Bea Petri trifft Viktor Baumgartner

Text: Bea Petri

Bea Petri trifft Viktor Baumgartner
Ladies Drive Bargespräche – Vol.80

LD73 – Mag

Ausnahmsweise führe ich mein Gespräch nicht mit einer Frau, sondern mit einem Mann – und das nicht zufällig. Ich kenne Viktor Baumgartner auch in meinem weiblich geprägten beruflichen Umfeld als Mann der klaren Worte und habe ihn deshalb gebeten, wichtige Führungsaspekte im Rollenverständnis von Frauen und Männern zu beleuchten.

Seine Grundaussage lautet:

„Klarheit ist kein Stil – sie ist eine Entscheidung.
Viktor Baumgartner ist Kommunikationstrainer, Berater für Führungskräfte und Autor des Buchs „Die Kunst des Überzeugens. Im Gespräch verrät er, wie Frauen mehr Wirkung erzielen – ohne sich zu verbiegen.

Bea: Lieber Viktor, ich freue mich, mit dir in das Führungsverständnis von Frauen und Männern sowie in deine Beobachtungen zu diesem Thema einzutauchen. Du berichtest in deinem spannenden Buch „Die Kunst des Überzeugens“ von drei weiblichen Führungskräften, die du beraten hast. Welche Unterschiede beobachtest du in der Kommunikation von Frauen und Männern in Führungspositionen?

Viktor: Ich sehe weniger Unterschiede zwischen Frauen und Männern, dafür grosse Unterschiede zwischen Menschen, die überzeugen, und solchen, die das noch lernen müssen. Manche Frauen kommunizieren sogar klarer als ihre männlichen Kollegen. Es ist eine Frage der inneren Haltung, nicht des Geschlechts.

Dann sprechen wir doch über die innere Haltung. Welche Herausforderungen erleben Frauen deiner Erfahrung nach besonders häufig, wenn sie sich als Führungskraft behaupten wollen?

Meine Erfahrung ist, dass viele Frauen extrem hohe Ansprüche an sich selbst stellen: perfekt sein, niemandem auf die Füsse treten, alles doppelt absichern. Das kostet Energie … und nimmt dir die Leichtigkeit. Mein Rat lautet deshalb: weniger rechtfertigen, mehr wirken.

Und du empfiehlst, das Wort ‚Wir‘ in der Kommunikation gezielt zu vermeiden. Beobachtest du, dass Frauen häufiger dazu neigen, gemeinschaftlich zu sprechen?

Ja, ganz klar. Viele Frauen reden im ‚Wir‘, obwohl sie als Führungskraft eigentlich mit einem ‚Ich‘ auftreten müssten. Das ist nett gemeint, aber oft wirkungslos. Wenn sie dann erleben, wie viel stärker ein „Ich fordere …“ klingt, ändert sich vieles. Es geht nicht darum, sich aufzublasen, sondern darum, klar zu führen.

Ok, das kenne ich gut. Aber welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Selbstzweifel oder das Harmoniebedürfnis von Frauen – und wie gehst du als Trainer damit um?

Das alles gibt es auch bei Männern. Aber Frauen thematisieren es häufiger. Ich arbeite mit Profis – und als Profi musst du lernen, dir selbst nicht im Weg zu stehen. Das ist kein Wohlfühlcoaching, das ist Training für Wirkung.

Aberwie kann denn eine gute Kommunikation Frauen in männerdominierten Branchen helfen, sicherer und erfolgreicher zu werden?

Indem du auf den Punkt kommst, Verantwortung übernimmst – und dich traust, klar zu sagen, was du willst. 

Das habe ich verstanden. Aber wählen Frauen in Verhandlungen denn andere Strategien als Männer?

Oft ja. Sie sind verbindlicher und gleichzeitig vorsichtiger, was auch Vorteile haben kann. Aber Verhandlungen sind kein Wunschkonzert. Wer verhandelt, muss Interessen vertreten – nicht gefallen.

Dann bleiben wir bei diesem Aspekt der klaren Interessen. Welche konkreten Tipps gibst du Frauen für mehr Durchsetzungsvermögen?

Die Stimme senken und klarer formulieren. Nicht zu oft lächeln, wenn es nichts zu lächeln gibt. Und: Die Fähigkeit, Nein zu sagen, ist kein Ego-Problem, sondern eine Führungsaufgabe.

Du plädierst also primär für Klarheit – und dies auch bei einem Nein. Gibt es denn Kommunikationsmuster in der Führung, die Frauen besonders stärken, ohne sich verstellen zu müssen?

Ja – und vielleicht wiederhole ich mich: kurze Sätze, klare Sprache, Präsenz und Mut zur Lücke. Du musst nicht alles wissen, um überzeugend zu sein. Wichtig ist, dass du zu dem stehst, was du sagst.

Leider wurde uns diese Konzentration nicht unbedingt in die Wiege gelegt, also müssen wir wohl daran arbeiten. Wie wichtig könnte denn ein weibliches Vorbild für die Entwicklung von Führungskompetenz sein?

Nun, ein Vorbild kann helfen, aber wichtiger ist, dass du deine eigene Stimme findest. Ich arbeite mit Frauen, die nicht perfekt sein wollen, sondern echt – und stark.

Nicht perfekt, aber echt und stark – das muss ich mir merken. Welche Veränderung in der Unternehmenskultur würdest du dir also wünschen, damit Frauen ihr Potenzial besser entfalten können?

Weniger Meetings, mehr Wirkung. Weniger Konsens, mehr Entscheidung. Und null Toleranz für Machtspielchen – egal, von wem sie kommen.

Das kann ich sofort unterschreiben. Machtspiele sind nur Sand im Getriebe. Nun weiss ich von dir,  dass du mit Frauen auf C-Level genauso wie mit jungen Projektleiterinnen arbeitest. Mich interessiert deshalb, was die Kommunikation dieser beiden Gruppen unterscheidet – und was sie vielleicht auch eint?

Nun, die Sprache kann unterschiedlich sein – aber die Fragen sind oft dieselben: Wie wirke ich sicher? Wie bringe ich meine Botschaft rüber? Am Ende zählt überall: Klarheit statt Nettigkeit.

Das bringt mich zum Schluss noch auf ein anderes Thema. Du hast ja eine journalistische Vergangenheit. Wie hat dich das geprägt – auch in deiner Arbeit mit Frauen?

Ich habe gelernt, hinzuhören. Nicht nur auf Worte, sondern auch auf das, was zwischen den Zeilen steht. Viele Frauen formulieren sehr diplomatisch. Mein Job ist es, den Kern freizulegen, damit ihre Botschaft auch ankommt.

Und dazu passt der Titel deines Buches. Es heisst „Die Kunst des Überzeugens“. Was ist für dich persönlich das überzeugendste Signal, das eine Frau senden kann?

Wenn sie für etwas steht – nicht gegen jemanden. Wenn sie den Mut hat, klar zu führen, ohne sich härter machen zu müssen. Echtheit überzeugt immer mehr als Perfektion.

Danke, lieber Viktor. Dem ist nichts hinzuzufügen!


Zur Person

Viktor Baumgartner studierte Geschichte und Publizistik an der Universität Zürich. Er arbeitete als Moderator und Redaktor bei Radio 24, SRF und diversen Printpublikationen. Seit 2001 ist er selbstständig und gilt als international renommierter Kommunikationstrainer.

Die Kunst des Überzeugens“ ist im Goldegg Verlag erschienen.

Informationen unter www.kernkomm.ch/buch


Creator
Bea Petri
Gastautorin

Veröffentlicht online am 5 Sep., 2025

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