nach Ihrem Portemonnaie. Aber hey, meine Kolumne hat noch Platz, der gefüllt werden muss. Also tauchen wir tiefer in diesen wundersamen Wandel ein und schauen, was wirklich hinter dieser „Kraft-der-Verletzlichkeit-Superpower“-Masche steckt.

EVA ILLOUZ UND DIE ENTZAUBERUNG DES GLÜCKS-HYPES

Eva Illouz, eine Koryphäe der Emotionssoziologie, seziert diesen Glücks-Hype gnadenlos und liefert uns gesellschaftliche Röntgenbilder. Sie zeigt, wie die Vorstellung von „Glück“ heute alle Lebensbereiche – Medien, Wissenschaft, Arbeit, Politik, Kultur – durchdringt und als höchstes Ziel individueller Selbstverwirk­lichung propagiert wird. Dahinter steckt die naive Annahme, jeder könne durch harte Arbeit und Optimismus Erfolg erreichen, völlig losgelöst von sozialen Umständen.
Diese süsse Lüge wird von einer milliardenschweren Industrie befeuert: Therapien, Coachings, Apps und unzählige Selbsthilfebücher versprechen das goldene Glück. Die „Positive Psychologie“ – eine wissenschaftliche Disziplin, die sich auf menschliche Stärken und positives Funktionieren konzentriert, statt auf Pathologien – wird mit massiven Geldern von Stiftungen und Konzernen unterstützt, um die Annahme zu untermauern, Wohlstand und Gesundheit lägen allein in der Verantwortung des Einzelnen. Glück wird plötzlich zur objektiv messbaren Variable mit ökonomischem Wert – und damit zur Ware.

Mit diesen „Glücksindizes“ wird die Verantwortung für Erfolg und Wohlbefinden dem Individuum aufgebürdet. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme werden in psychologische Defizite umgedeutet, die durch Selbstoptimierung behoben werden sollen. Selbsthilfebücher, Achtsamkeitstrainings und Self-Tracking-Apps fördern eine obsessive Selbstüberwachung, die uns zwingt, uns permanent an vorgegebene „positive“ Verhaltensweisen anzupassen. Die Verheissung vollständiger Selbststeuerung wird zur Drohung: Wer sich nicht ständig überwacht und optimiert, riskiert, als unglücklich und dys­­funktional stigmatisiert zu werden.

AUTHENTIZITÄT ALS MARKETINGSTRATEGIE

Es kommt zu einer absurden Umkehr der Kausalität: Glück gilt nicht mehr als Ergebnis von Erfolg, sondern als dessen unabdingbare Voraussetzung. Perfekt, um die Verantwortung für strukturelle Mängel am Arbeitsplatz, in Organisationen und in Gesellschaften elegant auf das Individuum abzuwälzen. Der neue Kapitalismus fordert permanente Selbstoptimierung und Flexibilität von seinen Untertanen.

Authentizität und Verletzlichkeit – einst private Tugenden – werden zu Performance-Parametern des „glücklichen Individuums“ erklärt: messbar, klassifizierbar, objektiv beschreibbar. Das Selbst mutiert zur optimierbaren Handelsware, die definiert und in sozialen Medien vermarktet werden muss („Personal Branding“). Apps und Selbsthilfe-Gurus liefern die passenden „Techniken“, um das eigene „Wunsch-Ich“ zu basteln, negative Emotionen wegzulächeln und das Leben dauerhaft positiv auszurichten. Das Ergebnis: ein Hamsterrad aus Selbstüber­wachung, Selbstoptimierung und Selbstinszenierung, das neue Formen von Unzufriedenheit und Frustration hervorbringt.

Die Quintessenz von Illouz’ Analyse ist ernüchternd: Glück in seiner heutigen Form ist ein mächtiges Instrument zur Formung gehorsamerer Arbeitnehmerinnen, Bürger, Politikerinnen und Wissenschaftler. Die Fixierung auf individuelles Glück und Positivität kaschiert politische, ökonomische und soziale Ungleichheiten und negiert die Rolle des Zufalls, der erwiesenermassen oft die entscheidendste Rolle für Erfolg spielt. Negative Gefühle werden delegitimiert und als Zeichen individuellen Versagens abgetan. Das „Glücksdiktat“ erzeugt eine Tyrannei der Positivität – eine oberflächliche Vorstellung von Glück, die kritisches Denken, kollektives Handeln, Empathie, Dankbarkeit und innere Zufriedenheit im Keim erstickt. Verlassen Sie Ihre Ich-AG – und erkennen Sie sich als Teil einer Gemeinschaft.


Creator

Quelle: Prof. Dr. Katja Rost: „Sei du selbst!“, Ladies Drive Magazin, Nr. 73 (2026)., S. 24-25.

Veröffentlicht online am 16 März, 2026
Weitere Artikel aus der Ladies Drive No. 73 (Frühling 2026) Ausgabe
Der Duft eines Kusses

Der Duft eines Kusses

Koh Samui Six Senses
Verletzlichkeit als Ausrede?

Verletzlichkeit als Ausrede?

Wo sie zur Falle wird
Weichheit als deine grösste Stärke?

Weichheit als deine grösste Stärke?

So wird sie zu einer neuen Qualität von Kraft
Verletzlichkeit zeigen ist nichts für Weicheier!

Verletzlichkeit zeigen ist nichts für Weicheier!

Seit Brené Brown ihr Buch „The Power of Vulnerability“ geschrieben hat, ist Verletzlichkeit zu zeigen eine gute Sache. Wirklich? Was heisst das eigentlich? Und warum soll das Vorteile bringen?
Verletzlichkeit klug einsetzen

Verletzlichkeit klug einsetzen

Verletzlichkeit gilt oft als Schwäche – besonders in Führungsrollen. Doch was wäre, wenn genau sie eine der wirkungsvollsten Führungsqualitäten wäre?
Muss man der KI vertrauen?

Muss man der KI vertrauen?

Am Female Innovation Forum (FIF) von Ladies Drive durften wir Lara Gervaise (26) mit dem Recognition Award einen der beiden Jury-Awards gemeinsam mit unserem Presenting Partner Siemens verleihen. Eine besondere Freude für uns, da wir ihrem erfolgreichen Start-up Virtuosis AI vor zwei Jahren so etwas wie eine Starthilfe geben konnten.
Make Yourself Vulnerable

Make Yourself Vulnerable

“To share your weakness is to make yourself vulnerable;to make yourself vulnerable is to show your strength”– Criss Jami
Contenance, Mesdames!

Contenance, Mesdames!

Wie Manieren uns nicht nur in der digitalen Welt retten
Renault Clio: On the Road to Independence

Renault Clio: On the Road to Independence

Having my independence has always been an important value to me, and one of the reasons why I love being a freelancer. Going where you want and when you want is a feeling of liberation. Yet not driving myself was always a stark contrast to that value.
Ladies Drive No. 73: Beauty Must Haves

Ladies Drive No. 73: Beauty Must Haves

Eure Beauty-Must-haves für den Frühling 2026
Giovanna Dipasquale: Beyond Impostor Syndrome

Giovanna Dipasquale: Beyond Impostor Syndrome

The Innovator of the Year Award 2025, presented by the jury of the Female Innovation Forum, was awarded to Giovanna Dipasquale.
Anne-Marie Deans: Lead Without Armour

Anne-Marie Deans: Lead Without Armour

Vulnerability in leadership? It’s the real thing, finds Anne-Marie Deans – Certified Dare to Lead Facilitator™ trained by Dr Brené Brown.
Ausgewählte Artikel aus der aktuellen Ausgabe des Ladies Drive Magazins werden in Kürze veröffentlicht.
Schau dir alle anderen Artikel aus der Ladies Drive No. 73 (Frühling 2026) Ausgabe an

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?

Mit dem Abo für 20.- pro Jahr kannst Du Teil der Business Sisterhood sein.
Bestelle das Magazin in unserem Shop.
Ladies Drive 73 Frühling 2026. Cover

Folgt uns in den sozialen Medien, um in Kontakt zu bleiben und erfährt mehr über unsere Business Sisterhood!

#BusinessSisterhood     #ladiesdrive

Möchtet Ihr mehr News über die Sisterhood & alle Events?

Werde Kindness Economist und Teil unserer Business Sisterhood!

  • •⁠ ⁠⁠Zugang zu exklusiven Angeboten und Verlosungen, die ausschliesslich für die Newsletter-Community gelten.
  • •⁠ ⁠⁠Erfahre als Erste von unseren Events und profitiere von Spezialkonditionen.
  • •⁠ ⁠⁠Lerne wie wir gemeinsam die Welt bewegen und verändern können.

Jetzt den Ladies Drive-Newsletter abonnieren.

Sie haben den Ladies Drive Newsletter erfolgreich abonniert!

Pin It on Pinterest

Share This