Wie das Gehirn Vertrauen verarbeitet – Dr. med. Evelyn Mauch, MHBA

Wie das Gehirn Vertrauen verarbeitet - Dr. med. Evelyn Mauch, MHBA
Urvertrauen – der Klang dieses Wortes lässt uns bereits in eine wohlige Entspannung auf sicherem Grund gleiten. Urvertrauen – die Basis, das Fundament aus Beton, auf dem unser Lebenshaus gebaut ist. Die enge Bindung zu liebevollen Bezugspersonen, die stets verlässlich auf unsere essenziellen Bedürfnisse wie Nahrung, Wärme, Schlaf und Schmerzlinderung reagieren, wird unter anderem durch das Hormon Oxytocin geprägt.

Wer anderen gar zu wenig traut, hat Angst an allen Ecken …

Wilhelm Busch

Der auch als Kuschelhormon bekannte Neurotransmitter wird im Zwischenhirn gebildet. Bereits von Anbeginn an helfen uns darüber hinaus die Spiegelneurone dabei, die Emotionen und Intentionen unserer Bezugspersonen zu erkennen und zu verstehen. Als Beispiel sei hier eine junge Mutter aufgeführt, die ihr Baby überglücklich, zärtlich anlächelt. Dazu spricht sie mit einer, evolutionär bedingt, um mindestens eine Oktave höheren Stimme. Das Baby strahlt die Mutter daraufhin an und gluckst vor Vergnügen – Spiegelneurone in Hochform!

Das Bindungshormon Oxytocin spielt auch in unserem weiteren Leben eine entscheidende Rolle im Vertrauensaufbau. Jecken oder Narros kennen das Phänomen von Karneval oder Fasnacht – alle sind in Glückseligkeit miteinander verbunden und vertrauen sich blind. Ursache dafür ist neben der euphorischen Grundstimmung der äthyltoxische Feenstaub, den der Alkohol über unsere Gehirne streut. Dadurch wird die Fähigkeit reduziert, Risiken einzuschätzen, und gleichzeitig wird die Emotionalität gesteigert. In diesem Gefühl der Vertrauensseligkeit können wir darüber hinaus nonverbale Zeichen schwerer einschätzen und laufen damit Gefahr, Unehrlichkeit nicht zu erkennen. Vermeintlich Vertrautes weckt in Folge rasch Vertrauen. Aufgrund des allmählichen Verlustes von Hirnsubstanz bei an Demenz erkrankten Personen liegt ein ähnliches Bona-fide-Phänomen vor.

Im Gegensatz dazu entsteht Misstrauen durch eine unzulängliche Übereinstimmung der Spiegelneurone. Wie bei der Königin in „Schneewittchen“ – „Spieglein, Spieglein an der Wand“ – helfen uns die Spiegelneurone, Handlungen und Gefühle unserer Mitmenschen nachzuvollziehen. Ähnlich erschüttert wie die Königin über eine Diskrepanz gehen wir jedoch nicht mit einem vergifteten Apfel zu den sieben Zwergen, sondern bemerken ein ungutes Bauchgefühl, das uns misstrauisch werden lässt.

Die Spiegelneurone sind elementar für das Einschätzen des Gegenübers. Wie gelingt es dann jedoch Menschen, die nicht auf die Funktion aller fünf Sinnesorgane zurückgreifen können, Vertrauen zu ihren Mitmenschen aufzubauen? Wie eingangs erwähnt ist auch hier ein aus Granit gegossenes Fundament aus Urvertrauen essenziell. Die sogenannte Cross-Modalität nimmt eine entscheidende Vertreterrolle ein: Blinde Menschen haben so beispielsweise einen ausgeprägten Gehör- und/oder Tastsinn, die hier für einen Abgleich auf emotionaler und intentionaler Ebene sorgen.

Unter anderem über das Stirnhirn bewerten wir Situationen und uns. Häufig sind wir selbst die strengsten Lehrer und Richter, wenn es um unsere eigene Leistung geht. Nachsicht, Wohlwollen und Verständnis lassen wir bei uns liebgewonnenen Mitmenschen walten – wie schaut dies jedoch bei uns im Umgang mit uns selbst aus? Im Mandelkern im Gehirn werden Emotionen, insbesondere Angst und Furcht verortet. Liegt hier nicht zu viel Angst vor, ist dies die beste Voraussetzung für den Aufbau des wohligen, herrlichen Hängematten-Gefühls des Selbstvertrauens. Der Hippocampus – das Hirnareal im limbischen System, das wie ein Seepferdchen aussieht – ist die Region, die für die Lernerfahrung wichtig ist. Wir alle kennen das wunderbare Gefühl, wenn man Herausforderungen oder Prüfungen gemeistert hat – ein Feuerwerk für das Selbstvertrauen! Das Stirnhirn hat das Ressort für Selbstkontrolle und Risikoeinschätzung inne. Haben wir das Gefühl, Chef in der Manege zu sein und Kontrolle über den Schauplatz zu haben, wirft das Gehirn Belohnungskonfetti in Form von Dopamin aus. „Konfetti für alle und noch mehr für mich!“ stärkt das Vertrauen in uns selbst. Unsere Neurotransmitter-Freundin Oxytocin will bei der Party natürlich auch nicht fehlen und schwingt dabei das hormonelle Tanzbein. Haben wir das Gefühl, Kontrolle über eine Situation in einer zwischenmenschlichen Beziehung zu haben, stärkt dies über diesen Mechanismus das Vertrauen. Wir meistern die Situation, die Konstellation ist unter Kontrolle, und wir fühlen uns mit den Beteiligten vertrauensvoll verbunden.

Die tragenden Wurzeln des Grundvertrauens lassen uns wie eine alte, starke Eiche Widrigkeiten trotzen; so sind wir offen für all das Neue, was kommen mag, im sicheren Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten und auf die Menschheit.


Wie das Gehirn Vertrauen verarbeitet - Dr. med. Evelyn Mauch, MHBA

Dr. med. Evelyn Mauch, MHBA

ist Neurologin und leitende Ärztin Telemedizin bei der Schweizer Krankenkasse SWICA. Zuvor war die gebürtige Deutsche Oberärztin der Clienia-Gruppe sowie Assistenzärztin in der Psychiatrie der Kliniken Schmieder in Konstanz. Zudem ist sie Gründungsmitglied von „Women for the Board“ und im Advisory Board des Start-ups Hirncoach.

Foto: Thomas Herzog-Singer

Veröffentlicht am Dezember 22, 2023

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