Flexibilität und Innovation

Text: Dr. Teresa Valerie Mandl
Illustration: Ladies Drive

Ladies Drive No. 72. Dr. Teresa Valerie Mandl: Flexibilität und Innovation. Illustration: Ladies Drive
League of Leading Ladies Conference 2027

LD73 – Mag

„Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.“
Henry Ford

Jedes Jahr im Februar trifft sich der deutsche Mittelstand im beschaulichen Schwäbisch Hall – beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer. Die diesjährige Veranstaltung brachte – auch im Hinblick auf die Bundestagswahlen und die Hoffnungen auf eine „bessere“ Zukunft – ein Thema in den Mittelpunkt, das selten so offen diskutiert wird: den zeitlichen Fokus von Unternehmen.

Während einige mutig in die Zukunft blickten – etwa Jägermeister mit seinen KI-Initiativen –, konzentrierten sich andere stärker auf aktuelle Herausforderungen. Christoph Werner, Vorsitzender der Geschäftsleitung von dm-drogerie markt, brachte den Kern des Spannungsfeldes prägnant auf den Punkt: „Wie viel Zukunft verträgt die Gegenwart – und wie viel Gegenwart braucht die Zukunft?“ Diese Frage beschreibt die Gratwanderung zwischen Bewährtem und Neuem – und damit die Notwendigkeit von Fle­xibilität. Besonders relevant ist sie für die in Schwäbisch Hall ­zahlreich vertretenen Hidden Champions: jene familiengeführten Unternehmen, die in globalen Nischenmärkten führend sind, aber selten im Rampenlicht stehen.

TIEFE STATT BREITE –
STÄRKE UND RISIKO DER HIDDEN CHAMPIONS

Der Erfolg dieser Unternehmen gründet meist auf Tiefgang, Fokus und organisatorischer Beweglichkeit. Sie innovieren, indem sie profundes Wissen in eng definierten technischen Domänen aufbauen. Das führt zu kontinuierlichen Fortschritten – oft messbar an beeindruckenden Patentzahlen. Doch die Kehrseite dieser Spezialisierung liegt auf der Hand: Wer zu sehr auf das eigene Know-how vertraut, riskiert, externe Impulse zu übersehen. Die Innovationskraft bleibt häufig inkrementell statt disruptiv und damit auf die eigene Nische bezogen. Das Perfektionieren bestehender Technologien sichert zwar kurzfristig die Marktführerschaft, schränkt jedoch die Fähigkeit ein, auf unerwartete Veränderungen zu reagieren. Wissenschaftlich belegt ist dieser Zielkonflikt schon lange: Eine zu starke Orientierung an bestehenden Kunden und Märkten (sogenannte „Exploitation“) reduziert die technologische Diversifikation oder die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle (sogenannte „Exploration“) – und damit die Vorbereitung auf Zukunftsbrüche.

WENN SPEZIALISIERUNG ZUR FALLE WIRD

Ein Beispiel liefert das traditionsreiche Maschinenunternehmen Waldrich aus Coburg, das Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem globalen Leader für Präzisionsmaschinen in der Schwerindustrie aufstieg – mit tiefer Spezialisierung, hohem Exportanteil sowie Fokus auf Handwerkskunst und Leistung.

Mutmasslich wurde der enge Produktfokus Anfang der 2000er-Jahre zur Belastung. Anstatt in die Zukunft investieren zu können, musste man sich immer stärker auf den Erhalt bestehender Kundenbeziehungen konzentrieren. Mehrere Eigentümerwechsel – zunächst wegen Nachfolgeproblemen, später aufgrund von Insolvenzen – führten diese Entwicklungen schliesslich zur Übernahme durch die chinesische Jingcheng Holding. Der Fall verdeutlicht: Operative Exzellenz allein reicht nicht. Unternehmen müssen unmittelbare Ziele wie Effizienz, Verbesserung und Ressourcenschonung mit strategischer Vorausschau verbinden. Technologie­scouting, mutige Investitionen und eine Offenheit für Neues sind keine Option, sondern Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit.

ÖFFNEN, VERNETZEN, LERNEN

Ein Weg dahin führt über Partnerschaften mit Forschung, Uni­versitäten oder Start-ups – Prinzipien der Open Innovation. Auch Waldrich beschreitet inzwischen diesen Weg mit Kooperationen und neuen Geschäftsfeldern wie der Halbleiterindustrie. Ebenso wichtig sind Co-Entwicklungen mit Kunden und interdisziplinäre Teams. Familiengeführte Hidden Champions haben oft Vorteile: Sie denken langfristiger und können Ressourcen, Wissen und Innovation besser synchronisieren. Gleichzeitig kann der Wunsch nach Bestand auch zu Risikoaversion führen.

WER ZUKUNFT GESTALTEN WILL, MUSS SIE DENKEN KÖNNEN

Ein Beispiel für einen Hidden Champion, dem es gelingen dürfte, Gegenwart und Zukunft zu meistern, ist Nemetschek. Die Spezialisierung des Softwareanbieters auf den Lebenszyklus von Bauwerken und Infrastruktur sichert heute die operationale Exzellenz. Gleichwohl investiert Nemetschek in aufkommende Märkte (Film und Gaming), treibt die digitale Transformation – unter anderem mit strategischen Venture-Investitionen und Kooperationen – voran und sichert sich damit die eigene Zukunft.
Wie zukunftsorientiert ein Unternehmen ist, lässt sich oft an seiner Kommunikation ablesen: am Wortlaut der Jahresberichte, von Pressemitteilungen oder Gesprächsnotizen. Auf individueller Ebene daran, wie oft Errungenschaften oder Leistungen der Vergangenheit zitiert werden – oder im Gegensatz dazu künftige Ereignisse benannt werden.

Die Gegenüberstellung von kurzfristigen versus langfristigen se­­mantischen Textpassagen oder direkte Befragungen zu Prioritäten und Risikotoleranz lassen ferner Schlüsse bezüglich der temporalen Orientierung zu. Auch der Planungshorizont liefert Hinweise: Je länger er reicht, desto stärker ist der Zukunftsfokus ausgeprägt. Letztlich geht es um eine zentrale Frage: Besitzt das Unternehmen die nötige Flexibilität, um Gegenwart und Zukunft miteinander zu verbinden?

Nur wer diese Brücke baut, wird seine ausserordentliche Marktposition morgen noch behaupten können. Die Nutzung des Kerngeschäfts in der Gegenwart macht Sinn – doch ständig in der Komfortzone zu bleiben und weiterzumachen „wie bisher“, kann tödlich sein.


Creator

Quelle: Dr. Teresa Valerie Mandl: „Flexibilität und Innovation“, Ladies Drive Magazin, Nr. 72 (2025/2026), S. 81.

Veröffentlicht online am 17 Feb., 2026
Weitere Artikel aus der Ladies Drive No. 72 (Winter 2025/2026) Ausgabe
Er flüstert und alle hören hin

Er flüstert und alle hören hin

Polestar 3 Long Range Single Motor
Ladies Drive No. 72: Beauty Must Haves

Ladies Drive No. 72: Beauty Must Haves

Eure Beauty-Must-Haves für den Winter 2025/2026
Ladies Drive No. 72: Watches & Jewelry

Ladies Drive No. 72: Watches & Jewelry

Must-Haves Winter 2025/2026
Warum die Welt sich dreht und du dich anpassen darfst

Warum die Welt sich dreht und du dich anpassen darfst

Kennst du das Gefühl, wenn sich alles um dich herum ver­ändert, aber du dastehst wie in Stein gemeisselt?
Flexibilität? Ja, aber nur in Balance mit Authentizität

Flexibilität? Ja, aber nur in Balance mit Authentizität

Es ist einer dieser wunderbaren Abende: hochkarätige Vorträge mit anschliessendem Netzwerken, Essen und Trinken. Allein die Impulse der charismatischen Redner entfachen ein Feuerwerk an Ideen und Anregungen.
Anpassung? Nein danke!

Anpassung? Nein danke!

Anpassungsfähigkeit ist ein Schlüsselerfolgsfaktor. Nicht die Stärks­ten, sondern die Anpassungsfähigsten überleben am besten und am längsten – das zeigt die Evolution.
Jeep Wrangler: Je suis flexibelle

Jeep Wrangler: Je suis flexibelle

Ein Raunen ging durch die Foren der Welt, als 2021 allmählich klar wurde:
Selbst der Kult-Wrangler soll verschwinden und durch ein Elektromodell mit neuem Namen und neuem Look ersetzt werden – zumal in Europa. Jeep-Enthusiasten weinen dem kantigen Kultobjekt deshalb jetzt schon nach.
Dr. Cornelia Kawann: Survival of the Flexible

Dr. Cornelia Kawann: Survival of the Flexible

Wie wir uns schlau anpassen, ohne uns aufzugeben.
Everything Is Temporary

Everything Is Temporary

“The greatest danger in times of turbulence is not the turbulence – it is to act with yesterday’s logic.” – Peter Drucker
Anpassen, ohne sich zu verlieren

Anpassen, ohne sich zu verlieren

Wenn ich ehrlich bin: Ich fand es furchtbar. Plötzlich war ich zu Hause. Kein Zug, kein Meeting, kein Termin. Stattdessen Homeschooling, Einkaufen, Kochen.
Let’s Flex!

Let’s Flex!

Wer flexen will, muss flexibel sein. „Flexen“ ist das Jugendwort für „Angeben“ oder „Bluffen“. Aber das dürfte schon bald wieder überholt sein.
Henriette Wendt: Flexibility Is Power

Henriette Wendt: Flexibility Is Power

She’s transformed telecoms, tech, and now energy. For Henriette Wendt, COO at Axpo, success in business isn’t about rigid plans – it’s about empowerment, trust, and the courage to seize opportunities when they appear.
Ausgewählte Artikel aus der aktuellen Ausgabe des Ladies Drive Magazins werden in Kürze veröffentlicht.
Schau dir alle anderen Artikel aus der Ladies Drive No. 72 (Winter 2025/2026) Ausgabe an

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?

Mit dem Abo für 20.- pro Jahr kannst Du Teil der Business Sisterhood sein.
Bestelle das Magazin in unserem Shop.
Ladies Drive 73 Frühling 2026. Cover

Folgt uns in den sozialen Medien, um in Kontakt zu bleiben und erfährt mehr über unsere Business Sisterhood!

#BusinessSisterhood     #ladiesdrive

Möchtet Ihr mehr News über die Sisterhood & alle Events?

Werde Kindness Economist und Teil unserer Business Sisterhood!

  • •⁠ ⁠⁠Zugang zu exklusiven Angeboten und Verlosungen, die ausschliesslich für die Newsletter-Community gelten.
  • •⁠ ⁠⁠Erfahre als Erste von unseren Events und profitiere von Spezialkonditionen.
  • •⁠ ⁠⁠Lerne wie wir gemeinsam die Welt bewegen und verändern können.

Jetzt den Ladies Drive-Newsletter abonnieren.

Sie haben den Ladies Drive Newsletter erfolgreich abonniert!

Pin It on Pinterest

Share This