Ladies Drive: Kannst du dich noch an deinen ersten Besuch in einem Reisebüro oder Hotel erinnern?
Laura Meyer: Oh ja! Nach der Matura reiste ich nach Costa Rica, um von dort aus Mittelamerika zu erkunden. Online zu buchen, war damals noch keine Option, also ging ich ins Reisebüro, um den Flug zu kaufen. Unterwegs suchte ich Hostels im Lonely Planet und ging einfach vorbei – meistens hatten sie Platz. Später, als ich als Beraterin tätig war, verbrachte ich viele Nächte in Hotels. Das schärfte meinen Blick, ich lernte schnell zu unterscheiden: Was ist echte Qualität, was Fassade?
Du hast ursprünglich Jura studiert und dich früh mit Strategie und kommerziellen Themen beschäftigt. Warum der Schritt in die Beratung?
Ich war immer breit interessiert. Jura war für mich eine solide Grundlage, doch nach dem Studium wollte ich verstehen, wie Unternehmen wirklich funktionieren. Die Beratung ermöglichte mir genau das: Ich bekam einen tiefen Einblick in eine grosse Anzahl von Firmen und arbeitete in vielen Ländern rund um die Welt.
Bei McKinsey lernte ich auch, mich schnell in neue Themen einzuarbeiten, Komplexität zu strukturieren und fundierte Entscheidungsgrundlagen zu erarbeiten. Dieses analytische, zahlengetriebene Denken ist bis heute ein zentraler Bestandteil meiner Arbeitsweise.
Mit dem Wechsel zur NZZ-Gruppe und später zur UBS bist du auf die Kundenseite gewechselt. War das eine Kehrtwende?
Inhaltlich nicht. Auch dort standen Transformation und Digitalisierung im Zentrum. Der Unterschied lag im Zeithorizont und in der Verantwortung: Entscheidungen wirken längerfristig, und Leadership wird deutlich wichtiger. Das ist etwas, das man in der Beratung nur begrenzt lernt.
Was nimmst du aus dieser Zeit besonders mit?
Ein tiefes Verständnis für Change – strategisch wie operativ. Und vor allem Führung: vom Leiten kleiner Teams bis hin zur Verantwortung für grössere Abteilungen. Diese Erfahrung hat mich stark geprägt. Ich lernte, wie ich arbeiten und führen möchte: ambitionierte Ziele, klare Richtung, viel Freiheit in der Umsetzung, motivierend und mit echter Freude an der gemeinsamen Leistung.
Nach fünf Jahren in der Grossbank hast du die CEO-Rolle bei Hotelplan übernommen – mitten in der Pandemie. Wie bist du an diese Aufgabe herangegangen?
Mit grossem Respekt, aber ohne Angst. Hotelplan befand sich in der grössten Krise seiner Geschichte, denn Reisen waren kaum möglich – und gleichzeitig war es meine erste CEO-Rolle. Ich begann damit, viele Menschen zu treffen, und hörte ihnen zunächst primär zu: Mitarbeitende, Verwaltungsräte, Kundinnen und Kunden, Branchenexpertinnen. So baute ich Vertrauen auf und konnte fundierte Entscheidungen treffen. In Krisenzeiten brauchen Organisationen Orientierung, auch wenn nicht alle Antworten sofort verfügbar sind.
Und was waren deine zentralen Prioritäten?
In den ersten 90 Tagen priorisierten wir konsequent: Die IT kam aus der Kurzarbeit, denn ohne sie läuft im Reisegeschäft nichts. Wir stoppten einzelne Projekte oder schärften den Fokus. Innerhalb von sechs Monaten bereinigten wir das Portfolio und entwickelten eine klare Gruppenstrategie mit Leitplanken: profitables Wachstum, Investitionen in Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Menschen. Besonders stolz bin ich darauf, dass wir diese Strategie gemeinsam – vom Reiseberater bis zur Verwaltungsrätin – getragen und umgesetzt haben.
Die Hospitality-Branche ist in der Führung stark männlich geprägt. Woran liegt das?
Das war mir immer schleierhaft: Die meisten Reiseentscheidungen treffen Frauen, aber die Reiseunternehmen werden von Männern geleitet? Ich war die erste Frau in der Geschäftsleitung von Hotelplan und die erste weibliche CEO eines Schweizer Reiseunternehmens. 2021 sass ich an einem Branchenevent mit 35 Travel-CEOs – 33 Männer und zwei Frauen. Das steht im starken Kontrast dazu, dass in vielen Unternehmen über 60 Prozent der Mitarbeitenden Frauen sind. Talent ist vorhanden. In den letzten Jahren hat sich in der Branche viel entwickelt; bei der Hotelplan Group waren zuletzt über 50 Prozent aller Führungspositionen sowie ein Drittel der Konzernleitung von Frauen besetzt.
Du bist auf LinkedIn präsent. Wie nutzt du die Plattform?
LinkedIn erlaubt es, authentisch zu kommunizieren – nach aussen und nach innen. Für mich war es ein wichtiges Instrument, um die Hotelplan-Marken als vertrauenswürdig und innovativ zu positionieren. Und ganz pragmatisch: Die Reichweite ist enorm, ganz ohne Werbebudget. Wichtig scheint mir: Ich war schon vor Hotelplan aktiv auf LinkedIn und hatte einen eigenen Stil. Als CEO setzte ich die Plattform strategischer ein, blieb mir aber treu. Ich finde, man merkt oft, wenn ein CEO nur postet, weil die Marketingabteilung das empfiehlt. Wer sich in den sozialen Medien unwohl fühlt, muss nicht posten. Vielleicht gibt es in der Firma jemanden mit mehr Affinität.
Viele Lebensbereiche werden digitaler. Was bleibt in der realen Welt?
In der Reise- und Hospitality-Branche wird die Infrastruktur immer digitaler: Planung, Buchung, Information oder Umbuchung laufen zunehmend autonom. Aber das Erlebnis selbst bleibt analog: Gastfreundschaft, Atmosphäre, persönliche Beratung, echte Begegnungen. Kein Algorithmus ersetzt das Gefühl, wirklich willkommen zu sein. Kurz: Digital macht Reisen einfacher. Menschlichkeit macht Reisen unvergesslich.
In dieser Ausgabe geht es um die Kraft der Verletzlichkeit. Worauf muss man als CEO achten?
Für mich ist Authentizität zentral. Ich will konsistent sein in dem, was ich sage, und wie ich auftrete. Gleichzeitig ist mir wichtig, bewusst zu entscheiden, was ich teile – und was nicht. Verletzlichkeit braucht Klarheit über die eigenen Grenzen.
Du hast einen anspruchsvollen Job, reist viel und hast eine Familie. Wie schöpfst du Energie?
Ich habe das Glück, dass ich meine verschiedenen Rollen leidenschaftlich gerne ausübe. Meine Familie ist das Fundament, die Arbeit erfüllt mich, der Sport gleicht mich aus. Und ich schlafe mehr als früher und ernähre mich gesund. Aber klar: Es ist ein Balanceakt und zwischendurch auch einfach sehr intensiv.
Zum Schluss: Was gibst du jungen Talenten mit auf den Weg, die in die Hospitality-Branche gehen möchten?
Fokussiert euch auf das, was euch wirklich interessiert. Seid neugierig, proaktiv und versucht, etwas zu bewirken. Hospitality ist eine wunderbare Branche – man bringt Menschen zusammen und schafft Erlebnisse. Das ist ein grosses Privileg.

Laura Meyer
ist ehemalige CEO der Hotelplan Group sowie Verwaltungsrätin von Schweiz Tourismus und der NZZ AG. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in Strategie, Digitalisierung und Transformation.
Ihre Karriere führte sie von der internationalen Unternehmensberatung McKinsey & Company über Führungsfunktionen bei der NZZ-Gruppe und der UBS in die Reise- und Hospitality-Branche. Laura Meyer studierte Rechtswissenschaften an der Universität Zürich und absolvierte ihren MBA an der INSEAD in Singapur und Frankreich.

















