Inneren Konflikten eine Sprache geben: Eigene Grenzen versus Pflichtgefühl

Manuela Lanz: Inneren Konflikten eine Sprache geben: Eigene Grenzen versus Pflichtgefühl

Text: Manuela Lanz

Manuela Lanz: Inneren Konflikten eine Sprache geben: Eigene Grenzen versus Pflichtgefühl
Female Innovation Forum 2026

Female Innovation Forum Vol. 9
21. Oktober 2026.
Jetzt Ticket sichern!


LD – Mag

Ladies Drive Nr. 74
Sommer 2026
Jetzt bestellen


Viele Frauen sind davon betroffen, wenn sichtbar wird, dass die eigenen Eltern älter werden und sich die Frage stellt: «Bin ich jetzt Mitverantwortliche?»

In vielen Frauen liegt eine tiefe Fähigkeit zur Fürsorge. Eine Kraft, die verbindet, trägt und Familien oft über Generationen zusammenhält.

Diese Fähigkeit zeigt Liebe, Verantwortung und Verbundenheit. Gleichzeitig birgt sie jedoch die Gefahr, dass aus einem natürlichen Dasein für andere, sich langsam eine dauerhafte Selbstüberforderung einstellt. 

Gerade in unserer schnelllebigen Zeit übernehmen viele Frauen Verantwortung im Beruf, in der Familie und zunehmend auch für älter werdende Eltern. Oft geschieht dies schleichend. Aus kleinen Unterstützungen werden immer mehr Aufgaben, Entscheidungen und Verpflichtungen.

Viele Frauen bemerken erst spät, dass sie längst nicht mehr nur Tochter, sondern Mitverantwortliche geworden sind. 

Viele Male erlebte ich, dass Angehörige, meist die Töchter sich zu lange für einen Elternteil eingesetzt haben und anschliessend der letzte Schritt in eine Pflegeinstitution eine Erleichterung zuliess, aber zugleich das Schuldgefühl, versagt zu haben mitnahmen.

Fürsorge braucht Bewusstheit. Denn nicht alles, was aus Liebe geschieht, ist automatisch für alle Beteiligten hilfreich.

Wenn Eltern älter werden und Unterstützung benötigen, entsteht oft schleichend eine neue Dynamik - der Rollentausch. Die Töchter beginnen zu organisieren, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, meist mit dem ehrlichen Wunsch zu helfen.

Doch dabei stellt sich die wichtige Frage, wo unterstütze ich wirklich und wo beginne ich Grenzen zu überschreiten? Meine und die der Eltern. 

Ältere Menschen brauchen das Gefühl, weiterhin selbst über ihr Leben mitbestimmen zu können. Eigene Entscheidungen zu treffen und um Selbstwirksamkeit zu erleben. Dies stärkt nicht nur ihre Würde, sondern auch ihre emotionale und gesundheitliche Verfassung. Wie oft hörte ich während meiner Arbeit den Satz:
„Sie meint es ja nur gut.“ Und dennoch spürte ich dahinter manchmal den leisen Wunsch, wieder mehr selbst entscheiden zu dürfen.

Grenzüberschreitungen geschehen selten aus Kontrolle, sondern aus Liebe und Sorge. Wir beginnen zu entscheiden, was dem anderen guttun würde, was hilfreich oder entlastend wäre. Hier liegt eine wichtige Frage verborgen: Haben wir unser Gegenüber auch gefragt, was sich für ihn richtig anfühlt? 

Vielleicht braucht es auch einen ehrlichen und fürsorglichen Blick auf dich selbst als Tochter. Wieviel Verantwortung passt noch in dein Leben? Hast du neben Beruf, Familie und deinen eigenen Bedürfnissen tatsächlich die Kraft und Ressourcen, dauerhaft zu begleiten oder zu pflegen?

Gespräche, in denen gemeinsam Lösungen gesucht werden, können hier für alle Beteiligten viel Verständnis und Entlastung schaffen.

Das Überschreiten von Grenzen kennen wir vermutlich alle. Ein Zuviel für den anderen wird irgendwann zu einem Zuwenig für uns selbst.

Deshalb lohnt diese ehrliche Frage: Handle ich wirklich aus freier Entscheidung oder aus einem tief verankerten Pflichtgefühl heraus? Ist es ein «Ich muss» oder ein «Ich entscheide mich bewusst dafür»?

Fürsorge darf nicht bedeuten, das eigene Leben vollständig aufzugeben. 

Manchmal vergessen wir Frauen, dass ein Zuviel an Hilfe, unser Gegenüber abhängig machen kann. Oft geht etwas verloren: Selbständigkeit, Selbstbestimmung und manchmal auch ein Stück Würde. Gerade deren Erhalt gehört in der Pflege zu den wichtigsten Grundlagen eines gesunden und respektvollen Miteinanders.


Manuela Lanz, Gastautorin

Als Pflegefachfrau, Sterbebegleiterin und Mutter von vier Kindern begleite ich seit vielen Jahren Menschen in herausfordernden Lebenssituationen. Besonders am Herzen liegt mir, das Sichtbarmachen innerer Konflikte, Übergänge und Veränderungen im Leben.

Durch meine Erfahrung in der Langzeitpflege, Erwachsenenbildung und Persönlichkeitsarbeit verbinde ich fachliches Wissen mit einer feinfühligen, intuitiven und reflektierten Sicht auf menschliche Beziehungen. Menschen dabei zu begleiten, wieder näher zu ihrem eigenen Wesen, ihrer inneren Klarheit und ihrer Kraft zu finden, ist meine grosse Freude. Ein besonderes Anliegen ist mir die Begleitung von Frauen und Angehörigen im Umgang mit älter werdenden Eltern, Verantwortung, Grenzen und Selbstfürsorge. Meine Texte entstehen aus gelebter Erfahrung, reflektierter Beobachtung und dem Wunsch, Themen sichtbar zu machen, über die oft zu wenig gesprochen wird.

imjetztundhier.ch

Veröffentlicht online am 1 Juni, 2026

Weiterlesen

Das könnte Dich auch interessieren

Empfangen – Warum Geld erst dann fliesst, wenn wir aufhören, es zu verdienen

Empfangen – Warum Geld erst dann fliesst, wenn wir aufhören, es zu verdienen

Teil 1 von Anne Müllers dreiteiligem Essay: «Über Geld, Spiritualität und den Fakt, dass beides zusammengeht. Ein Essay in drei Teilen.»
Im Beichtstuhl der Kommentarspalten

Im Beichtstuhl der Kommentarspalten

Als ich vor vielen Jahren zum allerersten Mal in einem grossen Magazin porträtiert wurde, bekam ich prompt Fanpost.
Melanie Lennert & Melanie Tschugmall CRO2go

Melanie Lennert & Melanie Tschugmall CRO2go

Wie zwei Melanies als Teilzeit-Chief Revenue Officers Firmen auf Kurs bringen
Der Wert der feinsinnigen Dialoge

Der Wert der feinsinnigen Dialoge

Es ist eine dieser wunderbaren, leichten Gartenpartys im Spätsommer.
Hinhören oder weghören

Hinhören oder weghören

Das ist hier die Frage
Schafft Storytelling Sinn?

Schafft Storytelling Sinn?

Diese Geschichte beginnt nicht mit einem Anfang, sondern mit einer Lücke. Einer Lücke, die für viele Menschen zwischen ihrer täglichen Arbeit und der Suche nach Sinn klafft.
FOMO bei der digitalen Sinnsuche?

FOMO bei der digitalen Sinnsuche?

Mit der Verschiebung der Sichtbarkeit von der realen in die digitale Welt – und damit einem massiv erweiterten Horizont – drängt sich die Frage auf: Wie verändert sich mein Marketing? Wie kann ich Menschen von mir und meiner Dienstleistung oder meinen Produkten überzeugen? Was bringt künftig Erfolg?
Fruchtbarkeit: Der blinde Fleck unserer Wirtschaft

Fruchtbarkeit: Der blinde Fleck unserer Wirtschaft

Fachkräftemangel, Rentenreformen, Überalterung, Produktivität: Kaum ein wirtschaftliches Thema wird derzeit intensiver diskutiert. Über eine der Ursachen dahinter sprechen wir hingegen erstaunlich selten – die sinkende Geburtenrate.
Die neue digitale Macht der Frauen?

Die neue digitale Macht der Frauen?

Oder: Was OnlyFans über unsere Gesellschaft verraten kann
Trotz einiger Sorgenfalten blickt die Schweiz zuversichtlich nach vorne

Trotz einiger Sorgenfalten blickt die Schweiz zuversichtlich nach vorne

Trotz vieler Sorgen blicken 80 Prozent der Menschen in der Schweiz zuversichtlich auf das kommende Jahr. Halt geben ihnen vor allem Beziehungen, Gesundheit und finanzielle Sicherheit.
Female Founders News #35 – June 2026

Female Founders News #35 – June 2026

June funding mostly flowed in via grants and crowdfunding, although some financing rounds also closed.
Monika Sattler: Sicherheit oder Herausforderung

Monika Sattler: Sicherheit oder Herausforderung

Am einfachsten wäre es, zu schreiben, was Monika Sattler alles noch nicht ausprobiert hat.
Ausgewählte Artikel aus der aktuellen Ausgabe des Ladies Drive Magazins werden in Kürze veröffentlicht.

Ladies Drive Bookazine

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?

Mit dem Abo für 20.- pro Jahr kannst Du Teil der Business Sisterhood sein.
Bestelle das Magazin in unserem Shop.

Ladies Drive No. 74. Sommer 2026. Auf Sinnsuche im digitalen Raum

Werde Teil unserer Business Sisterhood

Exklusive Angebote und Verlosungen, Event-News mit Spezialkonditionen und Inspiration, wie wir gemeinsam die Welt bewegen.

Werde Kindness Economist und Teil unserer Business Sisterhood!

  • •⁠ ⁠⁠Zugang zu exklusiven Angeboten und Verlosungen, die ausschliesslich für die Newsletter-Community gelten.
  • •⁠ ⁠⁠Erfahre als Erste von unseren Events und profitiere von Spezialkonditionen.
  • •⁠ ⁠⁠Lerne wie wir gemeinsam die Welt bewegen und verändern können.

Jetzt den Ladies Drive-Newsletter abonnieren.

Sie haben den Ladies Drive Newsletter erfolgreich abonniert!

Werde Kindness Economist und Teil unserer Business Sisterhood!

  • •⁠ ⁠⁠Zugang zu exklusiven Angeboten und Verlosungen, die ausschliesslich für die Newsletter-Community gelten.
  • •⁠ ⁠⁠Erfahre als Erste von unseren Events und profitiere von Spezialkonditionen.
  • •⁠ ⁠⁠Lerne wie wir gemeinsam die Welt bewegen und verändern können.

Jetzt den Ladies Drive-Newsletter abonnieren.

Sie haben den Ladies Drive Newsletter erfolgreich abonniert!

Pin It on Pinterest

Share This