Ich erwache aus meinem gedankenversunkenen Gehen. Von ihrer Fröhlichkeit angesteckt, rufe ich ihr zu: „Hey, wie heisst du?“ Wir sind beide hier zu Gast in einem Kloster – sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder im Familienhaus, ich im ruhigen Haus zum Nachdenken. Sie hat keine Zeit, mir ihren Namen zu sagen. Sie ist zu beschäftigt damit, sich der Lebensfreude hinzugeben, die es einer Fünfjährigen bereitet, ihre wachsende Kraft und Schnelligkeit auszuprobieren und sich zu spüren – die kleinen Beinchen rennen, die Arme rudern wild, um in Balance zu bleiben.
Ich bin nicht nur surprised by joy. Ich bin struck by joy. Für einen Moment reissen die Wolken aus Gedanken über meinem Kopf auf: strategische Businessthemen, Personalfragen, Anwaltsgeschichten – alles weder freudig noch zum Lachen. Aber das Lachen einer Fünfjährigen katapultiert mich an einen anderen Ort. Und genau hier beginnt er, der Weg zu neuen Möglichkeiten. Denn Freude ist im Grunde ein Türöffner ins Reich der Optionen, ins Land der Möglichkeiten – der Kaninchenbau ins Land hinter dem Regenbogen, und wir werden von einem Moment zum anderen zu Alice im Wunderland.
JE ERNSTER DAS LEBEN,
DESTO NOTWENDIGER DIE FREUDE
Als Erwachsene können wir spontan mit der Freude eines Kindes mitschwingen – und werden manchmal melancholisch. Dahin sind scheinbar die Tage, an denen wir so sorgenfrei waren. Jetzt ist das Leben serious business. Hat die Freude eine Bedeutung in unserem Alltag als Businessfrauen? Tatsächlich ja. Denn wir können dem fröhlichen Sommerkleidchen des Mädchens einen festen Futterstoff aus wissenschaftlicher Theorie hinzufügen. Aus dem jetzt solide unterfütterten Stoff können wir uns ein Businesskostüm schneidern, das uns nicht nur gut kleidet, sondern uns bei Lebensentscheidungen, bei Karrierefragen und bei unternehmerischen Weichenstellungen hilft. Der Fachbegriff dafür: Happenstance oder auch Serendipity. Der glücklich geschmiedete Zufall.
Wir denken oft in Gegensatzpaaren: Freude versus Ernsthaftigkeit, Zufall versus Planung. Wer erfolgreich sein will, so die stille Annahme, muss planen, muss ernsthaft sein, darf sich nicht treiben lassen. Doch die Forschung zu positiven Emotionen und ungeplanten Chancen zeigt: Freude kann den Blick weiten, und Offenheit für Zufälle kann unerwartet gute Ergebnisse begünstigen – in Karrieren, im Leben, sogar in den Naturwissenschaften.
Und schon die alten Griechen hatten dafür einen Begriff, den eine Gottheit verkörperte: Kairos, die Personifikation des günstigen Augenblicks. Er wird häufig in Bewegung dargestellt, mit einer mächtigen Stirnlocke – am Hinterkopf aber kahl. Wer den Moment erkennt, packt die Gelegenheit „beim Schopfe“. Wer ihn verpasst, rutscht ab und bekommt ihn nie wieder zu fassen. Das Kairos-Prinzip, über zweitausend Jahre alt, sagt uns: Nimm das Leben wahr, greif zu. Zu diesem Lächeln. Zu diesem Aufreissen deiner dunklen Gedankengebäude. Zu diesem Artikel, den du gerade liest. Oder zu einem Post auf Social Media, wenn er dich inspiriert.
WIE FREUDE UNSER GEHIRN ERREICHT
Am wirkungsvollsten kommen wir über unsere Sinne mit Freude in Kontakt. Wir hören das Lachen des Mädchens, sehen ihr Sommerkleid, fühlen ihre Lebensfreude – und sofort werden im Gehirn positive Erinnerungen aktiviert. Das liegt daran, wie unser Gehirn Erlebnisse verarbeitet und uns hilft, zukünftige Entscheidungen mit gespeicherten Erfahrungen abzugleichen.
In unserem Gehirn wirken neuronale Netzwerke zusammen, die Begebenheiten mit Emotionen, Kontext und Folgen verknüpfen und als Erinnerungen speichern. Der Nadelwaldgeruch – und schon sind wir zurück auf einer glücklichen Wanderung aus Kindertagen, auf den Schultern des Vaters. Vanille und Zimt katapultieren uns in die Geborgenheit der Backstube der Grossmutter. Kaltes Wasser im Gesicht erinnert den Körper an die Freiheit wilder Campingnächte in der Jugend. Jeder dieser Eindrücke kann uns die Tür zum Glück öffnen.
Aber was machen wir dann damit?
VOM FÜHLEN ZUM HANDELN: HAPPENSTANCE
Hier setzt die Theorie des Stanford-Professors John D. Krumboltz an. Sie beschreibt, wie sehr Zufälle unsere Berufswege prägen – und dass wir lernen können, unerwartete Gelegenheiten zu erkennen und zu nutzen, statt sie als nebensächlich oder als Störung abzutun. Fünf Haltungen lassen sich dafür kultivieren: Neugier, Ausdauer, Flexibilität, Optimismus und Risikobereitschaft.
Nicht der perfekte Plan entscheidet über Erfolg, sondern die Fähigkeit, sich auf das Unerwartete einzulassen. Und dann beherzt zu handeln. Solche Wendungen können sich auch wiederholen – in Karrieren 50+ umso mehr.
JE LÄNGER DIE KARRIERE, DESTO MEHR LASSEN SICH PLAISIRS VERBINDEN
Die französische Marketingmanagerin Mireille Guiliano steigerte zunächst den US-Marktanteil der französischen Champagnermarke Veuve Clicquot von unter einem Prozent auf über 20 Prozent. Danach katapultierte sie ihre Bücher über französische Lebensart in die Bestsellerlisten.
Der Beginn? Ein schalkhafter Satz. Auf die oft gestellte Frage nach dem Geheimnis ihres scheinbar mühelosen Schlankbleibens hatte sie eine lässige Antwort: Französische Frauen werden eben nicht dick. Was als lässige Ausflucht begann, wurde zu einer zweiten Freude: das Savoir-vivre und die Lebenspraxis der Französinnen aufzuschreiben. Aus der Marketingexpertin für Champagner wurde so die Bestsellerautorin Mireille Guiliano, deren Buchreihe mit „French Women Don’t Get Fat“ startete. Eine zweite Karriere, die nicht geplant war, sondern sich aus der ersten Karriere heraus entwickelte: dieselbe Freude, einmal am Champagner, dann an der französischen Lebenskunst und am Schreiben, das dieses Savoir-vivre in die Welt trägt.
Sogar in den Naturwissenschaften gilt die Freude am Entdecken als beste Partnerin hartnäckigen Denkens. „Auf dem Gebiet der Beobachtung begünstigt der Zufall nur den vorbereiteten Geist“, sagte Louis Pasteur 1854, einer der Wegbereiter der Keimtheorie.
Freudige Zufälle passieren jedem. Nur wer gleichzeitig offen und vorbereitet ist, sie zu ergreifen, erkennt sie als das, was sie sind: Geschenke.
DAS ZWEITE LACHEN UND
SELBSTFÜRSORGE ALS TÜRÖFFNER
Ein zweites Lachen und ein Satz trafen mich am Ende meiner Klosterzeit. „Selbstfürsorge ist so wichtig.“ Es war weniger der Satz selbst als der Kontext, der mich verblüffte. „Auch im Kloster!“ Die Schwester, mit der ich ein geistliches Gespräch gebucht habe, lächelt mich schelmisch an, vielleicht weil sie an meiner gerunzelten Stirn erkennt, dass ich mir Selbstfürsorge eher hart erarbeite. Eine Naturbegabung bin ich in diesem Thema nicht. Ihr alterslos scheinendes Gesicht wird von einer weissen Benediktinerinnenhaube umrahmt, ihr Gewand auf dem Rücken von einem ernsthaften schwarzen Schleier bedeckt. Liebevoll fährt sie fort: „Nicht jeder ist der Typ dafür. Manche sind mehr getrieben. Es ist wichtig, dass man sich so annimmt, wie man ist. Das ist der erste und der wichtigste Schritt.“ Sprach’s und stand auf, um energievoll und mit wehenden Gewändern zur nächsten Gebetszeit aufzubrechen.
Ein Lachen, ein dahingesagter Satz, der zur Buchidee wird, Selbstfürsorge als Türöffner: Der Zufall des Glücks kann dich jederzeit treffen – mach ihm einfach die Tür auf. Sein Lachen kommt durch den kleinsten Spalt.










