Kennst du das Gefühl, wenn du als Leader alles im Griff haben musst und gleichzeitig spürst, dass genau das dich auffrisst? Vor ein paar Monaten sass Chris vor mir. Seine Hände lagen ruhig auf dem Tisch, aber seine Augen verrieten etwas anderes. Er führt ein Hotel und Restaurant in vierter Generation, seit über 100 Jahren in Familienhand. Sein Grossvater hat es aufgebaut. Sein Vater hat es geführt. Jetzt liegt es in seinen Händen.
Dann sagte er etwas, das mich tief berührt hat: „Alex, ich will von dir lernen, was ich noch mehr kann. Ich weiss nicht mehr, wohin es geht.“ In diesem Moment hat Chris die Hosen runtergelassen. Nicht vor seinen Mitarbeitenden. Nicht vor seiner Familie. Vor mir – einem Mann, der nicht aus seiner Welt kommt, keine Hotelfachschule besucht hat und als Bauspengler angefangen hat. Chris hat zugegeben, dass er nicht alles weiss. Dass er Angst hat. Dass er mehr will, aber nicht weiss, wie. Das war keine Schwäche. Das war der mutigste Moment, den ich in diesem Jahr erlebt habe.
Heute sehe ich, wie erfolgreich Chris unterwegs ist – mit Freude und Leichtigkeit. Sein Hotel und Restaurant sind permanent ausgebucht. Nicht trotz seiner Verletzlichkeit, sondern weil er sie zugelassen hat.
Verletzlichkeit ist kein Zeichen von Schwäche – sie ist dein Kompass
Ich weiss, wovon ich rede. Ich bin mit Legasthenie und ADHS aufgewachsen. Lange dachte ich, das seien Schwächen, die ich verstecken muss. Ich habe mich geschämt, dachte, ich bin nicht gut genug, nicht schlau genug, nicht richtig.
Heute weiss ich: Diese vermeintlichen Schwächen sind meine Superpowers. Sie lassen mich anders denken, anders kommunizieren, anders führen. Aber das habe ich erst verstanden, als ich aufgehört habe, sie zu verstecken.
Als meine Schwester Elian starb, stand ich am Abgrund. Ich war 19 Jahre alt. Sie lag im Sarg, und ich dachte: „Was mache ich jetzt?“ Ich hätte zusammenbrechen können. Stattdessen bin ich ins Militär gegangen, habe mich selbstständig gemacht und gelernt: Verletzlichkeit ist kein Hindernis, sondern ein Wegweiser.
Verletzlichkeit zeigt dir, wo du noch wachsen darfst. Sie zeigt dir, was wirklich wichtig ist. Sie ist kein Alarmzeichen, sondern ein Richtungspfeil. Und das Wichtigste: Sie macht dich authentisch. Menschlich. Nahbar. Zu einer Leaderin, der Menschen folgen wollen – nicht weil du perfekt bist, sondern weil du echt bist.
Aber Achtung: Wenn Verletzlichkeit zur Falle wird
Nicht jede Form von Verletzlichkeit ist gesund. Hier wird es heikel. Ich habe Klientinnen erlebt, die Verletzlichkeit als Ausrede genutzt haben: „Ich bin halt so.“ Oder Emotionen vorgeschoben haben, um schlechte Performance zu rechtfertigen. Das ist keine Verletzlichkeit – das ist Manipulation.
Ich habe auch Frauen gesehen, die auf Social Media jeden Schmerz, jede Träne, jeden Zusammenbruch geteilt haben – und sich dann wunderten, warum sie nicht ernst genommen wurden.
Die drei grössten Fallen
- Verletzlichkeit als Ausrede für schlechte Performance
„Ich hatte einen schweren Tag, ich konnte nicht liefern.“ Nein. Das ist keine Verletzlichkeit. Verantwortung bleibt. Ehrlichkeit entbindet nicht von Leistung. - Zu viel teilen auf Social Media
Verletzlichkeit ist kein Content-Plan. Storytelling ja – aber strategisch. Poste als Unternehmerin, nicht impulsiv. Tiefe Einblicke brauchen Kontext und Timing. - Verletzlichkeit ohne Selbstarbeit
Wenn du im Sturm zusammenbrichst, liegt das Problem nicht an der Verletzlichkeit, sondern daran, dass du innerlich nicht vorbereitet bist. Echte Leaderinnen zeigen sich, wenn es schwierig wird.
Was du als Leaderin konkret tun kannst Verletzlichkeit ist keine Theorie, sondern Praxis. - Kommuniziere ehrlich
Sag, was du denkst und fühlst – klar, nicht überbordend. Balance ist entscheidend.
„Ich weiss nicht, wie wir das schaffen, aber ich weiss, dass wir es gemeinsam schaffen.“ Das ist Leadership. - Leg deine Karten offen
Ich habe in meinem ersten Buch meine grössten Schwächen öffentlich gemacht. Seitdem muss ich nichts mehr verstecken. Das schafft Freiheit. Gerade, wenn du sichtbar bist. - Arbeite an dir selbst
Nicht Perfektion macht dich stark, sondern innere Stabilität. Im Sturm zeigt sich, wer du bist.
Die Welt braucht keine perfekten Leaderinnen – sie braucht echte
Chris hat mir gezeigt: Verletzlichkeit ist der Mut zu sagen: „Ich weiss nicht alles, aber ich bin bereit zu lernen.“ Du darfst zweifeln. Du darfst Hilfe annehmen. Aber du darfst Verletzlichkeit nicht als Ausrede, Freipass oder Waffe benutzen.
Verletzlichkeit ist ein Wegweiser – kein Ruhekissen
Wenn du ihr folgst, wirst du nicht nur eine bessere Leaderin, sondern ein freierer Mensch.
Jetzt bist du dran
Wo fällt es dir schwer, dich verletzlich zu zeigen? Wo hast du Angst, angreifbar zu sein? Schreib mir!

















