In vielen Frauen liegt eine tiefe Fähigkeit zur Fürsorge. Eine Kraft, die verbindet, trägt und Familien oft über Generationen zusammenhält.
Diese Fähigkeit zeigt Liebe, Verantwortung und Verbundenheit. Gleichzeitig birgt sie jedoch die Gefahr, dass aus einem natürlichen Dasein für andere, sich langsam eine dauerhafte Selbstüberforderung entstellt.
Gerade in unserer schnelllebigen Zeit übernehmen viele Frauen Verantwortung im Beruf, in der Familie und zunehmend auch für älter werdende Eltern. Oft geschieht dies schleichend. Aus kleinen Unterstützungen werden immer mehr Aufgaben, Entscheidungen und Verpflichtungen.
Viele Frauen bemerken erst spät, dass sie längst nicht mehr nur Tochter, sondern Mitverantwortliche geworden sind.
Viele Male erlebte ich, dass Angehörige, meist die Töchter sich zu lange für einen Elternteil eingesetzt haben und anschliessend der letzte Schritt in eine Pflegeinstitution eine Erleichterung zuliess, aber zugleich das Schuldgefühl, versagt zu haben mitnahmen.
Fürsorge braucht Bewusstheit. Denn nicht alles, was aus Liebe geschieht, ist automatisch für alle Beteiligten hilfreich.
Wenn Eltern älter werden und Unterstützung benötigen, entsteht oft schleichend eine neue Dynamik – der Rollentausch. Die Töchter beginnen zu organisieren, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, meist mit dem ehrlichen Wunsch zu helfen.
Doch dabei stellt sich die wichtige Frage, wo unterstütze ich wirklich und wo beginne ich Grenzen zu überschreiten? Meine und die der Eltern.

Ältere Menschen brauchen das Gefühl, weiterhin selbst über ihr Leben mitbestimmen zu können. Eigene Entscheidungen zu treffen und um Selbstwirksamkeit zu erleben. Dies stärkt nicht nur ihre Würde, sondern auch ihre emotionale und gesundheitliche Verfassung. Wie oft hörte ich während meiner Arbeit den Satz:
„Sie meint es ja nur gut.“ Und dennoch spürte ich dahinter manchmal den leisen Wunsch, wieder mehr selbst entscheiden zu dürfen.
Grenzüberschreitungen geschehen selten aus Kontrolle, sondern aus Liebe und Sorge. Wir beginnen zu entscheiden, was dem anderen guttun würde, was hilfreich oder entlastend wäre. Hier liegt eine wichtige Frage verborgen: Haben wir unser Gegenüber auch gefragt, was sich für ihn richtig anfühlt?
Vielleicht braucht es auch einen ehrlichen und fürsorglichen Blick auf dich selbst als Tochter. Wieviel Verantwortung passt noch in dein Leben? Hast du neben Beruf, Familie und deinen eigenen Bedürfnissen tatsächlich die Kraft und Ressourcen, dauerhaft zu begleiten oder zu pflegen?
Gespräche, in denen gemeinsam Lösungen gesucht werden, können hier für alle Beteiligten viel Verständnis und Entlastung schaffen.
Das Überschreiten von Grenzen kennen wir vermutlich alle. Ein Zuviel für den anderen wird irgendwann zu einem Zuwenig für uns selbst.
Deshalb lohnt diese ehrliche Frage: Handle ich wirklich aus freier Entscheidung oder aus einem tief verankerten Pflichtgefühl heraus? Ist es ein «Ich muss» oder ein «Ich entscheide mich bewusst dafür»?
Fürsorge darf nicht bedeuten, das eigene Leben vollständig aufzugeben.
Manchmal vergessen wir Frauen, dass ein Zuviel an Hilfe, unser Gegenüber abhängig machen kann. Oft geht etwas verloren: Selbständigkeit, Selbstbestimmung und manchmal auch ein Stück Würde. Gerade deren Erhalt gehört in der Pflege zu den wichtigsten Grundlagen eines gesunden und respektvollen Miteinanders.

Manuela Lanz, Gastautorin
Als Pflegefachfrau, Sterbebegleiterin und Mutter von vier Kindern begleite ich seit vielen Jahren Menschen in herausfordernden Lebenssituationen. Besonders am Herzen liegt mir, das Sichtbarmachen innerer Konflikte, Übergänge und Veränderungen im Leben.
Durch meine Erfahrung in der Langzeitpflege, Erwachsenenbildung und Persönlichkeitsarbeit verbinde ich fachliches Wissen mit einer feinfühligen, intuitiven und reflektierten Sicht auf menschliche Beziehungen. Menschen dabei zu begleiten, wieder näher zu ihrem eigenen Wesen, ihrer inneren Klarheit und ihrer Kraft zu finden, ist meine grosse Freude. Ein besonderes Anliegen ist mir die Begleitung von Frauen und Angehörigen im Umgang mit älter werdenden Eltern, Verantwortung, Grenzen und Selbstfürsorge. Meine Texte entstehen aus gelebter Erfahrung, reflektierter Beobachtung und dem Wunsch, Themen sichtbar zu machen, über die oft zu wenig gesprochen wird.
















