Christoph Glaser: Zwischen Atemzug und Entscheidung

Interview: Sandra-Stella Triebl
Fotos: Carmen Wong Fisch

Ladies Drive No. 73. Christoph Glaser: Zwischen Atemzug und Entscheidung
League of Leading Ladies Conference 2027

LD73 – Mag

anche Menschen lehren nicht nur Führung,
sondern verkörpern sie – mit Präsenz, Klarheit und tiefem Atem. Christoph Glaser ist so einer.

Als CEO des TLEX Institute inspiriert er in über 50 Ländern Führungskräfte und Teams, innere Stärke, Resilienz und emotionale Intelligenz zu entfalten, und hat in über zwei Jahrzehnten mehr als 500.000 Mitarbeitende und Leader trainiert – darunter auch Top-Executives der Weltbank, 
von Shell, Roche, Citigroup, Accenture, BCG, Tetra Pak oder Deutsche Telekom.
Sein „Spiegel“-Bestseller „Atmen – Der Schlüssel zur erfolgreichen und gesunden Führung“ zeigt, wie einfache Atemtechniken in nur zwölf Minuten täglich Stress reduzieren und den Fokus stärken. Glaser verbindet alte Weisheit mit moderner Leadership-Praxis, lehrt bewusste Präsenz für nachhaltige Führung und lädt ein, im Interview über den Atem als „Kapital der Seele“ und über echte Transformation zu sprechen.

Ladies Drive: Lieber Christoph, in deinem zweiten Bestseller, den du mit Roland Liebscher-Bracht und Dr. Petra Bracht geschrieben hast, geht es um „Lange gut leben“ – und darum, wie man endlich umsetzt, was wirklich hilft. Auf einem kleinen Button steht noch „Schmerzfrei, gesund und glücklich“. Da habt ihr euch was vorgenommen!

Christoph Glaser: Absolut – auf 450 Seiten! Nun, unser Leitmotiv war, dass Gesundheit mehr ist als die Absenz von Krankheiten. Und dass wir so oft das Einfache, Naheliegende vergessen. Darauf wollen wir hinweisen. Das Buch ist entstanden in nächtelangen Diskussionen, in wochenlangem Zusammensein, in dem wir geschrieben, diskutiert und alles mehrfach verworfen haben. Wir haben gemerkt: Wenn wir über das Leben sprechen, müssen wir unweigerlich auch über den Tod reden. Denn es geht darum, immer wieder loszulassen. Es geht darum, uns die Frage zu stellen, wer wir wirklich sind. Was macht uns aus? Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Weisheit ist indessen jenes Wissen, das wir anwenden. Ich glaube, das tägliche Anwenden, das tägliche Umsetzen ist für viele Menschen eine grosse Herausforderung – wir alle kennen den inneren Schweinehund. Wir haben uns deshalb auch auf das Überwinden von inneren Widerständen fokussiert.

Lass uns noch einmal über dein erstes Buch sprechen, in dem es ums Atmen ging. Um diese zwölf Minuten, die wir unserem Atem jeden Tag ganz bewusst schenken. Du hast mir mal an einem Bargespräch erzählt, dass dich das Erlernen der Atemtechniken gerettet hat.

Allerdings. Ich war ein Zappelphilipp als Kind und auch noch als Jugendlicher. Ich hatte ordentlich viele Ängste. Und vor allem wusste ich nie, wie ich mit meiner Energie umgehen soll – und auch nicht mit meinen Emotionen. Durch die Atemtechniken habe ich Selbstwirksamkeit erlernt. Ich habe gelernt, wie ich dadurch meine Gedanken und Gefühle managen kann, und hatte plötzlich eine ganz neue Lebensqualität. Seit 30 Jahren mache ich meine Atemübungen und widme die ersten zwei Stunden des Tages dafür. Egal, ob ich dafür um vier oder fünf Uhr aufstehen muss oder um acht Uhr, um die Übungen gemütlich machen zu können. In meinem Buch „Atmen“ vermittle ich eine kurze, sehr effektive zwölfminütige Atemmethode. Was ich selber mache, ist die XXL-Variante.

Ich wollte gerade sagen, das ist aber etwas länger als zwölf Minuten. Du sprichst ja auch viel über emotionale Intelligenz, über achtsame Führung, über das Atmen. Böse Zungen würden jetzt sagen: Für so einen Quatsch haben wir doch keine Zeit in Zeiten wie diesen. Die Wirtschaft geht südwärts. Da müssen wir doch jetzt ganz andere Qualitäten walten lassen als: Atmen.

Das verstehe ich absolut. Doch je mehr Unruhe im Aussen ist, desto wichtiger ist es, dass wir innere Stabilität finden. Denn vieles im Aussen können wir nur marginal beeinflussen. Und damit ich überhaupt die Herausforderungen, die da sind, managen kann, geht es darum, dass ich meine Mitte finde. Natürlich gilt es, nach vorne zu schauen. Aber gerade wenn es ein bisschen turbulent ist, wenn die Welt sich so schnell verändert und wir sehr unsicher sind, stellt sich die Frage: Wie kann ich jetzt, in diesem Augenblick, meine beste Version sein? Wie kann ich das Geschenk des Lebens jetzt in diesem Augenblick wahrnehmen?

Stella, weisst du, dieser Moment gerade jetzt kommt nie wieder. Diesen Moment wirklich zu ehren und sich die Frage zu stellen, was ich für andere tun kann – ich glaube, dann eröffnet sich ein ganz anderer Horizont. Und Atemtechniken können uns helfen, mehr Energie zu haben. Wenn wir mehr Energie haben, schauen wir plötzlich wieder positiver auf die Dinge.

Man ist fokussierter und trifft klarere Entscheidungen.

Genau. Die wichtigste menschliche Energiequelle ist der Atem. Die Krux – gerade für Menschen, die Dinge mit sehr viel Sinnhaftigkeit tun – besteht darin, dass man manchmal zu viel macht. Das kenne ich von mir selbst. Ich liebe es, Seminare zu geben. Dann ist der Kalender manchmal ziemlich voll. Da muss ich mich auch selbst ein bisschen zügeln. Und schau dir die Karriere von Roger Federer an. Er hat viele interessante Thesen zum Selbstmanagement postuliert. Eine war: Um Erfolg zu haben, geht es gar nicht darum, sich zu fragen, auf welchem Level man an seinen besten Tagen performt, sondern vielmehr an den schlechten Tagen – in den Momenten, in denen es einem nicht gut geht. Auf welches Level falle ich dann zurück? Das finde ich einen spannenden Gedanken. Wir alle haben Momente, in denen wir aus der Bahn geworfen werden, in denen wir nicht essen und trinken können oder irgendetwas schiefläuft im Leben. Die Frage ist: Auf welches Level falle ich dann zurück?

Du hast ja mit sehr vielen sehr erfolgreichen Menschen aus dem Business zu tun. Bewegen die sich alle in Richtung emotionale Intelligenz und achtsame Führung – oder erlebst du auch Ablehnung in deinen Coachings und Seminaren?

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass 90 Prozent aller Top-Performer eine hohe emotionale Intelligenz haben. Interessanterweise outperformen Menschen mit hoher emotionaler Intelligenz, also hohem EQ, jene mit hoher kognitiver Intelligenz, also klassischem IQ. Mir fällt auf, dass Menschen, die im Berufsleben sehr stark engagiert sind, in der Regel ein Ventil oder ein persönliches Rezept haben, um immer wieder zu sich selbst zurückzukehren – sie haben ihre Resilienz trainiert. Führungskräfte haben eine grosse Vorbildfunktion. Wichtig ist, dass Führungskräfte darüber sprechen, was sie für sich selbst tun, und damit auch für andere eine Legitimität schaffen – und ein Verständnis dafür, wie wichtig das ist. Viele nutzen Atemtechniken, meditieren, gehen spazieren oder joggen. Gerade beim Thema Achtsamkeit oder Meditation geht es nicht darum, dass wir meditieren, sondern darum, diesen meditativen Zustand zu erleben, im Jetzt zu sein und dadurch Kraft zu sammeln. Was ich aber auch erlebe, ist, dass viele Menschen auf Führungsebene trotz alledem Ängste haben …

… Es gibt auch ein überdurchschnittlich hohes Mass an Narzissten und Soziopathen in der Führungsetage, heisst es.

Dazu gibt es auch nette Studien. Häufig sagen mir Leute, wenn ich diese Studien zitiere, dass ihr Chef zwar emotional intelligent, aber dennoch manipulativ sei. Nun – das ist eben auch emotionale Intelligenz. Es braucht hier eben auch noch einen ethischen Kompass, es braucht Werte. Hinzu kommt Folgendes: Wir leben im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Wir werden es nicht schaffen, die Roboter zu outperformen. Aber es gibt immer noch Dinge, die uns einzigartig machen. Am Ende des Tages stellt sich die Frage: Wie kann ich die Menschlichkeit, das Herz, die Empathie in mir kultivieren? Wir werden niemals der bessere Roboter sein. Da werden wir immer zweite Sieger bleiben.

Siehst du in all diesen Jahren, in denen du Führungskräfte coachst, einen Trend?

Ja, ich sehe einen Trend: dass alles immer schneller wird und es dementsprechend immer wichtiger wird, innere Ruhe zu finden. Das sind gegensätzliche Werte, die sich aber durchaus ergänzen. Es geht darum, innovativ zu sein. Wir leben aber in einer Welt, die auch Angst auslösen kann. Werde ich bald redundant? Überlebt mein Unternehmen? Wenn ich Unternehmer bin oder selbstständig bin oder plötzlich nicht mehr gefragt bin im Unternehmen, dann rennen wir alle. Kurzfristig gewinnt der, der schneller rennt. Aber mittel- und langfristig gewinnt der, der immer wieder die Richtung wechselt, der innehält, der währenddessen versteht, wie es mir, meinem Umfeld, dem Kontext geht, und sich wirklich zielgerichtet fortbewegt.

Viele haben ja den Eindruck, sie können weder links noch rechts schauen, weil alles hochkomplex und superschnell ist um uns herum.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wenn die Energie nach unten geht, macht unser Körper etwas sehr Intelligentes: Er beginnt, egoistisch zu leben. Dann geht es darum, dass ich etwas zu essen bekomme, dass ich schlafen gehe, dass meine Bedürfnisse befriedigt werden, weil unser System dafür sorgt, dass wir quasi überleben. Wenn wir aber als Gesellschaft mehr und mehr ans Limit kommen und dementsprechend intelligent dafür sorgen, dass wir überleben, kann das Mitmenschliche darunter leiden. Dann sind wir nicht mehr beziehungsfähig, weil wir uns auf uns selbst konzentrieren müssen. Das geschieht allerdings nicht, weil wir böse sind, sondern einfach, weil wir nicht mehr so zur Ruhe kommen.

Lass uns da noch mal ein bisschen über dein Buch „Lange gut leben“ sprechen. Wie alt möchtest du werden, Christoph?

Das ist eine ganz spannende Frage. In diesem Longevity-Konzept ist für mich dieses Gute ganz wichtig. Das gute Leben.

Aber wie alt möchtest du werden?

Ich habe keine genaue Zahl vor Augen. Aber ich kann vielleicht dazu auf eine Studie verweisen. Und zwar hat man vielen Tausend Menschen in einer Studie diese Frage gestellt. Zuerst haben sie gesagt: im Durchschnitt 80 Jahre. Dann hat man die Frage neu gestellt und gefragt: Wie lange möchtest du leben, wenn es dir richtig gut geht, wenn du gesund und glücklich bist? Da kam etwas ganz anderes heraus: nämlich ewig! Das bedeutet, dass wir mit dem Alter natürlich auch viel Leid assoziieren. Ich glaube, das ist mein Bestreben: möglichst lange dieses Empfinden, dieses Wohlbefinden in mir zu bewahren, es zu kultivieren. Ich habe in meiner Biografie recht früh, mit 17, festgestellt beziehungsweise erlebt, dass wir auch loslassen müssen, dass das zum Leben gehört. Akzeptieren und loslassen, dass dich gewisse Fähigkeiten auch verlassen können. Ich hatte damals einen Unfall und konnte dann nicht mehr Fussball spielen, nicht mehr rennen, hatte Schmerzen. Da wird man sich der Endlichkeit bewusst. Und seither ist für mich das gute Leben ganz entscheidend. Ich glaube, dann folgt das lange Leben eigentlich als Konsequenz daraus, weil wir Lust darauf haben. Und wenn es uns gut geht, ist es viel leichter, Dinge zu tun, die gut für uns sind. Vielleicht kennst du das: Genau an den Tagen, an denen es uns schlecht geht, essen wir abends Chips, schauen zu lange fern und gehen viel zu spät ins Bett. Wenn es uns aber richtig gut geht, ist es viel leichter, den gesunden Salat zu essen, aufs Fernsehen zu verzichten und zu sagen: Um neun liege ich im Bett.

Da hast du allerdings recht.

Ich habe letztens mit jemandem gesprochen, der im Bereich ethisch-moralisch gute Unternehmensführung doziert. Sie hat gesagt, sie fragt ihre Leute immer, wie das Ende ihres Lebens aussehen soll. Sie versucht immer, die Projektion zu machen: Wie soll das Ende aussehen? Und dann von da zurück zu deklinieren.

Das finde ich eine extrem spannende Perspektive. Wie stellst du dir das Ende deines Lebens vor?

Beim Schreiben dieses Buches haben wir oft über den Tod und das Ende des Lebens gesprochen. Wir haben festgestellt, Roland, Petra und ich, dass wir ganz unterschiedliche Szenarien im Kopf haben. Für Roland ist es ganz klar: Er möchte die 100 überschreiten. Ich bin mir sicher – oder ich glaube zumindest –, dass die Chancen sehr gut stehen, dass er das schafft. Das ist sein Nordstern. Bei mir ist das anders. Meine Mutter ist sehr überraschend mit 69 Jahren, obwohl sie vorher ganz gesund war, innerhalb von drei Monaten an einem Gehirntumor gestorben. Und seither habe ich Respekt vor dem „Ende“. Ich stelle mir immer wieder die Frage: Könnte ich heute gehen? Wäre es okay, heute zu gehen? Was würde passieren, wenn ich heute gehen müsste? Das ist für mich ein Nordstern. Die Fähigkeit zu entwickeln, loslassen zu können. Und ich glaube, das macht das Leben auch aus: es zu lieben, die Dinge und Projekte zu lieben, die wir tun. Und auch gleichzeitig bereit zu sein, sie loszulassen. Das ist Hingabe. Ich glaube, es ist schön, beides gleichzeitig tun zu können: loszulassen und gleichzeitig das Leben zu lieben. Denn daraus entsteht innere Freiheit. Seit meiner Jugend strebe ich nach dieser inneren Freiheit. Das ist mein grösster Kompass.

Was mir in diesem Zusammenhang mit lange gut leben immer sehr wichtig ist, ist meine Unabhängigkeit. Aber vielleicht ist das familiär bedingt, weil ich eine Mutter hatte, die 20 Jahre Krebs hatte und vor 14 Jahren verstorben ist. Mein Vater hat MS und Demenz.

Ich glaube, das beschäftigt ganz viele. Meine Mutter ist vor 14 Jahren verstorben, also 2011 – im gleichen Jahr wie deine Mamma. Ich glaube, die grösste Illusion ist jene der Zeit. Wenn wir nur verstehen würden, dass wir alle relativ bald von diesem Planeten verschwinden werden. Und die Zeit rast manchmal. Wir verewigen unsere Probleme. Wir tun so, als würden auch die schönen Dinge für immer bleiben. Ich versuche, wie folgt zu leben: Stell dir vor, in zwei Tagen ist der Urlaub vorbei. Das ist bei den meisten genau die Phase, in der wir noch einmal ganz intensiv leben. Ein letztes Mal ins Meer gehen, ein letztes Mal aus dem Fenster die Berge anschauen. Und wenn wir nur verstehen könnten, dass jeder Tag genauso kostbar ist!

Was tust du, um in dein langes, glückliches und gesundes Leben zu investieren?

Der wichtigste Moment für mich ist der Morgen. Ich habe ein paar Rituale. Ich mache Intervallfasten. Ich esse nicht vor 10 Uhr und nicht nach 18 Uhr. In den ersten zwei Stunden des Tages nutze ich keine sozialen Medien, mache mein Telefon nicht an. Ich dusche, und dann mache ich jeden Morgen etwa 45 Minuten Körperübungen. Das ist wichtig, weil unser Körper ja irgendwie erschaffen wurde, um sich zu bewegen und nicht, um dazusitzen. Und dann mache ich Atemübungen, Meditation. Wenn ich kann, gehe ich sogar am Morgen schwimmen. Und das ist so mein Ritual, diese ersten zwei Stunden. Und dann lege ich los. Und ich achte auf die Ernährung. Ich gehe durchaus gerne abends noch einmal spazieren. Das mache ich sehr, sehr gerne.

Ich auch. Ich liebe es, wenn es dunkel ist. Dann scheint mir die Welt, so schlafend, immer noch friedlicher, stiller, sanfter.

Das verstehe ich gut. Und dann ist es für mich auch wichtig, eine Balance zu finden. Dieser Gedanke „ich, ich, ich“ kann uns echt nach unten ziehen. Deshalb überlege ich mir jeden Tag, was ich für andere Menschen Gutes tun kann. Wie kann ich für mein Team da sein? Und bei Seminarteilnehmenden: Wie kann ich wirklich für sie da sein? Wie schaffe ich es, dass ich für sie da bin und ihnen das Beste wünsche und das von Herzen teile? Und zwar ohne etwas zurückzubekommen.

Zu geben, ohne etwas zurückzuerwarten …

Genau. In meinem Metier als Trainer und Coach ist das Spannende: Ich kann ohne Kundinnen und Kunden nicht leben. Aber wenn ich ein Seminar gebe oder Coaching mache, damit ich wieder ge­­bucht werde, dann gebe ich ja nicht, sondern nehme. Dann will ich extra gut sein und dem anderen gefallen. Aber das widerspricht sich. Sich davon zu lösen und zu sagen: Dieser Moment wird nie wieder kommen, egal ob er dich wieder bucht oder nicht. Aber ­diesen Moment jetzt kriegen wir – so­­wohl der Kunde als auch ich – nie wieder zurück. Und ich ehre jetzt diesen Mo­ment.

Es ist natürlich leichter, wenn du Dinge tust, die du gerne tust. Wenn du irgendwo in der Fabrik im Dunkeln arbeitest, unter schlechten Bedingungen, und es ist heiss und stickig und eklig, und die Luft ist dreckig, dann ist die Situation wahrscheinlich ein bisschen anders. Da dürfen wir uns manchmal gewahr sein, wie privilegiert wir sind.

Absolut. Wobei ich glaube, dass uns diese innere Haltung nie genommen werden kann. Es gibt ja diese schöne Geschichte von zwei Leuten, die im Steinbau arbeiten. Der eine singt den ganzen Tag, und der andere flucht und flucht. Irgendwann ärgert er sich so sehr über den Typen, der da singt. Am Ende sagt er: Wir werden ausgebeutet, haben nichts zu essen, kriegen keinen Lohn. Es ist sengende Hitze, wir haben keine Perspektive. Wir hämmern nur Steine. Der andere antwortet darauf nur: Ach, du hämmerst Steine? Ich baue eine Kirche. Das kann uns niemand nehmen: mit welcher inneren Haltung wir die Dinge tun. Das ist Sinnhaftigkeit. Ich habe bemerkt, dass ich mich selbst in einer Berufung verlieren kann. Das ist wie bei Musikern, die, nachdem sie Profis werden, ihr Instrument nicht mehr mögen, oder wenn sie nach dem ersten Hit keine weiteren Songs mehr produzieren wollen. Und man kann auch in privilegierten Situationen total unglücklich sein.

Wenn es sich dann doch leer anfühlt, nutzt alles nichts.

Deshalb ist die Quintessenz in unserem Buch die: Wenn es ums gute Leben geht, ist das „Wie“ wichtiger als das „Was“. Es gibt eine dieser berühmten Harvard-Studien, in denen man Menschen über Push-Messages gefragt hat, was sie gerade machen, ob sie glücklich sind und ob sie gedanklich bei der Sache sind oder nicht. Das Resultat war erschreckend: In fast 50 Prozent der Fälle waren die Menschen nicht bei der Sache. Eine weitere Erkenntnis der Studie war, dass wir dann glücklich sind, wenn wir voll und ganz bei der Sache sind.

Ein Beispiel: Ich treffe meinen liebsten Freund, bin aber mental gar nicht da. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, glücklich zu sein, viel geringer, als wenn ich gerade den Abwasch machen muss, was ich in meinem Fall gar nicht so gerne mache, aber dabei mental ganz präsent bin. Es ist der Zustand unseres Geistes, der uns schlussendlich die Lebensqualität gibt. Das ist ein Zitat von Sri Sri Ravi Shankar, von dem ich die Atemtechnik lernen durfte. Ich glaube, unser Geist gaukelt uns oft etwas vor, und wir glauben, wenn wir nur noch dies oder jenes haben, dann sind wir happy. Und so rennen wir dem Glück ständig hinterher, statt zu ehren, was im Mo­­ment eben gerade vor uns liegt.

Was sind deine drei ultimativen Tipps für ein gesundes, glückliches und langes Leben? Quasi der ultimative Biohack?

Erstens: Sei für andere Menschen da. Teile deine Liebe. Wenn wir unsere 
Liebe teilen, dann kriegen wir noch viel mehr zurück – vor allem, wenn wir sie tei­­len, ohne mehr bekommen zu wollen.

Zweitens: Sei dankbar. Ich mache das abends gerne, bevor ich schlafen gehe – ich liege im Bett und überlege, was mir heute an Güte entgegengebracht wurde.

Und das Dritte wäre, um auf das Buch zurückzukommen: Nutze die Kraft deines Atems. Der Atem ist uns gegeben, und dennoch ist er ein Geschenk und die mit Abstand wichtigste Energiequelle unseres Lebens. Das können wir nutzen. Denn unsere Energie beeinflusst direkt unser Mindset – und damit die Qualität unseres Lebens. Und dadurch spüre ich auch, dass ich selbstwirksam bin. Und ich glaube, das ist das A und O: zu wissen, dass wir alle Einfluss auf unser eigenes Wohlbefinden nehmen können. Es gibt nichts Schlimmeres, als sich ausgeliefert zu fühlen. Also, ich würde sagen: Probiert es mal aus.


Ladies Drive No. 73. Christoph Glaser: Zwischen Atemzug und Entscheidung

Christoph Glaser
hat zwei Bücher in der Gesundheits- und Führungsliteratur publiziert: „Atmen“ mit praktischen Leadership-Tipps sowie „Lange gut leben“ als ganzheitlichen Leitfaden für ein gesundes, schmerzfreies und vor allem bewusstes Leben.
www.christophglaser.ch

Christoph Glaser wird an der League of Leading Ladies Conference 2026 (13./14.4.26) in Interlaken einen Workshop zu diesem Thema halten.
Mehr unter www.leagueofleadingladies.com

League of Leading Ladies Conference 2026 Poster

Creator
Sandra-Stella Triebl
Chefredakteurin

Quelle: Sandra-Stella Triebl: „Christoph Glaser: Zwischen Atemzug und Entscheidung“, Ladies Drive Magazin, Nr. 73 (2026)., S. 34-37.

Veröffentlicht online am 31 März, 2026
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