Das ist auch „Surprised by Joy“. Wordsworth hat dafür die Worte gefunden, C. S. Lewis ein ganzes Buch. Gemeint ist die Freude, die kommt, wenn man sie nicht sucht. Die sich nicht optimieren lässt. Für viele von uns ist das eine fremde Erfahrung. Wir haben Glück nie überraschend erlebt. Wir haben es geplant. Verdient. Erarbeitet.
Bis 50 heisst das Spiel:
höher, schneller, weiter
Fragen Sie eine Führungskraft Mitte vierzig, was Erfolg bedeutet, und Sie bekommen eine Zahl. Umsatz, Titel, Teamgrösse, nächste Gehaltsstufe. Karriere war jahrzehntelang ein linearer Auftrag: mehr Verantwortung, mehr Sichtbarkeit, mehr Status.
Das ist keine Kritik. Das ist die Regel, nach der die meisten von uns gross geworden sind. Aber jede Regel hat einen Preis. Und der Preis für „höher, schneller, weiter“ heisst fast immer: Gesundheit, Familie, Freundschaften, Hobbys – all das, worauf leise verzichtet wird, während die Karriere laut nach vorne drängt.
Ab 50: der Shift of Purpose
Und dann, oft ohne Ankündigung, verschiebt sich etwas. Nicht dramatisch. Eher wie ein Systemwechsel im Hintergrund. Status beginnt, seinen Glanz zu verlieren. Der nächste Titel fühlt sich nicht mehr an wie ein Ziel, sondern wie eine weitere Verpflichtung. Stattdessen rücken andere Fragen in den Vordergrund: Sinnhaftigkeit. Leidenschaft. Die Sehnsucht, Wissen weiterzugeben, statt es nur einzusetzen. Und die stille, hartnäckige Frage: Was will ich eigentlich hinterlassen?
Das ist der Shift of Purpose. Er ist kein Zeichen von Erschöpfung. Er ist ein Zeichen von Klarheit. Damit geht eine unbequeme Erkenntnis einher: Weniger kann mehr Glück bedeuten. Nicht als romantische Idee, sondern als gelebte Erfahrung – weil das Leben aufhört, an einem vorbeizurasen.
Wofür rackern Sie sich eigentlich noch ab?
Karriere 2.0: der Ausstieg,
der eigentlich ein Einstieg ist
Immer mehr Menschen ziehen aus dieser Erkenntnis eine Konsequenz. Sie verlassen Grosskonzerne – nicht aus Frust, sondern aus Klarheit – und bauen sich eine Portfolio-Karriere. Mehrere Mandate statt eines Titels. Mehr Gestaltungsspielraum statt eines Dienstwagens.
Karriere 2.0 heisst: Das Bad im See am Morgen ist kein Urlaubsluxus mehr, sondern Alltag. Der Spaziergang mit dem Hund findet um elf statt – statt um sechs. Der Business-Lunch dauert, solange das Gespräch trägt.
Weniger Druck. Aber mehr Stress der guten Art – weil man an Themen arbeitet, die einen wirklich etwas angehen. Weil Wertschätzung wieder spürbar wird, wenn man Erfahrung weitergibt, statt sie zu verwalten.
Andere Teile Europas haben das längst verstanden. Im UK und in den Nordics ist die „Portfolio Executive“ heute keine Ausnahme, sondern eine anerkannte Karriereform – mit eigener Infrastruktur für Interim- und Fractional Management, mit Unternehmen, die aktiv danach suchen. Deutschland und die Schweiz tun sich damit noch schwer. Wir denken in Festanstellungen. Andere denken längst in Mandaten.
„Kann ich mir das überhaupt leisten?“
Die berechtigte Frage, gerade jetzt: Kriege, Massenentlassungen, wirtschaftliche Unberechenbarkeit. Ist das der richtige Moment für eine Karriere 2.0 – oder blanker Leichtsinn? Ich stelle die Gegenfrage: Wie sicher ist Ihr aktueller Arbeitsplatz wirklich?
Die Festanstellung, die nach Sicherheit aussieht, ist heute oft die grössere Wette. Reorganisationen treffen genau die Führungsebene, die sich am sichersten fühlte. Sicherheit entsteht nicht mehr automatisch aus einem Arbeitgeber. Sie entsteht aus innerer Klarheit und einer Positionierung, die trägt, unabhängig davon, wer gerade Ihr Vorgesetzter ist.
Ist das Leben nicht eigentlich zu kurz, um nicht mehr von dem zu tun, was uns glücklich macht?
Meine eigene Karriere 2.0
Ich habe 25 Jahre in grossen IT- und Tech-Konzernen gearbeitet. Erfolgreich, auf dem Papier. Und irgendwann kam die Frage, die ich lange verdrängt hatte: Wer bin ich eigentlich ohne Titel, Funktion, Arbeitgeber? Ich habe erkannt, dass ich mit dieser Frage nicht allein bin. Dass so viele Top-Führungskräfte dieselbe Sehnsucht spüren – nach Sinnhaftigkeit, nach Erfüllung, nach einem Leben, das sich stimmig anfühlt statt nur funktional.
Daraus ist nXt chapters entstanden. Als Businessmodell-Architektin begleite ich Top-Führungskräfte in der zweiten Lebenshälfte dabei, Klarheit zu finden – und daraus eine echte Karriere 2.0 zu bauen: mit Business-Fahrplan, Positionierung, Go-to-Market, Personal Brand. Ich zeige, wie sich mit klugem Einsatz von KI und Automatisierung ein digitaler Impact erzeugen lässt, der die eigene Offline-Expertise untermauert – effizient, nachhaltig und mit einem Geschäftsmodell, das trägt.
Ich arbeite nicht als klassischer Coach. Ich bin Sparringspartnerin. Direkt. Auf Augenhöhe. Wir sprechen über Geld, ohne Scham. Über Angst, ohne Abwertung. Über Status, ohne Verklärung. Über persönliche Werte und Sinnhaftigkeit.
Die Ambivalenz, die niemand zeigt
Was in diesem Prozess selten erzählt wird: wie zwiespältig er sich anfühlt. Die alte Identität war so eng an unsere Vorstellung von Glück gekoppelt, dass ihr Loslassen sich anfühlt wie ein kleiner Verlust – selbst wenn man genau weiss, dass man das Richtige tut. Der Titel war ein Anker. Ohne ihn schwankt man kurz. Und das Umfeld? Reagiert nicht immer mit Verständnis. Ehemalige Kollegen fragen vorsichtig, ob „alles okay“ sei. Manche verstehen die neue Positionierung nicht. Manche reden.
Genau hier braucht es eine innere Haltung, die man sich bewusst erarbeiten muss: „Let them talk.“ Nicht aus Trotz. Sondern weil die eigene Definition von Erfolg wichtiger geworden ist als die Zustimmung eines Umfelds, das die alte Rolle vermisst – nicht die neue Person sieht.
Der eigenen Intuition folgen
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe von „Surprised by Joy“ fürs Business: Glück lässt sich nicht outsourcen. Nicht an einen Titel, nicht an ein Gehalt, nicht an die Meinung anderer. Und JOMO – die Joy of Missing Out – ist dabei kein Rückzug, sondern eine Entscheidung. Bewusst nicht überall dabei sein zu müssen, um trotzdem das Gefühl zu haben, mittendrin zu sein. Die zweite Lebenshälfte endet nicht mit dem Renteneintritt. Sie geht weit darüber hinaus. Warum also nicht eine Karriere bauen, die genau das ermöglicht – im Pensum, das man auch mit 65+ noch leben möchte?
Die Frage ist nicht, ob Sie sich das leisten können. Die Frage ist, ob Sie es sich noch länger nicht leisten wollen.

Elisabeth Henning
ist Businessmodell-Architektin, Verwaltungsrätin und Keynote-Speakerin. Als Gründerin von nXt chapters begleitet sie Top-Führungskräfte und Unternehmer:innen in der zweiten Lebenshälfte bei der Entwicklung ihrer Karriere 2.0.










