Unsere Zukunft bewegt sich zwischen Entschleunigung und Aufbruch. Der öffentliche Diskurs wird von Begriffen wie Klimawandel, Artensterben, Hyperkonsum, Digitalisierung der Arbeitswelten geleitet. Wenn man die ökologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen der letzten Jahre beobachtet, wird schnell deutlich, dass Konsumgüter auf lange Sicht nur in einer Kreislaufwirtschaft funktionieren können. Die Produkte und unser Wirtschaftssystem werden sich also verändern müssen. Es liegt nun an uns, diesen Wandel positiv zu beschleunigen. Passend zur Zukunft nach Corona und dem neuen Umgang von Freiheit und Selbstbestimmung sind wir mitten in diesem Paradigmenwechsel von der linearen Wirtschaft zur Kreislaufwirtschaft. Dabei ist das Prinzip von „Cradle to Cradle“ der Schlüssel zu unserer Zukunft, um die anstehenden Probleme mit neuen Visionen zu lösen.

„Cradle to Cradle“: Denken in Kreisläufen
Nachhaltiges Produktdesign ist kein neues Thema. Als Ende des letzten Jahrhunderts die Globalisierung und Digitalisierung aufkamen, lösten sie gleichzeitig neue Fragen und Verantwortungen aus. Doch inzwischen hat die junge Generation eine klare politische Haltung, und Grundlagenforscher haben die Basis gelegt, die von der Politik nicht mehr ignoriert werden kann. Bereits Ende der 1990er-Jahre entwickelten der amerikanische Architekt William McDonough und der deutsche Chemiker Michael Braungart das „Cradle-to-Cradle“(„Von der Wiege zur Wiege“)-Prinzip. Dabei visionierten sie die Ökoeffizienz und liessen sich von den Abläufen in der Natur inspirieren. Konsequent auf Design umgesetzt bedeutet diese Vision nichts anderes als eine Revolution unserer Produkte – vom Produktdesign, der Herstellung und der Nutzung bis hin zur Rücknahme. Im Gegensatz zum Recycling bleibt damit die Qualität der Rohstoffe über mehrere Produktlebenszyklen erhalten, und dieses Prinzip ermöglicht auch eine Risiko-, Einkaufs- und Prozessmanagement-Transparenz, um die Kosten für Wirtschaft, Umwelt und die sozialen Aspekte kalkulierbar zu gestalten. Das Ziel ist eine Welt ohne Müll. Der Umbau unseres linearen Wirtschaftssystems hin zu einer Kreislaufwirtschaft ist zweifelsfrei eine der grössten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Doch das „Cradle to Cradle“-Prinzip bietet dafür eine Lösung.
Craft – die Rückkehr zu Naturmaterialien
In einer Welt, die sich so schnell verändert, ist es notwendig, die Kontexte besser zu verstehen und zu erkennen. Lifestyle-Trends wie „Rückkehr zur Natur“, „Slow Life“ oder „Rückbesinnung auf das Wesentliche“ helfen uns dabei als Orientierung. Die nachhaltige Verwendung von Ressourcen und das Bedürfnis, der Natur näher zu kommen, bringen uns von der Natur inspirierte, organische, beruhigende Formen und handgefertigtes Design. Materialien wie Rattan, Stroh, Hanf, Sisal, Flachs sowie aus Naturfasern geflochtene Korb-, Holz- oder Flechtwerke sind zentrale Designsprachen, ergänzt mit sanften Farbtönen wie Weiss, Off-White, Nude, Kalk und Sand. Diese Materialien und Farben lösen in uns eine beruhigende Atmosphäre aus. Auch die traditionelle Handwerkskunst ist weiterhin allgegenwärtig, begleitet von einem Reichtum an Texturen, der die unvollkommene Schönheit der Handwerkskunst zelebriert. Alte Handwerkstechniken wie Holzschindeln bekommen neue Werte.
Zeitlose Schönheit – das Korkhaus
Auch unsere Häuser werden zu nachhaltigen architektonischen Entwürfen, die mit der Natur koexistieren und eine umweltfreundliche Lebensweise fördern, wie das nachhaltige Haus von LCA Architetti. Äusserlich erinnert die architektonische Komposition an die Einfachheit der kleinen Bauernscheunen der Lombardei. Für die Grundstruktur wurde Holz verwendet. Die Fassade besteht aus Kork, deren thermische Effizienz dazu beiträgt, den Energiebedarf des Gebäudes zu minimieren. Als Dämmung diente Stroh aus Reispflanzen, die aus Abfall von den örtlichen Bauern gewonnen wurden. Für die Innenraumausstattung wurden Eichenholz und Stein eingesetzt. Dank Sonnenkollektoren auf dem Dach und einer Luftwärmepumpe ist das Gebäude autark, und CO2-Emissionen werden vermieden. Ziel der Architekten war es, diese arm wirkenden Baustoffe zu adeln, um ihre einzigartigen Eigenschaften nicht nur in Bezug auf Haltbarkeit, Nachhaltigkeit und Effizienz, sondern auch in Bezug auf eine ästhetische zeitlose Schönheit hervorzuheben. Was ganz im Sinne unserer Zukunft ist.
PROJECTKIN – Achtsames Reisen mit FLACHSKOFFER
Das Reisen ist ein Paradoxon im Kontext der Nachhaltigkeit. Einerseits wollen wir die Welt sehen, andererseits ist Reisen eine Hauptquelle für die von Menschen verursachten Kohlenstoffemissionen. Hier setzt die Kopenhagener Brand PROJECTKIN an, die nach einer besseren Alternative für das achtsame Reisen suchte. In Kooperation mit dem Designer Boris Berlin entstand „KIN Carry-on“. Dieses exklusive nachhaltige Reisegepäck ist ein Meilenstein und eine Premiere für die Reisebranche. Der Koffer besteht aus einer biologisch abbaubaren Naturfaserschale. Die Mischung aus Flachspflanzenfasern und Biokunststoff aus fermentierter Maisstärke hat die gleichen Eigenschaften wie herkömmliche Kunststoffe. Das rohe und natürliche Erscheinungsbild ist dabei das Markenzeichen. Das heisst, es sieht natürlich aus, fühlt sich natürlich an und ist klar natürlich abbaubar.

PALMWEDEL-CHAIR „SAFEEFAH“
Die Themen Nachhaltigkeit, Traditionen und Handwerk finden wir auch beim „Safeefah“ Chair wieder. So arbeitet die Initiative „Crafts Dialogue“ des Irthi Contemporary Crafts Council mit lokalen und internationalen Künstlern, Designern und Handwerkern aus verschiedenen Ländern, die neue Ansätze für Handwerk und Design entwickeln. Im Rahmen dieser Initiative tauschten die aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammende Designerin Ghaya Bin Mesmar und das in Barcelona ansässige Designstudio Mermelada Estudio, gegründet von Laura Blasco, Juanmi Juárez und Alex Estévez, ihre Designvisionen aus. Während der Recherchen experimentierten die Designer mit Formen, Materialien und Techniken und stiessen dabei auf Bilder der traditionellen „Areesh“-Häuser in der Wüste. Darunter befand sich ein vom Wind umgewehtes „Areesh“, das wie ein majestätischer Kegel wirkte. Dies inspirierte die Designer zu „Safeefah“. Die Sesselkollektion mit der konischen Form entstand aus der traditionellen Webtechnik mit Palmwedeln und schaffte einen halb privaten und geschützten Raum. Ihre poetische Arbeit verwischte die kulturellen Grenzen und verband das Traditionelle mit dem Zeitgenössischen.

„Sustainable“
Nachhaltigkeit ist zu Recht das Schlagwort der Stunde und mischt nicht nur die Architektur auf. Auch im System der Mode führen ausbleibende Kunden, unterbrochene Produktions- und Lieferketten bei gleichzeitig vollen Lagern, eingeschränkten Reisemöglichkeiten, fehlenden Messen und einem bewussteren Konsumieren zu einem nachhaltigen Umdenken. Die zunehmend höheren Anforderungen im Bereich „Sustainable“ stellen Mode- und Textilunternehmen vor diverse Herausforderungen. Deswegen wurde Anfang 2021 die „MaxTex Academy for Sustainable Textiles“ ins Leben gerufen. Das fundierte Expertenwissen wird an Branchenakteure über Webinare rund ums Thema Nachhaltigkeit entlang der gesamten textilen Wertschöpfungskette in der Textil- und Modebranche vermittelt und hilft, die neue Richtung einzuschlagen.
AMBUSH und die neue Fashion-Optik

Ausgelöst durch die Pandemie mit Homeoffice und dem neuen Bewusstsein für Nachhaltigkeit, sind die Auswirkungen optisch auch in der Fashion-Welt zu sehen. Dabei bewegt sich die Mode zwischen Entschleunigung und Aufbruch, hin zu einem ausgeprägten Komfortgedanken bei Formen, Materialien und Silhouetten. Eine Flut von Oversize, mehr Weite und mehr Freiraum ist bei den Schnitten zu entdecken. Plötzlich ist High Waist der grosse Trend und verschiebt damit die bekannten Optiken von uns allen. Überall sind Hosen, Shorts und Röcke auf Taille geschnitten, egal ob bei Yves Saint Laurent oder Chloé. Es ist ein Must-have in jeder Kollektion. Es entsteht ein ganz neuer „Lounge-Look“ mit Hoodies, Troyern in Oversize. Natürliche Materialien wie Hanf, Leinen, Tencel, Raffia und Wolle sind dabei hoch im Kurs. Diese Entwicklung spiegelt die neueste Fashion-Kollektion und Kampagne des japanischen Labels AMBUSH mit seiner minimalistischen, reduzierten, zeitlosen und genderneutralen Formensprache ganz klar wider. Die neutrale Farbpalette und die natürlichen Materialien, die mit der Zeit immer schöner werden, unterstreichen diese Art von Vision zusätzlich. Dabei lautet die zentrale Aussage der Kollektion, dass Komfort und Leichtigkeit die neue entspannte Lebensessenz und damit die Sprache der Generation Z sind.

„We Love Green“: Nachhaltiges Musikfestival
Auch im Eventbereich tut sich was. Hier ist das Musikfestival „We Love Green“ in Paris mit seinem umweltfreundlichen Konzept Pionier für eine nachhaltige und ganz neue Entwicklung Vorreiter. Dabei wird das Festival zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben und pro Besucher ein Baum gepflanzt. Letztes Jahr waren es 80.000 Bäume. Das vegetarische oder vegane Catering besteht natürlich aus regionalen, saisonalen und biologischen Lebensmitteln. Zudem wurden 1.500 Mahlzeiten zu 100 Prozent aus unverkauften Lebensmitteln zubereitet, dies nur um einige Punkte zu erwähnen. Das Festival übernimmt ebenfalls eine pädagogische und kulturelle Vermittlungsrolle, um das Bewusstsein des Publikums für ökologische Themen zu sensibilisieren und zur Veränderung von Verhaltensweisen beizutragen. Das Experimentierlabor bietet Vorträge, Workshops, Filme und Debatten. Pionierunternehmer, Wissenschaftler, Aktivisten und „Change Maker“ beleuchten innovative Themen wie grüne Technologie, Kreislaufwirtschaft, Ernährung, Mode und ethisches Design und führen unsere sich verändernden Gesellschaften Richtung Nachhaltigkeit. Bis 2025 will das Festival 100 Prozent grün sein. Damit beweist es, dass nachhaltige Entwicklungen mit unserem aktuellen Lebensstil vereinbar sind, und zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind, der auch Spass macht.
Natürlich halten viele der momentan als nachhaltig angebotenen Produkte ihre Versprechen noch nicht. Neben den wirklich wegweisenden neuen Konzepten ist der Markt voller „Greenwashing“, Produkte und Konzepte, die gut klingen und mit dem emotionalen Gedächtnis der Konsumenten spielen. Doch wir sind auf dem Weg. „Cradle to Cradle“ ist ein solcher Wegweiser, und die neue Generation geht selbstverständlich als leuchtendes Beispiel voran.