Beim Cada Circle 2026 in Zürich, einer Konferenz für Reproduktionsmedizin, trafen Expertinnen und Experten aus Forschung und Medizin zusammen, um genau diese Entwicklungen zu diskutieren. Zu den Referierenden gehörten der französische Reproduktionsmediziner Prof. Samir Hamamah sowie die Basler Urologin und Andrologie-Spezialistin Dr. Noémie Lautenbach. Die Diskussionen machten deutlich: Was lange als private Angelegenheit galt, entwickelt sich zunehmend zu einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zukunftsfrage.
Wenn Kinderwunsch zur Frauensache wird
Eine Frau sitzt in der Kinderwunschsprechstunde. Sie hat ihren Zyklus dokumentiert, Nahrungsergänzungsmittel eingenommen und vielleicht bereits ihre Eizellreserve bestimmen lassen. Neben ihr sitzt ihr Partner. Er geht davon aus, dass bei ihm alles in Ordnung ist.
Genau dieses Bild beschreibt Dr. med. Noémie Lautenbach aus ihrem klinischen Alltag. Sie erzählt, dass sich Frauen sich meist deutlich früher mit ihrer Fruchtbarkeit auseinandersetzen. Das zeigt sich ganz konkret daran, dass Frauen schon in jungen Jahren mit dem „Ticken der biologischen Uhr“ konfrontiert werden. Männer kommen häufig erst dann mit dem Thema in Berührung, wenn ein konkreter Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Dabei trägt der männliche Faktor nicht unerheblich mit dazu bei. Cada, die Organisatoren hinter dem Cada Circle, betonten die Bedeutung der männlichen Fruchtbarkeit: „In unserer täglichen Arbeit sehen wir, dass der männliche Faktor in etwa der Hälfte aller Kinderwunschfälle eine Rolle spielt, und doch wird er gesellschaftlich oft weiterhin als reines Frauenthema verhandelt. Das müssen wir ändern.“

Fruchtbarkeit als wirtschaftliche Ressource
Der Kinderwunsch wird meist als individuelle Angelegenheit betrachtet. Wer keine Kinder bekommt, erlebt dies als persönliches Schicksal. Prof. Samir Hamamah plädierte im Rahmes des Cada Circle für einen Perspektivenwechsel: Unfruchtbarkeit sei nicht nur ein medizinisches Thema für betroffene Paare, sondern habe auch demografische und wirtschaftliche Konsequenzen. Das Verhältnis zwischen jenen, die arbeiten, und jenen, die auf Renten-, Gesundheits- und Pflegesysteme angewiesen sind, verschiebt sich zunehmend. Die Folgen reichen von Fachkräftemangel über steigende Sozialausgaben bis hin zu einer geringeren wirtschaftlichen Dynamik. Die Frage, wer künftig arbeitet, Steuern zahlt und Sozialwerke finanziert, wird damit auch zu einer Frage der Demografie. Weniger Geburten bedeuten langfristig weniger Erwerbstätige, während gleichzeitig die Lebenserwartung steigt.
Laut WHO erlebt heute bereits jeder sechste Mensch im Laufe seines Lebens eine Phase der Unfruchtbarkeit. Gleichzeitig sinken die Geburtenraten in vielen Ländern seit Jahrzehnten. Während 1950 weltweit noch durchschnittlich fast fünf Kinder pro Frau geboren wurden, hat sich diese Zahl inzwischen mehr als halbiert. In immer mehr Ländern liegt die Geburtenrate unter dem Niveau, das notwendig wäre, um die Bevölkerung langfristig stabil zu halten.

Warum die Verantwortung weiterhin bei Frauen liegt
Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema nahm erst zu, als internationale Studien einen weltweiten Rückgang der Spermienkonzentration um rund 50 Prozent seit den 1970er-Jahren beschrieben. Dr. Noémie Lautenbach relativierte diese Zahlen in ihrer Rede am Cada Circle 2026 jedoch. Zwar gebe es Hinweise auf einen Rückgang der Spermienqualität in bestimmten Populationen, dessen tatsächliches Ausmass sei wissenschaftlich jedoch umstritten. Neue Schweizer Vergleichsdaten zeigen derzeit sogar keine Hinweise auf einen statistisch signifikanten Rückgang der Spermienqualität. Dr. Noémie Lautenbach selbst formulierte es ähnlich deutlich: „Der Rückgang der Spermienkonzentration ist eine wissenschaftliche Debatte. Die Bedeutung der männlichen Fertilität ist keine Debatte.“
Was haben Politik oder Unternehmen damit zu tun?
Momentan zeigt sich ein Widerspruch: Noch nie standen Menschen so viele Möglichkeiten zur Lebensgestaltung offen und dennoch verschieben viele den Kinderwunsch immer weiter nach hinten. Für Unternehmen ist die demografische Entwicklung längst ein Business-Thema. In Zeiten von Fachkräftemangel und alternden Belegschaften wird die Frage relevant, unter welchen Bedingungen Menschen Familie und Beruf vereinbaren können. International reagieren erste Unternehmen bereits darauf. Sie bieten sogenannte Fertility Benefits an – etwa Beratungen zu reproduktiver Gesundheit, Unterstützung bei Fruchtbarkeitsbehandlungen oder Social Freezing. Dahinter steht nicht nur die Frage nach attraktiven Arbeitgeberleistungen, sondern auch die Erkenntnis, dass Familienplanung, Karriere und wirtschaftliche Teilhabe heute eng miteinander verknüpft sind.
Wirtschaft weiblich denken
Für Frauen ist die Frage der Fruchtbarkeit eng mit wirtschaftlicher Selbstbestimmung verknüpft. Kaum eine andere Lebensentscheidung beeinflusst Karriereverläufe und Einkommensentwicklung so stark wie die Familienplanung. Gleichzeitig wird von Frauen erwartet, ihre Ausbildung abzuschliessen, beruflich Fuss zu fassen, finanzielle Sicherheit aufzubauen und dabei den „richtige“ Zeitpunkt für Kinder nicht zu verpassen.
Genau hier trifft die Debatte über Fruchtbarkeit auf die Frage, wie wir Wirtschaft gestalten. Wenn Frauen ihren Kinderwunsch immer weiter aufschieben, ist das selten nur eine biologische oder persönliche Entscheidung. Es ist oft auch eine Reaktion auf Arbeitswelten, die Karriere und Familie noch immer gegeneinander ausspielen.
Vielleicht ist die eigentliche wirtschaftliche Frage nicht, warum weniger Kinder geboren werden. Sondern warum Menschen im Jahr 2026 noch immer das Gefühl haben, sich zwischen Familie und beruflichem Erfolg entscheiden zu müssen. Genau hier beginnt „Wirtschaft weiblich gedacht“.
Podcast-Tipp
Bereits vor einiger Zeit haben wir mit Dr. med. Dirk Wallmeier im Ladies Drive Podcast über Social Freezing gesprochen. Die Folge ist eine spannende Ergänzung zu den Fragen rund um Fruchtbarkeit, Familienplanung und selbstbestimmte Lebensentwürfe. Reinhören lohnt sich. Die Folge könnt ihr überall hören, wo es gute Podcasts gibt.
Über Cada
Cada ist eine Kinderwunschklinik in Zürich und wurde 2024 eröffnet. Das interdisziplinäre Team begleitet Menschen mit Kinderwunsch und vereint die Fachgebiete Gynäkologie, Reproduktionsmedizin, Genetik, Andrologie und Fertilitätserhaltung unter einem Dach.
Mit dem jährlich stattfindenden Cada Circle schafft die Klinik zudem eine Plattform für den Austausch zwischen Medizin, Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Entwicklungen rund um Fruchtbarkeit und reproduktive Gesundheit. Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse über den klinischen Alltag hinaus sichtbar zu machen und die öffentliche Diskussion über Fertilität zu fördern.
Mehr Informationen findet ihr hier: cada.com
































