Umgang mit Unsicherheit: Angela Matthes

Text: Angela Matthes
Fotos: Tomek Gola

Umgang mit Unsicherheit: Angela Matthes

Text: Angela Matthes
Fotos: Tomek Gola

BOOT

Der grösste Moment der Unsicherheit und Angst meines Lebens? Eine Tür zu öffnen und hindurchzugehen.
Klingt ziemlich unspektakulär, nicht wahr? Nicht, wenn du zum oberen Management eines schweizerischen Versicherungsunternehmens gehörst, im Körper eines Mannes zur Welt gekommen bist und nach neununddreissigeinhalb Jahren Verstecken deiner Transidentität in der Privatsphäre deiner eigenen vier Wände zum allerersten Mal als Frau gekleidet durch eine Hotelzimmertür hinaus in die Öffentlichkeit gehst.

Fünfundsiebzig Minuten! So lange hat es gebraucht vom Moment, als ich fertig gekleidet war und mein Make-up eigentlich schon perfekt war, bis ich die Tür öffnete, in den Gang hinaustrat und die Tür hinter mir zufallen liess. Ich konnte mein Herz schlagen spüren bis hoch zu meinem Hals. Nicht falsch verstehen. Ich hatte die Tür in diesen fünfundsiebzig Minuten bereits viele Male geöffnet, doch es hat am Ende so lange gedauert, bis ich endlich hindurchgegangen bin, die Tür geschlossen habe, den Lift in die Lobby nahm und das Hotel verlassen habe.

Geschehen ist das am 5. April 2007 im Paramount Hotel in New York. Es war ein Durchbruch für meinen Weg, mein authentisches Selbst zu werden. Es war der Ausgangspunkt für eine Reise der Entdeckung und Entwicklung. Schritt für Schritt hat sich meine Freiheit, ich selbst zu sein, vergrössert, und es entstand ein enger, doch immer wachsender Kreis von Freunden, mit denen ich diese neue Freiheit teilen durfte.
Im Jahr 2014 habe ich dann endlich meine Transition vollzogen. Ich war auch an dem Tag im Mai nervös, an dem ich meine Vorgesetzten über meine Transidentität in Kenntnis setzte, doch ich durchschritt die Eingangstür unseres Konzernsitzes, ohne zu zögern.
Was hat das mit der aktuellen Pandemie, dem „new normal“ und der damit verbundenen Unsicherheit zu tun? Gar nichts. Alles!

Unsicher fühlen wir uns dann, wenn wir unsere Komfortzone verlassen. Manchmal geschieht das freiwillig, weil wir etwas Neues ausprobieren wollen, aber doch auch Respekt davor haben (wie z. B. der Tandemsprung aus einem Flugzeug, der immer noch auf meiner Löffelliste steht), manchmal werden wir auch von äusseren Faktoren aus der Komfortzone gestossen.
Wenn wir die Komfortzone einmal verlassen haben, haben wir drei Möglichkeiten. Wir können versuchen, so schnell wie möglich in unsere vertraute Komfortzone zurückzukehren. Wir können erstarren und handlungsunfähig werden. Oder wir können durch die Tür gehen und beginnen, diese neue, noch unbekannte Welt ausserhalb der Komfortzone kennenzulernen, uns mit ihr vertraut machen.
Eine Pandemie hat Europa/Nordamerika letztmals 1918 erreicht. Ich gehe mal davon aus, dass es in der Leserschaft niemanden gibt, der das miterlebt hat. Das macht einen Unterschied. Schauen wir nach Asien, wo SARS und MERS viel Leid verursacht haben, oder nach Afrika, welches mit Ebola ein viel tödlicheres Virus erlebt hat, dann stellen wir fest, dass diese Länder ganz anders und vor allem viel erfolgreicher mit dem neuartigen Coronavirus umgehen.
Eine Situation, wie wir sie gerade erleben, erfordert viele Führungseigenschaften, die dem weiblichen Eigenschaften-Spektrum zugeordnet werden. Mitgefühl für andere. Gemeinschaftlich. Wechselseitige Abhängigkeit. Multitasking. Geduld. Vielleicht liegt es deshalb auch daran, dass wir immer wieder hören, dass Länder mit weiblichen Staatsoberhäuptern die Pandemie erfolgreicher meistern?

Gefühlt konnten wir in den ersten Monaten der Pandemie und mit den klaren Vorgaben des Bundesrates viel besser umgehen als mit den Lockerungen im Sommer, die viele als Erlaubnis nahmen, wieder in die eigene Komfortzone zurückzukehren. Während des Lockdowns fühlte ich mehr Solidarität. Auch wenn ungewohnt, schafften gleiche Regeln für alle auch eine Art Komfortzone.
Covid-19 wird nicht unsere letzte Pandemie sein. In einer globalen Welt lässt sich die Verbreitung eines Virus nicht mehr verhindern. Im Vergleich zu SARS, MERS oder Ebola hat das neuartige Coronavirus zum Glück eine viel niedrigere Sterblichkeitsrate. Das Beste, was wir tun können, ist, durch die Tür zu gehen und alles zu lernen, was zu lernen ist. Unsere Komfortzone zu erweitern um die Erfahrung Pandemie, damit wir beim nächsten Mal auf Anhieb erfolgreicher damit umgehen können.

Wenn ich heute ein Hotelzimmer verlasse, halte ich nur noch kurz inne, um zu kontrollieren, ob mein Lippenstift nicht verschmiert ist. Die Welt draussen ist viel zu spannend, um im Zimmer sitzen zu bleiben.


Vorname, Name
: Angela Matthes

Funktion, Firma:  CEO der Baloise Life (Liechtenstein) AG (bis 31.12.2020)

Website: www.baloise-life.com

Wenn ihr ein Wort hättet für das Thema „Sicherheit in der Unsicherheit“, eine Farbe oder ein Bild malen könntet, was wäre das? Das Boot, in dem wir alle miteinander sitzen.

 

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