Resilienz als Service public

Text: Dörte Welti
Fotos: Dörte Welti, Veronique Hoegger

Ladies Drive No. 73. Myriam Zumbühl. Foto: Veronique Hoegger
Ladies Drive Bargespräche – Vol.80

LD73 – Mag

Mental Health ist längst keine Ausnahmeerscheinung mehr oder etwas, worüber man hinter vorgehaltener Hand spricht. Psychische Gesundheit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Wer ein gebrochenes Bein hat, erntet Mitgefühl. Doch das ist bei psychischen Erkrankungen nicht immer der Fall. Nicht selten wird eine psychische Erkrankung in der Gesellschaft, aber auch in der Arbeitswelt, zum Stigma.
Und Betroffene, die öffentlich dazu stehen, zeigen sich enorm verletzlich.

Psychische Gesundheit boomt indessen auch im Start-up-Umfeld und ist zu einem wahren Wirtschaftsfaktor mutiert. Die Journalistin und Produzentin Myriam Zumbühl hat mit ihrem „Lifegarden“, dem Lebensgarten, etwas kreiert, das die Resilienzfähigkeit unserer Gesellschaft verbessern und stärken soll.
Doch was sie sich hier hat einfallen lassen, ist erstaunlicherweise absolut frei zugänglich und kostenlos. Wir nehmen euch auf einen Spaziergang durch den Lifegarden am Zürichsee mit.

Vor zehn Jahren hatte Myriam Zumbühl einen Aha-Moment:
„Als Journalistin beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hatte ich das Privileg, in so vielen Wohnzimmern gesessen zu sein. Sowohl bei Bundesräten als auch bei Menschen wie dir und mir. Egal, welchen Beruf jemand hat, wie viel Geld er hat, egal, wo er wohnt, Stadt oder Land – alle leben mit einer Belastung, haben irgendwas. Und immer wenn das Mikrofon aus war, haben mir meine Interviewpartnerinnen und -partner noch erzählt, was auch noch da ist.“

Dieses „was auch noch da ist“ ist der Rucksack, den jeder mit sich trägt. Als Journalistin durfte Myriam Zumbühl auch Beiträge mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern produzieren, die ihrerseits Lösungen für die Probleme haben, die in den Rucksäcken stecken. Sie entschied sich, ihren Job beim Fernsehen aufzugeben:
„Ich hatte ein Netzwerk, ich hatte das Privileg, mit so vielen Menschen zu reden, kannte all diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und wusste auch, welche Angebote in der Gesellschaft fehlten. So ist die Idee zu Lifegarden entstanden.“

ÜBEN MACHT RESILIENT

Lifegarden ist ein Verein, der Modelle entwickelt, die die Resilienz in der Gesellschaft stärken sollen. Um Resilienz in diesem Kontext richtig einzuordnen: Resilienz heisst, psychisch stark werden oder idealerweise bleiben zu können. Die Modelle, die Lifegarden entwickelt, können vieles sein – von Workshops über Pop-up- und Kommunikationskampagnen bis hin zu einem echten Garten, dem Lifegarden, mit fünf Stationen, von denen jede einem Resilienzfaktor gewidmet ist.
Myriam Zumbühl erklärt, was ein solcher frei zugänglicher Parcours beinhaltet:
„Ein Resilienzfaktor ist zum Beispiel Optimismus, also neue Blickwinkel und positive Sichtweisen. Um diese zu erlangen, reframed man; das heisst, eine gegebene Situation wird um­bewertet, sodass man sagen kann: Jetzt gehe ich optimistisch einen Schritt weiter. Dafür haben wir den Re-Framer gebaut, einen Trichter mit direktem Blick in den Himmel.“
Schaut man so grenzenlos in den Himmel, soll man das Reframing üben und neue Sichtweisen auf Situationen und Erlebnisse trainieren können. Eine weitere Station ist ein Blumenring mit Schaukelstühlen, wo man lernt, wie die Natur uns helfen kann, unser Nervensystem zu beruhigen und unsere emotionale Gesundheit zu pflegen. Myriam Zumbühl bringt noch mehr Beispiele, spricht von Mikro-Übungen, bei denen man sich einfach einmal nur fünf oder zehn Minuten Zeit für sich nimmt. Auch das sei bereits ein Gewinn.

DIE PREMIERE

Der erste Lifegarden-Parcours konnte im November 2025 im Gesundheitsquartier Lengg in Zürich eröffnet werden. Seitdem hagelt es Anfragen jeglicher Art: Menschen wollen wissen, ob sie öfter kommen können (natürlich!), ob sie als Gruppe kommen können (selbstverständlich!) und vieles mehr. Sogar Anfragen aus dem Ausland durfte Myriam schon bearbeiten. Sie ist erleichtert:
„Ich bin so froh, dass ich acht Jahre lang drangeblieben bin. Es wird Zeit, dass man über Mental Health und Resilienz spricht und sich über Übungen und Rituale für Mental Health genauso selbstverständlich austauscht wie wir das für Ernährung oder Sport tun.“
Sie habe Resilienz eine Form gegeben; man habe schon ge­wonnen angesichts des durchweg positiven Feedbacks.
Der Verein kann sich auch andere Parks als Standorte vor­stellen. Mit den ersten Erfahrungen sei es leichter, die Idee zu vervielfältigen. Finanziert wird Lifegarden hauptsächlich von Stiftungsgeldern; für die architektonische Planung zeichnet das Vereinsmitglied Ralph Meury, Dipl.-Architekt ETH SIA, verantwortlich. Der Lifegarden-Parcours ist kostenlos und öffentlich zugänglich für alle – etwas, das Myriam Zumbühl ganz wichtig ist:
„Ich habe eine intrinsische Motivation für den Service public. Das habe ich beim SRF so gelernt. Du nimmst eine Information und bereitest sie so auf, dass möglichst viele Menschen in der Gesellschaft etwas damit anfangen können.“

IMMER WEITER FORSCHEN

Lifegarden hat darüber hinaus Unterstützung von hoch­karätigen Fachleuten; eine davon ist die heutige Beirätin Prof.Dr. phil. Birgit Kleim, Leiterin der Abteilung Experimentelle Psychopathologie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich sowie Professorin für Experimentelle Psychopathologie und Psychotherapie. Myriam Zumbühl er­innert sich an die Anfänge mit der Fachfrau:
„Von meinen Begegnungen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an der Uni Zürich wusste ich, dass alles, was die Uni Zürich erforscht, dem Volk gehört. Ich wusste, dass Dr. Kleim eine Top-Resilienzforscherin ist. Ihre Forschung ist bahnbrechend und von grossem Nutzen für die Gesellschaft. Ich fand es spannend, ihre Forschung zusammen mit ihr zu adaptieren und gewissermassen auch zu kommunizieren, dass Forschung und Gesellschaft das nutzen können.“
Die Kernmotivation von Dr. Kleim, beim Verein Lifegarden mitzumachen:
„Lifegarden sensibilisiert für das Thema psychische Gesundheit. Jeden Franken, den man in die Prävention von psychischen Krankheiten steckt, spart man an Folgekosten.“

STATUS QUO DER GESELLSCHAFT

Laut Statistiken ist die Anzahl derer, die Probleme mit der psychischen Gesundheit haben, in den letzten Jahren immens gestiegen. Gemäss der aktuellen Schweizerischen Gesund­heitsbefragung (SGB) von 2022, die alle fünf Jahre stattfindet, waren 7,8 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung in den zwölf Monaten vor der Befragung wegen psychischer Probleme in Behandlung; 2017 waren es noch 6,1 Prozent (Quelle: Obsan 2024). Die Vizedirektion des Bundesamts für Gesundheit, Linda Nartey, schreibt in dem dazu veröffentlichten Bulletin über die Kennzahlen, dass „nach wie vor verstärkt junge Menschen von psychischen Problemen betroffen“ seien. Die ETH Zürich wird auf einer ihrer Webseiten noch deutlicher: „Fast jede Schweizerin/jeder Schweizer kennt mindestens eine Person, die von Problemen mit psychischer Gesundheit betroffen ist.“

Quelle: ethz.ch, Ensa Mental Health First Aid course for employees


Creator
Dörte Welti
Journalistin

Quelle: Dörte Welti: „Resilienz als Service public“, Ladies Drive Magazin, Nr. 73 (2026)., S. 38-40.

Veröffentlicht online am 26 März, 2026
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