Barack Obama, der Schwarze Kontinent und Nas Mode

Text & Fotos: Bea Petri

Ladies Drive Bargespräche – Vol.80

LD73 – Mag

2008, also vor genau zwölf Jahren bin ich zum ersten Mal nach Burkina Faso gereist. Auf Anfrage von Swisscontact hatte ich mich bereit erklärt, während einem Monat zwölf junge Frauen auszubilden und ich reiste in einen Kontinent, der mir damals noch ziemlich fremd war.

Zum Glück stand ganz am Anfang das Zusammentreffen mit Safi Ouattara, der Gründerin der bestehenden Schneiderinnenschule Nas Mode. Diese Begegnung war so warm und herzlich, dass ich mich trotz allen Schwierigkeiten von der ersten Minute an wohl fühlte im westafrikanischen Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich nämlich so unmittelbar mit tiefster Armut, einem inexistenten Gesundheitssystem und einer gegenüber unseren Verhältnissen himmelschreienden Ungerechtigkeit aber auch einer unvorstellbaren Dankbar- und Herzlichkeit konfrontiert. Schon nach einigen Tagen liess mich deshalb der Gedanke nicht mehr los, dass ich mich längerfristig engagieren musste. Ich konnte nicht einfach zurückkehren in meine Schweizer Bequemlichkeit, das liess mein Herz nicht zu.

So bildete ich also zwölf junge Frauen innert einem Monat in den Berufen der Kosmetikerin und Maskenbildnerin aus, denn Ouagadougou beherbergt alle zwei Jahre das grösste afrikanische Filmfestival. Der Unterricht war anstrengend, es war heiss, schmutzig, unbequem und ich musste mein Wissen in einer mir wenig geläufigen Sprache vermitteln. Aber ich war überzeugt, dass ich das Richtige machte. Ich spürte den enormen Wissensdurst meiner Schülerinnen, sie hingen mir buchstäblich an den Lippen und fragten unentwegt, wie dies und das umgesetzt werden müsse, denn sie wussten, dass sie mit einer professionellen Ausbildung eine echte Zukunftsperspektive bekamen. So mietete ich spontan drei weitere Räume in dem desolaten Gebäude dazu, renovierte sie so gut als möglich und richtete sie so ein, dass die Lehrgänge an der Schule Nas Mode in den Berufen Schneiderin, Kosmetik, Coiffeuse und Maskenbild in einem besseren Umfeld stattfinden konnten. Und gleichzeitig träumte ich schon damals von einem neuen, eigenen Schulgebäude mit einem schönen Campus, das wir fünf Jahre später realisieren konnten. Der November 2008 war eine der härtesten aber auch der berührendsten Zeiten, die ich in meinem Leben erfahren habe und noch heute frage ich mich oft, woher ich die Kraft und den Durchhaltewillen bekam. Für meine Freundin Safi Ouattara ist klar: „Es war der liebe Gott der dich uns geschickt hat. Von ihm hast du die Kraft und die Energie bekommen, für uns eine Zukunftsperspektive aufzubauen“.

Und noch etwas geschah damals. Am 8. November 2008, nachdem ich in einer spannenden Nacht zusammen mit Safis Ehemann Lasso die amerikanischen Wahlen im Fernsehen verfolgte, kam ich in die Schule Nas Mode und fragte meine Schülerinnen: „Wisst ihr, wer der neue Präsident von Amerika ist?“ Sie schauten mich mit grossen Augen und kopfschüttelnd an. „Es ist Barack Obama, er ist einer von euch und er wird euren Kontinent sicher nicht vergessen“. Sofort wurde die Stimmung ausgelassen, es wurde gesungen, gelacht und getanzt – ein fröhlicher Tag der sich fest in meinen Erinnerungen eingebrannt hat. In der Zwischenzeit sind zwölf Jahre vergangen und wir stehen wieder vor der Entscheidung über den nächsten Präsidenten in Amerika. Nur, wo ist die Fröhlichkeit geblieben – ich sehe keine Spur mehr davon …

Fröhlich bin ich dagegen über die Entwicklung von Nas Mode, die seit 2013 in einer wunderbaren Schulanlage (nasmode.com) am Stadtrand von Ouagadougou zu Hause ist. Zur Zeit besuchen 230 junge Frauen die verschiedenen Ausbildungslehrgänge, wovon über die Hälfte ohne die Hilfe des von uns gegründeten Fördervereins Nas Mode und die Unterstützung der Spenderinnen und Spender, niemals eine Ausbildung absolvieren könnten. Nach der Ausbildung geben wir ihnen zudem verschiedene Möglichkeiten, ein Praktikum zu absolvieren. Zum Beispiel im ‚Tikhry’, so heissen unsere schuleigenen Ateliers, in denen die jungen Berufsleute ein erstes Praktikum machen dürfen. Anschliessend können die jungen Frauen, die vom Förderverein unterstützt werden, vor der Eröffnung eines eigenen Salons oder eines Schneiderateliers eine Anfrage für einen Mikrokredit eingeben. Diesen geben wir ihnen in Form der notwendigen Materialien für ihr eigenes Geschäft und die Rückzahlung erfolgt in monatlichen Tranchen. Es ist uns wichtig, dass sie sich an die Abmachungen halten und guten Willen und ein professionelles Verhalten zeigen. Und die Erfahrungen bis jetzt sind sehr gut, mit eisernem Willen erfüllen sie ihre Verpflichtungen.

Ein weiteres Highlight ist die buchstäbliche Befreiung von jungen Frauen aus ihrem Schicksal in den Steinbrüchen mitten in der Stadt Ouagadougou. Sie durften nie zur Schule gehen, weil die Eltern nicht in der Lage waren, Schulmaterial für die Kinder zu kaufen und so müssen sie zusammen mit ihren Familien in den Steinbrüchen Schwerstarbeit verrichten. Als ich diese Situation zum ersten Mal zu gesehen hatte, war ich richtig schockiert. Wir mussten etwas unternehmen, um diesen jungen Frauen mit einer professionellen Ausbildung eine Chance für ein menschenwürdiges Leben zu geben. Und wir sind glücklich, dass diese nicht ganz leichte Aktion gelang. In jedem Lehrgang sind einige Frauen aus den Steinbrüchen dabei und es berührt mich ausserordentlich, wenn ich sehe, wie diese Jugendlichen im Verlauf der Ausbildung wie eine Blume aufgehen und auch ihren Familien Hoffnung geben können.

Nas Mode ist mein Herzensprojekt und nur dank meinen Spenderinnen und Spendern, die mir vertrauen und mich unterstützen, war der bisherige Erfolg möglich. Ich selber hätte die nötigen Mittel nicht, doch habe ich die Liebe und die Hoffnung für all die jungen Menschen, die sich nichts leisten können ausser ihr Lachen, ihre Fröhlichkeit und ihre Dankbarkeit. Dies alles gibt mir die Kraft, weiter für sie zu kämpfen.

 

Wer mehr wissen und helfen möchte:

https://nasmode.ch/

 

Facts and Figures
2008 erster Besuch in Ouagadougou und Vergrösserung der bestehenden Schneiderinnen Schule
2009 Gründung des Fördervereins Nas Mode in Schaffhausen
2010 Kauf eines Grundstückes und Baubeginn der neuen Schule Nas Mode
2013 Eröffnung der neuen Schule Nas Mode mit Ateliers, Kantine, Büros, Schlafräumen, Nasszellen, Toiletten, Garten, Schulbus etc.
2014 Entwicklungspreis des Kantons Schaffhausen
2017 Nationale Auszeichnung für die Schule für Qualität des Unterrichtes
2017 Nationaler Ehrenorden für Safi Ouattara für ihr Engagement in der Berufsausbildung
2018 Erweiterung und Eröffnung der Ateliers ‚Tikhry‘
2019 Nationaler Ehrenorden für Bea Petri für ihr Engagement in Burkina Faso
2020 Aufbau zusätzlicher Ateliers und Einrichtung eines Gemüsegartens für die Selbstversorgung

 

Veröffentlicht online am 27 Nov., 2020

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