Und Sie Wissen Nicht(s), Was Sie Tun?

Text: Sandra-Stella Triebl
Foto: ISTOCK.COM/MARTIN-DM

LD73 – Mag

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Die Welt ist wahrlich ein Ort höchster Unbeständigkeit. Voller Schnelligkeit. Oberflächlichkeit. Hashtags. Wo nur eines sicher ist: dass sich alles schon bald wieder ändern wird.

Wieso macht uns Unsicherheit Angst? Wie gehen wir damit um?
Was heisst Ungewissheit eigentlich?

Wissen und Gewissheit. Sicherheit und Unversehrtheit. Was bedeutet es uns? Ist das nicht alles relativ – so wie Zeit …? Denn was bedeutet eine Sekunde, eine Stunde, ein Jahrzehnt wirklich? Eine Sekunde Schmerz ist zu lang, eine Sekunde Glück wäre uns wohl zu kurz. Es bleibt von der Dauer her aber dennoch in beiden Fällen eine Sekunde oder das, was wir dafür halten. Das meine ich mit: Die Zeit ist relativ.

So ist auch Sicherheit relativ. Sicherheit ist nur im Augenblick des Moments fühlbar, konstatierbar. Aber nie in der Zukunft. Höchstens noch in der Vergangenheit. Aber wer will schon im Gestern leben? Denn es ist vergangen und vorbei. Ich kann also über einen Weihnachtsmarkt in Deutschland spazieren, fühle mich sicher und geborgen – und im nächsten Moment rast ein Lastwagen in die Menge. Sicherheit ist relativ. Und dasselbe gilt für das Gegenteil. Sie können sich unsicher fühlen und angsterfüllt mitten in der Nacht durch Harlem laufen, und es besteht dennoch die Möglichkeit, dass Sie sicher wieder nach Hause kommen und Ihnen rein gar nichts geschieht.

Wenn Sicherheit und Unsicherheit oder auch Zeit tatsächlich relativ sind (und womöglich nur Teil unsere Kopfkinos) – was wissen wir dann wirklich?

Nun. Wir scheinen ganz viel zu wissen, wir haben Zeit unseres Lebens Wissen angehäuft, Dinge gelernt, in Buchstaben gepackt und wahre Bedeutung darin kleingemacht. Doch haben wir verstanden, nur weil wir wissen? Ich glaube nicht. Und wie sagte Saint-Exupéry: Ihr Menschen seht nicht mit dem Herzen.

So steht uns der Verstand sehr oft im Weg – und das sagt jemand, der ein Studium mit dem Ziel abgeschlossen hat, Wissen anzuhäufen. Meine Mama sagte immer: Schönheit vergeht, Wissen bleibt. Tja. Ich bin Jahrgang 1973. Damals war das vielleicht noch so, dass Wissen ein Asset ist. Heute gibt es Google und Wikipedia und somit die Crowd Intelligence, die schlauer ist als der Einzelne. Und zukünftig gibt es dann auch noch Artificial Intelligence – wer braucht also um alles in der Welt mein Wissen noch? Und die Schönheit? Ach, da gibt es die billige Methode: Instagram-Filter, Photoshop und Co. Oder den Schönheits-Doc. Ob es dann noch Schönheit ist, wage ich zu bezweifeln.
Denn das Schönste ist, wenn wir Dinge – und uns selbst – der Natur überlassen. Wenn wir nicht handeln. Wenn wir uns der Ungewissheit also ausliefern, sie umarmen wie alles andere im Leben. Wenn wir jede Falte umarmen, weil es nur unsere Hülle betrifft und nie unser Inneres, unsere Essenz.

Wenn wir also den Lauf, den Fluss des Lebens und aller Dinge anerkennen, auch Schlechtes schätzen lernen, wenn wir Ungewissheit umarmen, schaffen wir damit automatisch Licht und Platz für das Gegenteil: Sicherheit. Gutes. Und ganz viel Grossartiges.

In schnellen Zeiten zeigt sich Ambivalenz noch deutlicher – Licht und Schatten. Doch auch wenn wir dunkle Zeiten erleben, möchte uns das Leben nur etwas beibringen. Denn Licht erkennt sich im Licht nicht. Um Licht zu sehen, braucht es Schatten. Dunkelheit. Und so erleben wir also in schnellen Zeiten: die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Und den Genuss, der darin steckt. Hätte man vor 50 Jahren jemandem gesagt, er soll sich an der Langsamkeit erfreuen, hätten wir vermutlich ungläubige Blicke geerntet. Und wir lernen in unsicheren Zeiten die Sicherheit, Stärke und Ruhe in uns selbst kennen. Oder besser: Wir entdecken sie wieder.

Wo Leben, da ein Sinn. Und man kann durchaus Sinn in Ungewissheit entdecken. Wir brauchen uns also nicht selbst leidtun, dass alles so furchtbar unstet geworden ist – und in eine elende Opferrolle geraten. Unsicherheit bringt uns dazu – und darin sehe ich den Sinn –, unsere Komfortzone zu verlassen. Sie schüttelt uns regelrecht dahin, wo es unangenehm wird, wo es manchmal auch wehtut. Sie schiebt uns dahin, wo die Abgründe sind und es unbequem ist und wo man allzu gern wegschaut, wo man lieber ein Glas Wein trinkt, um versöhnlich zu sein mit dem Leben. Wo man sich lieber mit kurzfristigen Freuden ablenkt – wie der gefühlt 150. Jeans in derselben Farbe und demselben Schnitt. Wo man sich in Facebook, YouTube und Instagram vergräbt und genauso berieseln und vom echten Leben ablenken lässt wie bei RTL. In unsicheren Zeiten tut es gut, sich auf sich zurückzubesinnen. Worauf sonst, wenn rundherum alles aus den Fugen zu geraten scheint?!

Konzentrieren wir uns also wieder darauf, was in uns steckt – nicht darauf, was für ein Theater um uns herum (und damit im Aussen) vorgeht. Und lassen wir uns nicht vom Internet (einem Netz also?) einfangen und verspeisen.

Ungewissheit macht also Sinn. Weil sie uns hilft, unsere wahre Natur zu erkennen. Ohne Filter. Sie hilft uns auch anzuerkennen, dass wir im Fluss sind, Dinge sich verändern und bewegen. Und dass genau das der Kern jedes Lebens ist. Leben vergeht. Und das ist gewiss.


 

Veröffentlicht online am 18 Nov., 2018

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