Mylène Thiébaud: karriere-upgrade?

Interview: Claudia Gabler
Foto: Micha Riechsteiner

Ladies Drive No. 73. Mylène Thiébaud: karriere-upgrade?
Ladies Drive Bargespräche – Vol.80

LD – Mag

Mylène Thiébaud über echte Anforderungen an Verwaltungsrätinnen und die strenge Selbsteinschätzung zwischen Verantwortung, Verletzlichkeit und Statushunger.

Viele träumen von einem Verwaltungsratsmandat. Doch worum geht es bei diesem Wunschtraum wirklich? Um ein Karriere-­Upgrade? Um Status? Belohnung? Oder um die tiefe innere Bereit­schaft, Verantwortung zu übernehmen und Krisen zu meistern? Über Chancen, Veränderungen und Anforderungen an Verwaltungsrätinnen durften wir Mylène Thiébaud, Geschäftsführerin des SwissBoardForums, interviewen.


Ladies Drive: Mylène, warum braucht es ein Forum für Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräte?

Mylène Thiébaud: Das SwissBoardForum ist der älteste Verein für Verwaltungsrät:innen in der Schweiz. Als es 2007 gegründet wurde, gab es keine Weiterbildung für Verwaltungsrät:innen. Eine Gruppe interessierter und fürsorglicher Menschen hat das in die Hände genommen und den Verein gegründet mit der Mission, die Professionalisierung der Verwaltungsratstätigkeiten voranzutreiben. Mit dieser Mission ist das SwissBoardForum bis heute unterwegs.

Was hat sich in puncto Professionalität seither getan?

Wir hatten während der letzten 20 Jahre grosse Krisen zu meistern. Diese haben gezeigt, wie wichtig ein professioneller Verwaltungsrat ist. Es gibt heute zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten. Das zeigt, wie relevant das Thema für unsere Zukunftsfähigkeit ist.

Woran lässt sich die Professionalisierung festmachen?

In den Auswahlverfahren achtet man viel mehr auf die Profile der Kandidatinnen und Kandidaten, auf ihren Rucksack an Kom­petenzen, an Diversität und an Mehrwerten, die sie in ein Gremium einbringen können. Die Zeit der Freundschaftsdienste und Platzierungen, die auf Seilschaften beruhen, ist vorbei.

Viel kritisiert wird die mangelnde Diversität in Schweizer Ver­­waltungsräten. Wie sieht die Situation aktuell aus?

Es ist viel passiert. Heute erreichen wir das Ziel von 30 % Frauen­anteil in den meisten grossen Verwaltungsräten in der Schweiz. Es gibt viele valable Kandidatinnen. Firmen, die suchen, finden geeignete Frauen. Wir wissen aber, dass nur 10 % der Mandate aus­geschrieben werden. 90 % der Besetzun­­gen laufen über Mund-zu-Mund-­­Propaganda und Netzwerke. Frauen müssen etwas zu ihrer Sichtbarkeit beitragen, wenn sie angefragt werden wollen. Man wird nicht Verwaltungsrätin, weil man ein CAS abgeschlossen hat. Man wird Verwaltungsrätin, weil man sichtbar ist und Kompetenzen mitbringt. Sichtbarkeit schafft Kontakt, Vertrauen schafft Mandat. Zudem spielen Headhunter bei der Besetzung vieler Mandate eine wichtige Rolle. Es lohnt sich, bei denen bekannt zu sein.

Welche Themen beschäftigen euch als Plattform am meisten?

Bei unseren Events geht es um Themen, welche Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräte heute auf dem Schirm haben müssen, z. B. darum, wie sich der VR bei einer Cyberattacke organisiert oder welchen Impact KI auf das Geschäftsmodell hat. Aber auch die Finanzkompetenzen, die man im Verwaltungsrat immer wieder auffrischen muss, um am Ball zu bleiben, adressieren wir an unseren Anlässen. Wir laden spannende Referent:innen auf allen Ebenen ein, von der Praxis bis hin zu den Megatrends.

Wo siehst du die grössten Veränderungen in der VR-Rolle?

Der VR erhöht über Fragen, Entscheide und Rahmenbedingungen die Qualität der strategischen Auseinandersetzung, bei klar ge­­­trennten Rollen. Die Dynamik der Märkte zwingt dazu, mehr in den Austausch zu gehen und ein tiefes Verständnis für das Business aufzubauen. Geschwindigkeit und Unsicherheit steigen. Das Board muss mit weniger Informationen bessere Entscheidungen treffen. Herausforderungen stehen an der Tagesordnung: Technologie, Cyber, KI, Nachhaltigkeit, geopolitische Risiken. Der Verwaltungs­rat muss sich in jedem Thema einbringen. Das erfordert sehr viel Engagement und ist eine grosse Verpflichtung. Die romantische Idee, viermal im Jahr schön essen zu gehen, ist definitiv Geschichte. Der Verwaltungsrat spielt eine strategische Rolle für den Fortbestand eines Unternehmens. Auch in der Teamdynamik beobachte ich Veränderungen: Der Wille, VR-Diversität zu leben, nicht nur in Bezug auf Frauen und Männer, sondern auch auf Kompetenzen, Per­­spektiven, Erfahrung und Alter, ist heute viel stärker ausgeprägt.

Was zeichnet eine gute Verwaltungsrätin aus?

Sie ist unabhängig. Jemand, der seine Rechnungen am Ende des Monats mit einem VR-Mandat bezahlen muss, ist fehl am Platz. Finanzielle und geistige Unabhängigkeit sowie die Fähigkeit, schwierige Themen anzusprechen, sind elementar. Eine Verwaltungsrätin muss kompetent und kommunikativ sein und die Fähigkeit besitzen, sich in einem Gremium aktiv einzubringen. Viele wollen ein Mandat, aber wenige wollen die Verantwortung, die damit verbunden ist. Jedes Mitglied trägt immer auch eine persönliche Verantwortung neben der Organverantwortung des Gremi­ums. Von daher denke ich auch, dass ein Mandat, das drei bis sechs Jahre dauert, danach beendet werden sollte. Man kann die Person durch jemanden ersetzen, der die optimale Besetzung für die nächste Phase ist.

Es klingt ein bisschen so, als würden Verwaltungsräte in erster Linie Schmerzpunkte adressieren. Ist es nicht auch ihre Auf­­gabe, Chancen zu identifizieren?

Ja, natürlich! In einem komplexen Umfeld ist Innovation genauso wichtig wie das Risikomanagement. Der VR spielt eine wichtige Rolle für die Zukunftsfähigkeit einer Firma. Er hat einen grossen Einfluss auf die Beständigkeit, aber auch auf die Kultur einer Organisation. Die Werte, die im Gremium diskutiert und vorgelebt werden, prägen die ganze Firma.

Wer sind deine VR-Vorbilder?

In den letzten zwei Jahren habe ich viele spannende Persönlichkeiten kennengelernt. Zu unserem Netzwerk zählen herausragende Leaderinnen, wie zum Beispiel Andrea Berlinger. Sie hat in einem unserer President Circles ihre kostbaren Transforma­tionserfahrungen geteilt. Auch die profilierte Familienunternehmerin Gabriela Manser oder Pascale Bruderer mit ihrer ­politischen Erfahrung, klaren Haltung, strategischen Tiefe und Glaubwürdigkeit in Transformation und Governance sowie Maya Bundt, die sich auf die Cyber-Thematik fokussiert und mit viel Offenheit an Themen herangeht, sind spannende Vorbilder.

Hast du konkrete Tipps für Frauen, die sich für ein VR-Mandat interessieren?

Absolut! Ich möchte fünf Tipps geben:

  • Klare Positionierung statt Alleskönnerin. Frauen scheitern oft daran, dass sie zu breit auftreten. Ein VR-Mandat braucht eine scharfe Positionierung, beispielsweise Digitalisierung in KMU, Risikomanagement, Transformation, Governance, Finance, Familienunternehmen etc. Positionierung heisst nicht Vielseitigkeit, son­­dern Klarheit darüber, welchen erkennbaren Mehrwert und welche relevante Erfahrung man mitbringt. Auch ist ein ganzheitliches Verständnis eines Unternehmens wichtig.
  • Sichtbarkeit ist kein Luxus, sondern Pflicht. Dazu zählen Fachartikel, Panels, ein aussagekräftiges LinkedIn-Profil und Networking. Wenn man weiss, dass 90 % der Mandate nicht ausgeschrieben werden, bedeutet dies: Networking, Networking, Networking. Praxisaustausch auf Plattformen wie dem SwissBoardForum und Peer-Diskussionen schaffen Vertrauen und helfen beim Einstieg in die Rolle sowie beim Verständnis, wie ein Gremium konkret zusammenarbeitet.
  • Radikale Selbsteinschätzung. Die entscheidenden Fragen lau­­ten: Wo habe ich wirklich geführt und nicht nur begleitet? Bin ich Spezialistin, Generalistin oder jemand, der zwischen Disziplinen vermittelt? Wäre ich in einer Transformation heute eine Hilfe oder ein Risiko in einem Gremium?
  • Eine VR-Rolle ist kein Karriere-Upgrade. Sie bedeutet Verantwortung. Ein Mandat tönt gut, bringt aber vor allem Verpflichtungen mit sich. Bei Schönwetter kann das angenehm sein, aber man darf sich auch sicher sein, dass während der Laufzeit eine Krise ausbricht. Hat man dafür Kraft, Zeit, Ausdauer und Ressourcen?
  • Und dann braucht es auch den Mut, sich zu bewerben. Nicht zu warten, bis 100 % erfüllt sind, sondern sich auch bei 60 % in Position zu bringen, wenn die Kompetenzen vor­handen sind.

Mylène Thiébaud
gestaltet als Geschäftsführerin des SwissBoardForums den Austausch unter Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräten und bringt aus ihrer Selbstständigkeit im Bereich nachhaltiger Veränderung in der Unternehmensentwicklung erfrischende Perspektiven in das System.

Das SwissBoardForum
ist eine schweizweite Plattform für Verwaltungsrats-Themen und Corporate Governance zur Förderung der professionellen Verwaltungsrats- und Stiftungsratstätigkeit. Im Zentrum stehen der persönliche Erfahrungsaustausch und die praxisnahe Wissensvermittlung.
www.swissboardforum.ch

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Creator
Claudia Gabler
Beitragsautorin

Quelle: Claudia Gabler: „Mylène Thiébaud: karriere-upgrade?“, Ladies Drive Magazin, Nr. 73 (2026)., S. 48-49.

Veröffentlicht online am 7 Apr., 2026
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