Was wirklich zählt

Text: Frederike Asael
Foto: Lisa Wassmann

Ladies Drive No. 73. Hannah Kromminga: Was wirklich zählt
League of Leading Ladies Conference 2027

LD73 – Mag

Hannah Kromminga glaubt an die Kraft des Schenkens –
und sein Potential, es wirtschaftlich für Unternehmen nutzbar zu machen.

100 % authentisch: Für die Berliner Start-up-Gründerin Hannah Kromminga, Vordenkerin der Gift Economy und Gründerin von GIFTD, ist Verletzlichkeit keine Schwäche, sondern ein integraler Teil erfolgreicher Teams. Ein Gespräch über Mut, authentische Führung und eine App, die zutiefst menschliche Bedürfnisse ins Digitale übersetzt.

Ladies Drive: Du bist eine leidenschaftliche Vertreterin der Gift Economy. Was ist das – und warum ist sie wichtig?

Hannah Kromminga: Die Gift Economy ist eine Wirtschaftsform, die nicht auf Geld gegen Leistung oder Produkt basiert, sondern auf Schenken. Im Zentrum stehen Beziehung, Gegenseitigkeit und Vertrauen. Sie erfüllt zutiefst menschliche Bedürfnisse nach Verbindung, Zugehörigkeit und Sinn: Man fühlt sich gesehen, verbunden und wirksam.
Wir Menschen sind evolutionär dafür gemacht, in kleinen Grup­pen zu agieren. Viele Probleme unserer globalen Gesellschaft entstehen, weil uns die soziale und emotionale Verbindung zu den Menschen fehlt, die wir mit unserem Handeln beeinflussen. Die globalisierte Wirtschaft führt dazu, dass alles entkoppelt ist: Wenn ich ein billiges T-Shirt kaufe, ist es für unser Gehirn extrem schwer zu begreifen, dass jemand anderes dafür einen Preis zahlt. Die Schenkökonomie schafft genau diese Beziehung – und genau das hat mich fasziniert. Gleichzeitig bin ich Öko­nomin: Mich hat immer interessiert, wie man dieses Prinzip auch wirtschaftlich tragfähig denken kann.

Genau das habt ihr mit GIFTD geschafft. Was macht ihr konkret?

Die ursprüngliche Idee war, eine Plattform zu schaffen, die es Menschen ermöglicht, Dinge zu verschenken und über diesen Austausch Beziehungen aufzubauen. Wir haben mehrere Jahre ausprobiert, getestet und verworfen, bis wir ein tragfähiges Geschäftsmodell gefunden haben. Am Ende sind wir beim Influencer-Marketing gelandet, weil Marken ohnehin Produkte verschenken, um Reichweite aufzubauen.

Bei uns bewerben sich Content Creators bei Marken, sie erhalten Produkte und erstellen im Gegenzug Inhalte auf Social Media. Parallel dazu gibt es weiterhin die ideelle Ebene: Die Community kann untereinander Dinge verschenken – ganz ohne Business. Heute ist daraus ein skalierbares Modell geworden: Die App nutzen 15.000 Menschen, und wir arbeiten bereits mit internationalen Marken wie Fabletics und Savage X Fenty by Rihanna zusammen.

Idealismus und Kapitalismus in einem Modell – ist das kein Widerspruch?

Mich interessiert genau diese Brücke. Ich möchte ein grosses, funktionierendes Geschäft aufbauen, kein Nischenexperiment. Schenkökonomie muss im bestehenden System integrierbar sein. Marken binden bei uns auch oft Musterstücke oder alte Kollektionen ein; wir bringen also Produkte in Umlauf, die sonst ausgemustert würden. Wichtig ist mir dieses integrierte Denken: raus aus „gut“ und „schlecht“, rein ins Zusammenführen. Nur so kann Impact wirklich Mainstream werden.

Welche Rolle spielen Authentizität und Verletzlichkeit für dich als Leaderin?

Authentisch zu sein, bedeutet für mich automatisch auch Ver­letzlichkeit. Ich erlebe, dass mein Team dadurch stärker wird, weil der Zusammenhalt echt ist und nicht künstlich erzeugt. Es wird keine Energie darauf verschwendet, etwas darzustellen oder vorzuspielen. Diese Energie kann dann in den Geschäfts­aufbau fliessen. Für mich persönlich ist es zudem eine Unter­nehmenskultur, wo ich selbst zur Höchstform auflaufe und mich maximal einbringen kann. Ganz einfach, weil ich mich wohlfühle.

Ist das etwas, das du dir bewusst erarbeitet hast?

Ich hatte zum Glück nie Mühe, mich zu zeigen, wie ich bin. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich ein Umfeld, in dem Authentizität nicht möglich ist, schlecht aushalte. Das war auch ein Grund, warum ich Unternehmerin geworden bin: um Räume selbst gestalten zu können.

Gibt es Grenzen von Authentizität und Verletzlichkeit in Führung?

Ja, absolut. Authentizität darf nicht mit Intimität verwechselt werden. In einem professionellen Kontext bleiben Macht­strukturen bestehen, auch wenn man authentisch ist. Als Füh­rungsperson muss man Informationen filtern und verstehen, dass authentisch zu sein nicht heisst, alles mit allen zu teilen oder jede Unsicherheit ungefiltert in die Gruppe zu geben.

Was braucht es, damit es mehr Menschen leichter fällt, sich authentisch zu zeigen?

Die jüngere Generation, insbesondere die Gen Z, geht damit bereits viel selbstverständlicher um. Ich erlebe das als gesellschaftliche Entwicklung, die bereits im Gang ist. Für die älteren Generationen braucht es vor allem Mut: den Mut zu glauben, dass es möglich ist, sich authentisch zu zeigen – und dass dadurch tatsächlich etwas besser werden kann.

Was bedeutet Mut für dich persönlich?

Mut leitet meine Entscheidungen, auch wenn Angst da ist. Ich erwarte nicht, dass sie verschwindet – sie darf präsent sein. Entscheidend ist, dass ich mich bewusst für den Mut entscheide und danach handle.


Hannah Kromminga (38)
ist seit über 15 Jahren international in der Start-up-Szene aktiv. 2022 hat sie GIFTD mitgegründet, das heute als achtköpfiges Team aus Berlin arbeitet. Zudem ist sie Mitgründerin der Greentech Alliance, einer globalen Community von über 2.000 Greentech-Unternehmen, die mit digitalen Lösungen und nachhaltigen Produkten unternehmerisch dem Klimawandel begegnen.

www.linktr.ee/giftd.app


Creator
Frederike Asael
Gastautorin

Quelle: Frederike Asael: „Was wirklich zählt“, Ladies Drive Magazin, Nr. 73 (2026)., S. 56-57.

Veröffentlicht online am 8 Apr., 2026
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