Jana Kemibaeva: Impact in Action

Interview: Claudia Gabler
Foto: Akylbek Masaliev

Ladies Drive Magazine No. 73. Jana Kemibaeva
League of Leading Ladies Conference 2027

LD73 – Mag

Als junge Frau wurde sie in ihrer Heimat kaum gehört. Dann traf Jana Kemibaeva auf eine Schweizer Delegation, die ihr zum ersten Mal zutraute, auch beruflich wertvoll zu sein.

Zwei Jahrzehnte später prägt sie als Landesleiterin von BPN Kirgistan eine ganze Unternehmergeneration – in einem Land, das von Instabilität, Umbrüchen und Revolutionen erschüttert wurde. Über Mut, Vision, Berufung – und die stille Kraft von NGOs, die bleiben, wenn andere gehen.

Ladies Drive: Liebe Jana! Herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren BPN! Was hat dich bewogen, dein Berufsleben einer NGO aus der Schweiz zu widmen?

Jana Kemibaeva: Vielen Dank! Ich freue mich sehr über dieses Jubiläum! Im Jahr 2002 durfte ich als 20-jäh­rige Germanistikstudentin in Bischkek für eine BPN-Delegation aus der Schweiz übersetzen. Die Menschen waren engagiert und hatten ein grosses Herz für unser Land. Ich war jung und unerfahren, habe aber während dieser Tage sehr viel Wertschätzung erfahren. Das war für mich etwas Neues, denn in unse­rer Kultur genossen junge Menschen zu dieser Zeit keinen Respekt. Wir durften nichts sagen, nichts fragen, wurden nicht wie vollwertige Persönlichkeiten behandelt. Von den BPN-Vertretern wurde ich erstmals gefragt, wovon ich träume, wie es mir geht, wofür ich mein Land liebe. Da wurde mir klar: „Ich bin ja wichtig!“ Auch habe ich gesehen, welch kostbaren Beitrag BPN hier vor Ort für das Unternehmertum leistet. Nach diesem Sommerjob wollte ich mich nicht mehr von der BPN-Community trennen. Ich wurde nach der Uni Teil des BPN-Teams in Bischkek.

Wie schätzt du die Bedeutung unabhängiger Organisationen wie BPN ein – Stichwort USAID-Cuts?

Seit drei, vier Jahren unternimmt der Staat reale Anstrengungen zur Entwicklung des Landes. Aber zu Beginn war die wirtschaftliche Lage sehr schwierig. Nach dem Zusammenbruch der Sow­­jetunion stürzte unsere Republik trotz Enthusiasmus in eine sehr schwere Krise. Die Einkommen sanken um bis zu 60 Prozent, die Arbeitslosigkeit erreichte Rekordwerte. Es gab keine Finanzierungen, die Infrastruktur war marode. BPN kam zur richtigen Zeit und konnte den vorhandenen Schwachstellen etwas entgegensetzen. Organisationen wie BPN bilden eine Brücke zwischen dem Staat und dem Volk. Sie übernehmen Verantwortung, wenn der Staat es nicht kann. In Kirgistan wurde wäh­­rend der letzten 20 Jahre der ge­­­samte Sozialbereich zu 80 Pro­­zent von Non-Profit-Organisationen finanziert. Das ist Wahnsinn!

Warum sind solche Organisationen wirksamer als der Staat?

Der Staat ist komplex und unflexibel aufgestellt. Organisationen wie BPN hingegen arbeiten eng mit einem bestimmten Zielpublikum zusammen. Sie verstehen die Probleme und Bedürfnisse, können schnell reagieren und zielorientiert handeln. In der Zeit, in der der Staat einen Experten findet, ein Konzept erstellt und auf allen Ebenen bewilligt, se­­­lektiert BPN eine ganze Kohorte von Unternehmer:innen, bildet sie aus, coacht sie und fördert Dutzende neue Arbeitsplätze. BPN steht für eine neue Denkweise: Die Experten vermitteln nicht nur Business-Know-how, sondern bringen auch ein Wertefundament in die Wirtschaft. Selbst wenn BPN eines Tages nicht mehr hier sein sollte: Die Business-Ethik bleibt.

Für NGOs ist Vertrauen der wichtigste Erfolgsfaktor. Wie stellt ihr sicher, dass die Spendengelder effektiv ankommen?

Unsere Stärke ist die individuelle Betreuung der Unterneh­mer:innen. Im Laufe des zweijährigen Programms werden die Teilnehmenden mindestens während 112 Stunden geschult, 16 Stunden gecoacht und viermal am Arbeitsort besucht. Dabei entsteht eine enge Beziehung. Die Zusammenarbeit beginnt stets mit einem Businessplan, der eine Perspektive für die nächs­­­­­ten drei bis fünf Jahre liefert. Diesen erstellen wir zusammen mit unseren Unternehmer:innen – teils unter Tränen und Ängsten, teils mit übertriebenem Selbstbewusstsein. Bei BPN sind alle Prozesse klar strukturiert beschrieben. Eine externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft übernimmt die Finanzberichterstattung und holt auch bei unseren Unternehmer:innen Feedback zur Zusammenarbeit ein. Diese Transparenz schafft Vertrauen und fördert das herausragende Image von BPN. Ganz wenige Organisationen bleiben so lange wie BPN und können einen solch langfristigen Impact ausweisen. Wir sind seit 26 Jahren für die kirgisischen Unternehmerinnen und Unternehmer da. Seit dem Start des Programms konnten wir rund 14.000 Arbeitsplätze im Land fördern und über 10.000 Seminarteilnehmende schulen. Unsere Seminarräume sind immer noch voll. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Gibt es noch etwas, das ohne euch nicht hätte stattfinden können?

BPN hat dazu beigetragen, dass sich eine Business Community im Land bilden konnte. Ohne BPN hätte dieser Prozess sehr lange gedauert. Wir konnten zu Beginn eine ganze Generation, die weit weg von Businessprinzipien war, rechtzeitig abholen und sie entsprechend für die neue Ära des Unternehmertums ausrüsten.

Leider hat unser Land schwierige Zeiten durchlebt. Keines der Länder Zentralasiens hatte so häufig politische Krisen wie Kir­­gistan. Wir haben bereits drei Revolutionen hinter uns, die teils von tragischen Ereignissen begleitet waren. All dies führte zu Unsicherheit und Zukunftsängsten. Viele Menschen wanderten aus. Es waren die Unternehmer:innen, die mit ihrer Beharrlichkeit, ihrem Mut und ihrer Verantwortung Stabilität in das Land brachten. Das wird an keiner Universität gelehrt. Aber bei BPN kann man sehr viel über soziale Verantwortung, Problembewältigung und Zukunftsperspektiven lernen. Ich erinnere mich an eine Unternehmerin, die nach einem zwischenethnischen Konflikt im Süden des Landes 2010 alles verloren hatte – wie ein Drittel der aktiven BPN-Programmteilnehmenden jener Zeit. Sie fasste ihre Erfahrung folgendermassen zusammen: „BPN war in der schweren Zeit für mich da – wie eine grosse Sonne, die dich wärmt, wenn dir kalt ist. BPN hat mir geholfen, Hoffnung zu finden und wieder an die Zukunft zu glauben.“

Gab es in den 20 Jahren auch Niederlagen und Rückschläge? Was hat dir Kraft gegeben weiterzumachen?

Natürlich! Wir sind alle Menschen, und Niederlagen gehören zum Leben. Was mir persönlich geholfen hat, sind drei Dinge: Erstens die klare Vision und die Werte von BPN. Zweitens die Unterstützung meiner direkten Vorgesetzten, die mir immer zugehört haben und mir ihr Vertrauen schenkten. Und drittens die Möglichkeit, mich persönlich zusammen mit BPN, unserem engagierten Team sowie unseren Unternehmerinnen und Unter­­­nehmern weiterzuentwickeln. Es ist schön, mit Menschen zu arbeiten und trotz aller Schwierigkeiten zu sehen, wie sich alle verändern und wachsen. Ich kann im Hier und Jetzt etwas für sie tun. Das ist eine grosse Verantwortung und gleichzeitig ein grosses Glück. Ich habe in dieser Community meine Berufung gefunden. Gemeinsam setzen wir uns für ein starkes Unternehmertum in Kirgistan ein.

Welche ist deine liebste Erfolgsgeschichte?

Für mich ist jeder kirgisische Unternehmer ein Held. Denn in einem Land, in dem es lange Zeit keine politische Stabilität gab, sich die Gesetze ständig änderten, in allen Bereichen Korruption herrschte und jeder dritte Einwohner davon träumte, ins Ausland zu gehen, erfordert es sehr viel Ausdauer, Mut und Kraft, etwas aufzubauen. Besonders inspirierend finde ich unsere erste Generation von Unternehmer:innen, die arbeitslos oder unterbezahlt ihre Unternehmen gegründet und damit ihr Leben neu aufgebaut haben. Ich war damals am Gymnasium und erinnere mich noch gut an diese schwierige Zeit. Eine ganze Generation junger Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren ging verloren, weil sie sich in der neuen, fremden Welt der Marktwirtschaft nicht zurechtfanden. Heute kann man im Internet oder mithilfe von KI alles nachlesen. Damals nicht. In dieser schwierigen Zeit kam BPN und half Menschen, den Mut aufzubringen, ihre bisherigen Erfahrungen und ihr Fachwissen hinter sich zu lassen und in einem anderen Bereich etwas Neues aufzubauen. Sie haben ihre Unternehmen nicht nur aus finanziellen Motiven gegründet, sondern um ihre Zukunft zu gestalten und den Menschen um sie herum eine Perspektive zu geben. Diese Unternehmer:innen inspirieren mich bis heute.

Was wünschst du dir von der Business Sisterhood in der Schweiz?

Mich beeindrucken Schweizer Wirtschaftstreibende und pri­­vate Spender, die bereit sind, für die Entwicklung von KMU in Entwicklungsländern zu spenden. Ohne diese Spenden gäbe es keine Referenzgeschichten in den sechs Ländern, in denen BPN tätig ist. Auch bin ich unserer Stiftung in der Schweiz sehr dankbar, dass wir seit 26 Jahren Unterstützung und Inspiration vom Team in Bern erhalten, um unsere wichtige Mission hier fortzusetzen. Expert:innen aus der Schweiz kommen zu uns, teilen ihr Wissen und ihre Erfahrungen in Seminaren und Coachings und unterstützen sowohl die Unternehmer:innen als auch unser lokales Team. Die Swissness ist für die kirgisische Wirtschaft sehr wichtig. Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft die Möglichkeit haben werden, Expertinnen und Experten aus der Schweiz einzuladen, damit unsere Wirtschaftstreibenden aus erster Hand Wissen und Know-how erwerben und lernen, selbst Familienunternehmen aufzubauen und an künftige Generatio­­nen weiterzugeben.


Business Communities rund um die Welt
Unternehmertum fördern – das ist der Zweck des Schweizer Business Professionals Network (BPN).
Seit 1999 ist BPN in Kirgistan präsent und unterstützt Unternehmer:innen im ganzen Land mit einer auf Werten basierenden Palette an betriebswirtschaftlicher Ausbildung, Beratung, Zugang zu Finanzen, Netzwerk und Coaching. Die Stiftung finanziert sich durch Spenden, die steuerlich absetzbar sind, und ist ZEWO-zertifiziert.
bpn.ch


Creator
Claudia Gabler
Beitragsautorin

Quelle: Claudia Gabler: „Jana Kemibaeva: Impact in Action“, Ladies Drive Magazin, Nr. 73 (2026)., S. 54-55.

Veröffentlicht online am 22 Apr., 2026
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