Seit ich denken kann, fragen mich Menschen dasselbe: Wieso machst du dich so verletzlich und angreifbar? Das ruft nur Neider und bösartige Menschen auf den Platz – die zerreissen dich in der Luft. Und ich antworte seit Jahren dasselbe: Das ist nicht mein Problem. Ich übergebe mich in die Gunst des Universums. Nicht fatalistisch, nicht blind. Sondern mit offenen Augen – und ebenso offenem Herzen. Wenn jemand meine Verletzlichkeit ausnutzt, muss diese Person damit leben. Nicht ich. Ich weiss für mich, dass ich aufstehe, das Krönchen richte und weitergehe, wenn ich mal falle. Mit einem Urvertrauen ins Leben und in andere Menschen. Und je mehr ich darauf vertraue und je weniger ich im Gegenzug fordere (Anerkennung, Likes), desto besser geht es mir.
Nun zum Kern aller Fragen: Macht Verletzlichkeit angreifbar? – Ja, natürlich! Doch was ist unterhalb dieser Verletzlichkeit? – Unser wahres Ich? – Dann ist doch alles perfekt! Denn das wahre Ich ist unzerstör- und unkaputtbar. Es ist unsere Essenz. Und natürlich zeige ich diese auch nicht an jeder Coop-Kasse. Verletzlichkeit, so wie sie uns Brené Brown in ihrem Bestseller erklärt, bedeutet schlicht und ergreifend eine bessere Fehlerkultur. Transparenz. Offenheit und Authentizität. Um Hilfe oder Support bitten und dies auch annehmen.
Doch sollen wir uns nun sagen, dass wir schwach sind? – Nein. Aber wir dürfen uns Verletzlichkeit erlauben, wo es Sinn ergibt, und insbesondere da, wo es Verbindungen, Nähe und Vertrauen schafft. Verletzlichkeit ist aber auch ein Kompass, wenn wir dieses Gefühl bewusst zu nutzen lernen. Das Spannende an dieser neuen Verletzlichkeit, auch im Businesskontext, ist: Keiner wird je der Beste darin sein. Es wird keine Weltmeisterschaften und keine Sieger geben – kaum jemand klopft dir dafür auf die Schulter. Allerdings stellt Verletzlichkeit eine Quelle für wahrhafte Beziehungen dar – und einen Schutz vor toxischen Situationen. Es ist also nicht nur ein Kompass, ein Navigationsgerät, sondern auch ein Bullshit-Detektor.
Denn wenn wir lernen zu spüren, wann und wer unsere Verletzlichkeit und Kindness für Schwäche hält, gehört diese Person eigentlich aussortiert aus unserem (Business-)Leben.
Apropos aussortieren: Wenn wir mal in der Historie des Homo sapiens zurückblättern, dann sehen wir da auch schnell, wehalb wir gelernt haben, Verletzlichkeit nicht zu zeigen.
Wer schwach ist, wurde gefressen. Überrannt. Die Frage, die ich mir jedoch stelle, lautet wie folgt: Haben wir uns weiterentwickelt? Zu einer Gesellschaft, in der nicht mehr Auge um Auge, Zahn um Zahn gilt?
Verletzlichkeit muss man sich leisten können, hat vor Kurzem jemand zu mir gesagt. Das ist wahr – aber traurig.
Denn sie erlaubt Tiefe. Ist die Voraussetzung für echte Authentizität, die doch heutzutage in aller Munde ist. Oder wie es Christina Kuenzle so schön in ihrer Kolumne ausdrückt: „Verletzlichkeit ist das, was wir finden, wenn wir wachsen wollen, wenn wir unsere Grenzen ausweiten, wenn wir Risiken eingehen und wenn wir Neues erforschen, lernen und experimentieren. Kurzum: wenn wir das Bekannte und Altbewährte verlassen.“
Und zuletzt ist alles im Leben wie Yin & Yang. Verletzlichkeit, Weichheit und Durchsetzungsstärke oder Härte – alles ist ineinander verwoben und im Fluss zwischeneinander und miteinander.
Das Leben hat seinen Rhythmus – und jede Funktion, jede Rolle, jede Aufgabe hat ihren Rhythmus. Also lernen wir mal besser, richtig gut zu tanzen.
So kommen wir zurück zum Anfang dieses Editorials, und es schliesst sich der Kreis: In einer Gesellschaft, in der man sich verletzlich zeigen darf, kann Kindness einziehen. Es zeigt, wie weit wir sind. Miteinander. Mit uns selbst. Als Gesellschaft.
Viel Spass und Inspiration bei dieser Ausgabe – und ich hoffe inständig, dass ich viele von euch an der League of Leading Ladies Conference in Interlaken (13./14.4.26) sehen darf – wir freuen uns auf Männer, Frauen, Juniors, Seniors, Expats, Misfits, Change Maker oder Rule Breaker. Fühlt euch mehr als willkommen!


















