Keine Frage bleibt unbeantwortet. Ausser die nach dem Sinn

Von Sylvia Hodek und Gudrun Sander
Bild: Ladies Drive

Ladies Drive No. 74. Keine Frage bleibt unbeantwortet. Ausser die nach dem Sinn
Ladies Drive Bargespräche – Vol.80

LD – Mag

„42“ – so lautet die Antwort auf „die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“, die der Supercomputer „Deep Thought“ im Roman Per Anhalter durch die Galaxis des Autors Douglas Adams nach rund siebeneinhalb Millionen Jahren Rechenzeit ausspuckt. Zufrieden mit der Antwort?

Wir wissen nicht, wie der imaginäre Computer Deep Thought programmiert war. Wenn wir uns heute im digitalen Raum bewegen, Programme und Apps nutzen, dann basiert dies auf einem binären System: Nullen und Einsen oder „Strom aus“ und „Strom an“. Nullen und Einsen eignen sich offenbar sehr gut dazu, Daten zu sammeln, zu lagern und in Computern zu verarbeiten. Aber: Es sind nur Informationen und nicht die Wirklichkeit.
Gleichzeitig verlegen wir immer mehr unserer Welt und Wirklichkeit in Form von Nullen und Einsen in den digitalen Raum. Das führt schnell zu Fragen nach Datenschutz und dem Schutz der Privatsphäre. Doch heute stellen wir eine andere Frage: die nach dem Sinn.

Können Menschen im digitalen Raum Sinn finden?

Menschen sind keine Computer, und auch das Gehirn ist kein Computer, obwohl dieser Vergleich immer wieder bemüht wird. Eine 0-1-Welt kann einem so mehrdimensionalen Wesen mit einer ebenso vielschichtigen Frage nach dem Sinn nicht ausreichen. Der Mensch zeichnet sich durch grosse Lern- und Anpassungsfähigkeit aus, und er passt sich bereits an die selbst geschaffene digitale Welt an. Eine menschliche Dimension, nämlich die soziale, bleibt dabei auf der Strecke. Beziehung und Empathie lassen sich (noch?) nicht vollständig in Nullen und Einsen transferieren. Die menschliche Seele wird von Zahlen allein nicht satt. 42 ist nur eine blasse Antwort auf die Frage nach dem Leben und dem Sinn.
Max Weber vertrat die Ansicht, dass Sinn in einer modernen Welt vom Individuum durch bewusste Wertentscheidungen und Handlungen selbst konstruiert und durch die Übernahme von Verantwortung für die eigenen Handlungen und deren Folgen geschaffen wird. Viktor Frankl sah die primäre Motivationskraft des Menschen im Streben nach Sinn. Beiden gemeinsam ist ein Menschenbild, in dem Sinn zentral für den Menschen ist – ob er ihn nun selbst erschafft oder ihn findet: im Erleben von etwas Schönem, im kreativen Tun oder in der eigenen Haltung gegenüber dem Leben.

Sinn läuft uns nicht einfach so über den Weg und poppt auch nicht in einer Google-Suche auf. Sinn wird von Menschen geschaffen oder errungen: durch bewusste Wertentscheidungen und Handlungen, durch Erleben, kreatives Wirken und innere Haltungen. Was heisst das, zurückgewendet auf die digitale Welt? Wie kann man sie sinnvoll nutzen und verantwortungsvoll mit ihr umgehen?

Grundlegend ist wohl, die digitale Welt als ein Werkzeug zu verstehen, das man überlegt und bewusst nutzt. Handys sind heute in der westlichen Welt unsere MacGyver-Rundum-Tools (Navigationsgerät, Ticketautomat, Telefon, Übersetzer, Zahlungsmittel …). Es ist nicht realistisch, ganz ohne sie auszukommen. So alltäglich die digitale Welt ist, wird sie häufig unbewusst oder nur halb bewusst aufgesucht. Hand aufs Herz: Wie lange nutzt du dein Smartphone an einem Tag? Wir greifen zum Handy, um auf die Uhr zu schauen oder eine eingegangene Nachricht zu beantworten. Wir setzen uns an den Computer, um E-Mails zu prüfen – und bleiben dann hängen. Irgendwann dann der Moment: „Was wollte ich eigentlich gerade machen?“ oder „Eigentlich wollte ich doch …“ Das ist der Moment, der viel Aufmerksamkeit verdient. Es ist der Moment, in dem das Bewusstsein zurückkehrt – zu dem, was ich gerade tue oder zu dem, was ich tun wollte.

Kosten, Konsequenzen und Nutzen abwägen

Zu einer verantwortungsvollen und bewussten Nutzung des digitalen Raums gehört auch, sich über Kosten und Konsequenzen Gedanken zu machen: Zweimal googeln stösst angeblich gleich viel CO₂ aus wie einmal Wasser kochen. Der Gesamtenergiebedarf von ChatGPT, hochgerechnet auf ein Jahr, soll dem Stromverbrauch von rund 45’000 durchschnittlichen deutschen Haushalten entsprechen. Zudem wird Wasser für die Kühlung der Rechenzentren verbraucht.
Aber auch wir persönlich zahlen mit unseren Daten: Social-Media-Plattformen, auf Webseiten akzeptierte Cookies und KI sammeln Informationen über uns. Wir bezahlen mit einer veränderten Weltsicht, denn zum einen zeigen Algorithmen uns, was wir sehen wollen, und schliessen uns so in einer Bubble ein, zum anderen werden wir täglich nebenbei, aber gekonnt mit Werbung gefüttert. Oft glauben wir viel zu schnell, was wir im Internet lesen oder was eine KI für uns aufbereitet hat. Auch, weil wir nicht sehen, was uns einfach nicht gezeigt wird. Welche Interessen werden in der digitalen Welt vorangetrieben? Wie viel wissen und verstehen wir von der „Magic of Maybe“, die unsere Bewegungen in der digitalen Welt lenkt?
Und wir bezahlen mit Lebenszeit. Zwei Stunden pro Tag ergeben über einen Zeitraum von fünf Jahren 3’650 Stunden. Zum Vergleich: Das US Foreign Service Institute (FSI) geht davon aus, dass englischsprachige Personen 2’200 Stunden benötigen, um professionelle Sprachkenntnisse in Sprachen wie Mandarin oder Arabisch zu erreichen. Eine Studie der Universität für Weiterbildung Krems legt nahe, die Bildschirmzeit am Handy auf zwei Stunden pro Tag zu reduzieren. Das Ergebnis: weniger Stress, besserer Schlaf und ein besseres allgemeines Wohlbefinden. Bezahlen wir also auch mit (psychischer) Gesundheit?

Verantwortung übernehmen und so Sinn finden?

Es gibt aber auch handfeste Anregungen für einen bewussten Umgang mit dem digitalen Raum:

1) Reflexion
Wann suche ich den digitalen Raum auf? Mein persönlicher Knackpunkt ist z. B., wenn ich müde bin. Langeweile, Einsamkeit, innere Unruhe oder die Automatik, wenn andere zum Natel greifen, können Auslöser sein. Welche Alternativen gibt es? Mit einer Tasse Tee auf der Couch zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen? Ich kann mich aber auch bewusst in den digitalen Raum begeben und beobachten, was das bewirkt, wie sich z. B. mein Erleben meines persönlichen Knackpunkts verändert (oder nicht verändert).

2) Werkzeug
Mich fragen, bevor ich mich an den PC setze oder die KI starte: Wie will ich das Werkzeug nutzen? Und: Brauche ich das wirklich? Was ist die aktuelle Aufgabe? Zwischenchecks machen, ob man noch an der Aufgabe dran ist oder sich anderswo verloren hat. Und: Gibt es langfristig sinnvolle Alternativen (etwa eine Sprache zu üben, statt immer ein Übersetzungsprogramm zu nutzen)?

3) Grenzen setzen
Zum Beispiel kein Handy am Esstisch, keine Arbeit am PC nach 22 Uhr oder das Handy beim Abendspaziergang zu Hause lassen. Zeitlimits für einzelne Apps oder Bildschirmzeit generell einrichten. Das Handy lautlos stellen oder ausschalten, wenn man mit anderen unterwegs ist. Nicht benötigte Apps (auch vorinstallierte) löschen.

4) Mechanismen des digitalen Raums und die „Magic of Maybe“ durchkreuzen
Zum Beispiel Bildschirme auf Schwarz-Weiss beziehungsweise Graustufen umstellen, Push-Benachrichtigungen ausschalten, Streaks absichtlich brechen, analoge Alternativen nutzen (die gute alte Einkaufsliste auf einem Zettel, der Entwurf auf dem Block, der Termin im Kalender), nicht mehr benötigte Newsletter löschen.

5) Aufmerksamkeit
Und zu guter Letzt: besonderes Augenmerk auf die Momente legen, in denen das Bewusstsein zurückkehrt zu dem, was ich gerade tue.

Links: 


Gudrun Sander

Gudrun Sander ist Titularprofessorin für Betriebswirtschaftslehre mit besonderer Berücksichtigung des Diversity Managements an der Universität St.Gallen und Direktorin der Forschungsstelle für Internationales Management.

Foto: Anna-Tina Eberhard

Sylvia Hodek ist Project Manager am Competence Centre for Diversity & Inclusion
www.ccdi-unisg.ch.

Foto: Anna-Tina Eberhard

Sylvia Hodek

Quelle: „Keine Frage bleibt unbeantwortet. Ausser die nach dem Sinn“, Ladies Drive Magazin, Nr. 74 (2026), Online.

Veröffentlicht online am 5 Juni, 2026
Weitere Artikel aus der Ladies Drive No. 74 (Sommer 2026) Ausgabe
Warum wir den Sinn heute im Netz suchen

Warum wir den Sinn heute im Netz suchen

Wer heute nach Sinn sucht, geht nicht unbedingt in eine Kirche. Er öffnet eine App.
Upcoming Events for Ladies – Juni/Oktober 2026

Upcoming Events for Ladies – Juni/Oktober 2026

Ladies Drive Events Agenda
Ladies Drive No. 74 Editorial: Der Weg des Narren

Ladies Drive No. 74 Editorial: Der Weg des Narren

Auf Sinnsuche im digitalen Raum
Ausgewählte Artikel aus der aktuellen Ausgabe des Ladies Drive Magazins werden in Kürze veröffentlicht.
Schau dir alle anderen Artikel aus der Ladies Drive No. 74 (Sommer 2026) Ausgabe an

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?

Mit dem Abo für 20.- pro Jahr kannst Du Teil der Business Sisterhood sein.
Bestelle das Magazin in unserem Shop.
Ladies Drive No. 74. Sommer 2026. Auf Sinnsuche im digitalen Raum

Folgt uns in den sozialen Medien, um in Kontakt zu bleiben und erfährt mehr über unsere Business Sisterhood!

#BusinessSisterhood     #ladiesdrive

Möchtet Ihr mehr News über die Sisterhood & alle Events?

Werde Kindness Economist und Teil unserer Business Sisterhood!

  • •⁠ ⁠⁠Zugang zu exklusiven Angeboten und Verlosungen, die ausschliesslich für die Newsletter-Community gelten.
  • •⁠ ⁠⁠Erfahre als Erste von unseren Events und profitiere von Spezialkonditionen.
  • •⁠ ⁠⁠Lerne wie wir gemeinsam die Welt bewegen und verändern können.

Jetzt den Ladies Drive-Newsletter abonnieren.

Sie haben den Ladies Drive Newsletter erfolgreich abonniert!

Pin It on Pinterest

Share This