Östrogen Schlägt Testosteron – Warum die Zeiten der Männerdominanz Vorbei Sind

Text: Oliver Damm*
Foto: Orhidea Briegel

League of Leading Ladies Conference 2027

LD73 – Mag

Ist die Evolution gerecht? Aus der Sicht der Männer – na klar, aus der Sicht der Frauen – eher nein.

Über viele Jahrtausende war der Mann das scheinbar von der Natur bevorzugte Geschlecht. Es ist erst ein paar Jahrzehnte her, dass Frauen selbst in der Werbung lediglich als Witzfiguren dargestellt wurden. Auch so renommierte Marken wie VW machten da keine Ausnahme. So gab es in den USA eine Werbung für den VW Käfer. Zu sehen war ein Auto mit zerbeultem Kotflügel und kaputtem Scheinwerfer. Der Untertitel lautete etwa so: „Früher oder später wird ihre Frau nach Hause fahren – der beste Grund, einen Volkswagen zu besitzen.“

Oder die Werbung eines Herrenschuhherstellers. Sie zeigt einen Schuh und daneben liegt eine Frau, die diesen betrachtet. Überschrieben ist das Bild folgendermassen: „Hält sie dort, wo sie hingehört.“ Die zwei Beispiele gehören noch zu den eher harmlosen einer ganzen Reihe sexistischer Werbungen aus den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Doch bei welchen Fähigkeiten ist der Mann einer Frau eigentlich wirklich überlegen? Und wenn es diese gibt, rechtfertigen sie eine solche Dominanz der Männer? Diese Fragen sind schnell beantwortet. Der Mann ist der Frau in einer einzigen Fähigkeit haushoch überlegen und zwar bei der Kraft. Bei fast allen anderen Fähigkeiten (Ausnahme räumliche Orientierung) ist die Frau gleich gut oder besser. Das wirft die Frage auf, warum sich die Dominanz der Männer etabliert hat, erklärt aber gleichzeitig auch, warum sie sich dem Ende zu neigt. Um zu verstehen, warum Männer in diese Dominanzrolle hineingewachsen sind, müssen wir etwa 20.000 Jahre zurückgehen. Damals gab es eine klare Rollenteilung. Der Mann, ausgestattet mit einer reichlichen Portion Testosteron, machte zu dieser Zeit zwei Dinge: Er ging Jagen oder führte Krieg. Mit diesem, eher begrenzten Fähigkeitsspektrum, war er nicht in der Lage, sich auf mehr als eine Tätigkeit gleichzeitig zu konzentrieren. Und dabei ist bis heute geblieben. Das besagte Testosteron führt nämlich zu einer Art Tunnelblick und so ist es nicht verwunderlich, dass sich der Mann von heute noch immer diese zwei Gebiete aussucht, um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Geändert haben sich lediglich die Formen des Auslebens. Die Jagd findet z.B. auf der Autobahn statt und gekämpft wird gegen den Mitbewerber, aber der Ursprung seines Handelns liegt immer noch in seinem eher dürftigen, evolutionären Erbe begründet.

Viel vielschichtiger, sieht es bei der Entwicklung der Frauen aus. Wir Männer sind oft erstaunt, was eine Frau so alles auf die Reihe bekommt. Manchmal stellen wir uns sogar heimlich die Frage, ob die Frauen über die mystische Fähigkeit des Multitaskings verfügen? Die Antwort hier ist „Nein“, aber das Gehirn der Frau ist in Lage, schneller zwischen den einzelnen Aufgaben zu wechseln und damit ist sie viel flexibler. Um zu verstehen, wie sich das weibliche Gehirn entwickelt hat, hilft wieder ein Blick zurück: Vor 20.000 Jahren waren die Frauen für alles zuständig – ausser für das Jagen und den Krieg. Sie blieben im Lager, zogen die Kinder auf, kochten, sammelten Nahrung und vieles mehr. Es ist daher nicht erstaunlich, dass Frauen von Natur aus mit einer überdurchschnittlich hohen, sozialen Kompetenz ausgestattet sind. Für das Überleben einer Gruppe war das damals zweitrangig. So konnte sich die Dominanz der Männer etablieren, die auf Kraft, Kämpfen und Jagen aufgebaut war. Und bis vor wenigen Jahren waren es deshalb auch vorwiegend die Männer, die diesen, wenn auch geringen Vorteil, schamlos zu ihren Gunsten ausgenutzt haben. Doch jetzt beginnt sich das Blatt zu wenden. Was den Männern über Jahrtausende Vorteile gebracht hat, wird ihnen heute zum Verhängnis. Fehlende Kraft kann mit besserer Technik kompensiert werden, künstliche Befruchtung ermöglicht den Frauen Unabhängigkeit in Bezug auf den Kinderwunsch und statt Kampfgeist ist Sozialkompetenz gefragt. Um zu verstehen, warum Frauen die besseren Führungskräfte sind, blicken wir wieder in Richtung Gehirnforschung, die in diesem Zusammenhang von „Verbundenheit“ spricht. Hierbei handelt es sich um ein evolutions-basiertes Grundbedürfnis, mit einer entsprechenden Verdrahtung im Gehirn. Wird die Verbundenheit bei einem Menschen verletzt, dann aktiviert das sein Schmerzzentrum. Für das Gehirn macht es keinen Unterschied, ob ein körperlicher oder seelischer Schmerz vorliegt, dass Ergebnis ist immer Stress.

Zurzeit erleben wir insbesondere in der Geschäftswelt, wie dieses elementare Grundbedürfnis immer weiter missachtet wird. Auf Grund der hohen Anforderungen werden Menschen in ihrem Verhalten automatisch egoistischer. Dieser Effekt verstärkt sich noch massiv durch die männlichen Attribute der Jagd und des Kämpfens. Auch die wachsende Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft treibt immer mehr Menschen in eine Isolation und schneidet sie von der Verbundenheit mit anderen Menschen ab. Und uns Männern fällt es von Tag zu Tag schwerer, diese Verbundenheit aufzubauen und damit dafür zu sorgen, dass sich jeder einzelne wieder zu einer Gruppe zugehörig fühlt. Das ist aber dringend notwendig, um die zukünftigen Herausforderungen zu meistern. Um das zu erreichen, braucht es einen neuen Typus von Führungskräften, mit einer hohen Sozialkompetenz, Flexibilität und dem Geschick, komplexe Situationen in den Griff zu bekommen. Genau dafür sind weibliche Führungskräfte prädestiniert. Sie sind in der Lage, zielgerichtet, effektiv und sozialkompetent zu agieren und sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen. Sie vergeuden keine Zeit mit teuren Testosteronspielchen, wie z.B. „Revier markieren“ oder „Gegner bezwingen“. Sie konzentrieren sich auf das, was wirklich Erfolg bringt, nämlich gemeinsam mit den ihnen anvertrauten Menschen etwas Aussergewöhnliches zu erreichen. Daher ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Wachablösung stattfindet und mehr und mehr Frauen das Ruder in Wirtschaft oder Politik übernehmen werden. Es gibt heute eine Vielzahl erfolgreicher Frauen in den höchsten Positionen und zum Glück steigt die Zahl von Jahr zu Jahr weiter.

Die heutige Gesellschaft kann sich die männlichen Machtspiele einfach nicht mehr leisten. Zu wertvoll sind die Ressourcen, die dabei täglich vernichtet werden, zu gross die Schäden, die dadurch entstehen. Wer aber ist besser dafür geeignet, einen neuen Führungsstil zu etablieren als die Persönlichkeiten, denen die Evolution die heute so dringend benötigten Eigenschaften schon vor 20.000 Jahren in die Wiege gelegt hat – die Frauen?

 

Weitere Informationen: www.limbic-personality.com

 

*Oliver Damm, geschäftsführender Gesellschafter der Limbic Personality GmbH und Managing Partner der Unternehmensberatung Brain & Performance gmbH (www.brainperf.com). Mit Hilfe seiner auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Analysen hilft er Menschen und Unternehmen, ihre vollen Potenziale zu entfalten und Spitzenleistungen zu erzielen.

 

Veröffentlicht online am 1 Apr., 2015

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