Andrea Lang: Eine magische Freude

Andrea Lang, Unternehmerin und Doula

Vorgestellt in der Magazinausgabe:

Interview: Sandra-Stella Triebl
Fotos: Corinne Chollet Fotografie

Andrea Lang, Unternehmerin und Doula
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LD – Mag

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Herbst 2026
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Sie bezeichnet Geburt und Schwangerschaft als „magische Freude“. Und das, obwohl eine ihrer beiden Geburten herausfordernd war.

Die 52-jährige Ostschweizerin Andrea Lang hat die internationale Opernbühne vor einigen Jahren gegen den Gebärsaal eingetauscht. Weg von den Brettern, die die Welt bedeuten, hin zu etwas, das ihr Herz noch mehr nährt.

Sie ist eine Doula. Eine Geburtsbegleiterin. Eine „Vertraute auf Zeit“.

Ein Zitat von Rumi spiegelt wohl am besten wider, wie sie ihren Beruf, ihre Passion, empfindet: „Nur aus dem Herzen kannst du den Himmel berühren.“ Andreas Herz ist gross und offen. Ihre Hingabe ihr treuster Begleiter. „Ich liebe es, aus innerem Reichtum und Fülle zu schöpfen“, sagt sie selbst über sich. Andrea hatte das, wonach die meisten streben: Visibilität und eine Karriere. Aber eine innere Stimme drängte sie in eine andere Richtung. Als Doula und Ausbilderin sowie als ehemalige medizinische Praxisassis­tentin nutzt sie ihre Gesangs- und Atemtechnik heute für andere Dinge: um den Frauen, die ein Kind erwarten, das Vertrauen in sich selbst zurückzugeben und einen Raum zu schaffen, in welchem sie sich geborgen fühlen dürfen in einer Zeit, in der sich ihr Körper und ihr Leben auf so markante und einschneidende Art und Weise zu verändern anschicken.
So begegne ich einer Frau, die eine unbeschreibliche Leidenschaft in sich fühlt, die sprudelt wie ein Wasserfall, die mit strahlendem Blick und lachenden Augen von ihrer Arbeit mit Schwangeren erzählt. Und die doch nicht romantisiert oder schönredet, sondern ganz genau hinschaut oder vielmehr hinhört. Eine Geschichte über eine Sopranistin und Operndiva, die keine mehr sein wollte und die jenseits des Ruhms ihr Glück gefunden hat.

Ladies Drive: Was ist der Duft deiner Kindheit?
Andrea Lang: Spontan hätte ich gesagt: die Käsehörnli der Grossmutter.

Und was war dein erster Berufswunsch, weisst du das noch?
Ja, ich wollte Hebamme werden. Da war ich in der Primarschule – ich hatte also schon immer eine Affinität für Schwangere, für Geburten. Ich kann mich an eine Situation noch extrem gut er­­­innern – da war ich in der Mittelstufe und wir mussten im Kunstunterricht eine Tonfigur modellieren. Bei mir war es eine schwangere Frau. Offenbar steckt das irgendwie ganz tief in meiner Essenz drin. Ich fand schwangere Frauen schon als Kind immer einfach nur wunderschön. Manchmal fühlt es sich an, als wäre ich schon mit dieser Leidenschaft zur Welt gekommen – und wer weiss, vielleicht hab ich das aus einem früheren Leben mitgenommen.

Wer oder was hat dich auf deinem Weg denn besonders beeinflusst?
Das ist schwierig zu benennen. Aber was ich definitiv sagen kann, ist, dass meine Mutter eine grosse Rolle spielte. Weil sie uns immer sagte, dass die Geburten ihrer Kinder das Schönste in ihrem Leben waren. Dass sie so glücklich war in dem Moment, als ich auf die Welt kam. Deshalb war das Thema Geburt nie auch nur im Ansatz negativ behaftet für mich. Das Gefühl, das meine eigene Mutter hier versprüht hatte, war: pure Freude. Und die hat bei mir zu einer Passion geführt – heute bin ich dankbar, das tun zu dürfen, was mir so sehr entspricht und mich glücklich macht. Das ist ein Privileg. Mir sagte mal ein Gynäkologe, dass ich mit meiner Anlage und Hingabe eigentlich eine Leihmutter hätte werden sollen (lacht)!

Und trotzdem hast du beruflich erst einmal einen anderen Weg eingeschlagen – du warst Opernsängerin und das sehr erfolgreich. Wenn ich Fotos von dir von damals anschaue, ist das, als würde ich eine andere Person sehen.
Ich weiss. Im Kinderchor des Theaters St. Gallen wurde mir zum ersten Mal gesagt, ich müsse doch mit diesem Talent einfach Gesang studieren. Das Singen und das Auf-der-Bühne-Stehen waren für mich auch pures Glück – aber das wurde mir von an­­­deren Menschen manchmal arg vermiest.

Weil …?
Das Drumherum ist in diesem Job unsäglich – alles, was neben und hinter der Bühne gespielt wird. Das war eigentlich nie meine Welt. Die Art und Weise, wie Rollen besetzt, Bühnenstücke umgesetzt und inszeniert werden. Das hat die Freude immer wieder getrübt. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich bis heute eine tiefe Trauer in mir fühle, weil ich keine Sängerin mehr bin. Meine Leidenschaft für den Gesang war genauso gross wie jene für Geburten. Das Gefühl, als Künstlerin anderen Menschen eine Freude bereiten zu können, schickt mir heute noch einen Schauer über den Rücken. Neid und Missgunst sind in diesem Geschäft jedoch an der Tagesordnung. Und man muss auch neben der Bühne eine Diva sein, um sich durchsetzen zu können – das liegt mir nicht, Authentizität ist mein höchstes Gut. Es war also mein bewusster Entscheid, meine Gesangskarriere zu beenden.

Verspürst du in deiner Arbeit heute als Doula dieselbe Freude?
Ja! Ausser, ich treffe im Gebärsaal auf Hebammen, die Doulas für überflüssig halten oder als Konkurrenz betrachten. Gott sei Dank ist dies selten geworden, und ich erlebe viel Anerkennung und ganz wunderbares Teamwork.

Wie kam es zu diesem Bruch in deiner Karriere?
Zum einen aus bereits genannten Gründen, zum anderen wegen meiner Kinder. Eines von ihnen ist auf dem Autismus-Spektrum. Und ich habe gespürt, dass dieses Kind eine Mutter braucht, die immer da sein kann, hier vor Ort in der Schweiz – und nicht irgendwo in der Welt auf einer Bühne steht. Ich war damals ein bisschen feige, muss ich zugeben. Vielleicht war es aber auch eher so etwas wie Selbstschutz. Wenn Anfragen für eine Rolle oder einen Auftritt kamen, hab ich sie einfach immer abgelehnt. So wurden es mit der Zeit weniger und weniger. Ich habe mich für meine Familie entschieden und mich stillschweigend und ganz langsam zurückgezogen. Einen radikalen Bruch hätte ich emotional wohl nicht so gut verkraften können.

Und wie hat alles mit „Geborgen Gebären“ und deiner Doula-Schule begonnen?
Ich habe bei meinen eigenen Geburten erlebt, wie zentral und hilfreich eine gute Atemtechnik ist. Deshalb habe ich neben meiner Arbeit als Opern- und Konzertsängerin, Gesangslehrerin und Pädagogin für musikalische Früherziehung nicht nur andere Sängerinnen sowie unzählige Kleinkinder und ihre Eltern unterrichtet, sondern parallel dazu damit begonnen, schwangeren Frauen eine fundierte Bauchatmung beizubringen. Diese Atemschule habe ich in der Folge über viele Jahre verfeinert und weiterentwickelt. Ich darf mit gutem Gewissen sagen, dass sie in ihrer Form etwas Einzigartiges geworden ist. Schwangere melden sich sehr frühzeitig für einen Termin und nehmen teilweise auch eine lange Anreise auf sich, um davon zu profitieren. Neben meiner Tätigkeit als Doula-Ausbildnerin begleite ich im Schnitt selbst zwei Geburten pro Monat und arbeite die Hälfte der Zeit in meiner Praxis therapeutisch. Das heisst: in Form von Hypnose- und Traumatherapie mit Frauen, die leider weniger positive Geburten erlebt haben. Dabei habe ich immer einen ganzheitlichen, holistischen Blick. Ich begegne Schwangeren und ihren Partnerinnen und Partnern nie aus der Theorie heraus – sondern immer direkt aus der Praxis. Aus einer anfänglichen Vision während der eigenen Geburt ist etwas entstanden, was ich nie für möglich gehalten hätte. Eine Selbstständigkeit, ein Unternehmertum. Ein hart erarbeitetes Geschenk. Ein zweiter Traumberuf in einem einzigen Leben.

Was für Frauen sind deine Kundinnen? Wer sucht sich eine nicht medizinische Geburtsvorbereiterin und -begleiterin? Was macht die Doula aus?
Ich selbst habe viele komplexe Fälle. Frauen mit psychischen Erkrankungen, Frauen, die Missbrauch oder andere Traumata erlebt haben, zwischendurch Business-Ladies, die eigentlich absolut keine Zeit für ihre Schwangerschaft und Geburt haben. Sie alle finden bei mir in der Praxis einen geborgenen Raum, wo sie einfach Frauen sein und genauso schwanger sein dürfen, wie sie eben gerade sind. Ich sehe bei mir viele Frauen, die unfassbare Ängste mitbringen. Das Wort Doula kommt aus dem Griechischen und wird heute im Geburtskontext frei als „Dienerin der Frau“ verstanden. Aber in diesem Beruf schwingt keine Esoterik mit – dagegen wehre ich mich sehr. Sondern es ist eine uralte Tradition, die zunehmend auflebt. In den USA oder Israel ist die Doula ziemlich populär. Bei uns ist das alles leider noch deutlich weniger bekannt, obwohl die Begleitung durch andere Frauen eine so alte Tradition ist – mit einer einfachen Ideologie dahinter: Frauen gebären mit Frauen. Die Doula begleitet dich schon in der Schwangerschaft und noch einige Wochen über die Geburt hinaus. Sie steht dir als Fachperson, Informationsvermittlerin und Ansprechpartnerin auf emotionaler wie mentaler Ebene über mehrere Monate zur Seite. Ich nenne sie gern „Ver­­traute auf Zeit“. Rund um den Geburtstermin ist sie während vier Wochen 24/7 für dich auf Abruf. Und was speziell ist: Wir Doulas begleiten die Geburten unserer Klientinnen lückenlos! Im Gegensatz zu Hebammen haben wir keinen Schichtwechsel. Wenn eine Geburt 30 Stunden dauert, sind wir 30 Stunden da. Diese unvergleichliche Kontinuität zusätzlich zur medizinischen Betreuung durch Hebammen und Ärzte zu erfahren, ist einer der Hauptgründe für das Engagement einer Doula.

Werden diese Kosten von der Krankenkasse getragen und was kostet das für eine werdende Mama?
Leider übernimmt die obligatorische Grundversicherung diese Kosten nicht; einzelne Zusatzversicherungen leisten Beiträge. Studien weisen jedoch darauf hin, dass eine kontinuierliche Geburtsbegleitung bestimmte Geburtsergebnisse verbessern kann. Die Honorare für eine sogenannte Vollbegleitung liegen je nach Doula für die Basisbegleitung, d. h. ohne fakultative Zusatzleistungen, bei ca. CHF 1'200.– bis CHF 2'200.–.

Wie jetzt, für die ganze Zeit?
Jawohl. Diesen Job musst du lieben – wegen des Geldes macht man das nicht.

Ist die Doula-Ausbildung denn vereinheitlicht?
Nein. Es gibt verschiedene. Die eine ist etwas spiritueller angelegt, eine andere offen für Gelegenheitsdoulas und wieder andere unterrichten hauptsächlich online. Ich fördere vor allem (Teil-)Berufsdoulas, bin stark medizinisch geschult und doziere auch entsprechend. Und das Wichtigste für mich und mein Dozententeam: Wir unterrichten in reiner Präsenzform und ziehen Teilnehmerinnen an, denen unter anderem genau dies wichtig ist. Die Ausbildung, die ich anbiete, gilt als jene mit den höchsten Aufnahmekriterien in der Deutschschweiz – das höre ich immer wieder auch von Hebammen.

Mit Geburt verbinden die meisten ja nicht wirklich pure Freude, sondern eher Schmerzen, teilweise auch Trauma …
Es gibt mehrere wissenschaftliche Untersuchungen hierzu sowie einen Cochrane-Review zur kontinuierlichen Geburtsbegleitung, die ein ähnliches Bild zeichnen: Wenn eine Frau während der Geburt lückenlos begleitet wird – etwa durch eine Doula –, kann erstens die Geburtsdauer kürzer sein, zweitens die Rate an Kaiserschnitten sinken und drittens der Bedarf an Schmerzmitteln oder einer PDA geringer sein. Zudem bewerten Frauen ihr Geburtserlebnis durch die kontinuierliche, informative und fürsorgliche Begleitung seltener als negativ.

Was sicher auch ein Vorteil ist: Man muss nichts in Foren nachlesen und läuft weniger Gefahr, Desinformation aufzusitzen, die unser Denken ja auch massiv beeinflusst.
Allerdings. Mich machen aber auch die ganzen Geburtsvorbereitungsmethoden und -konzepte verrückt, die den Frauen vorgaukeln, wenn man es denn nur so und so macht, atmet sich das Kind wie von selbst sanft und schmerzfrei unten raus. Was ich viel wichtiger finde: mit dem Schmerz zu „kooperieren“ und nicht zu versuchen, ihn auf Teufel komm raus zu vermeiden. Man muss sich auch gewahr werden, dass man als Mama nur 50 Prozent der Geburtsarbeit leisten kann – den Rest macht das Kind.

Es gibt Zahlen aus Deutschland und der Schweiz, die zeigen, dass rund ein Drittel der Geburten per Kaiserschnitt erfolgt. Ist das zu hoch aus deiner Sicht – abgesehen von all jenen Geburten, bei denen das medizinisch unumgänglich ist?
Natürlich gibt es Frauen, die auch die Geburt gern als fixen Termin in der Agenda haben wollen – und Ärzte, denen es ähnlich geht übrigens. Wenn jemand unüberwindbare Ängste vor einer natürlichen Geburt hat oder gewisse Vortraumatisierungen mitbringt, kann eine Bauchgeburt tatsächlich der bessere Weg sein. Was ich in diesem Zusammenhang viel spannender finde, ist folgende Beobachtung aus meiner Praxis: Die Intuition der Frau, das Gespür für sich selbst, den eigenen Körper und die Familie – wenn all das verschüttet ist oder gar unter einem ganzen Trümmerhaufen liegt, wird keine Entscheidung eine nachhaltige sein, egal welche. Ich erzähl dir ein anonymes Beispiel. Eine Hebamme hat mich angerufen, ich müsse eine hochschwangere Business-Lady notfallmässig aufnehmen und „zur Vernunft“ bringen. Sie kam mit ihrem riesigen Bauch zu mir in die Praxis, offenbar ohne sich wirklich bewusst zu sein, dass sie in wenigen Tagen Mutter werden würde. Schon nach ein paar Minuten Gespräch und ersten tieferen Atemzügen unter Anleitung brach sie als schluchzendes Häufchen Elend zusammen. Weil sie endlich mal loslassen konnte. Ihr geschäftiges Leben hatte ihr offenbar gefühlt keine Wahl gelassen, sich mit der Schwangerschaft, sich selbst und ihrem Baby auseinanderzusetzen. Nach nur zwei Stunden war die Frau wie verwandelt und so unendlich dankbar für meine zugegebenermassen ziemlich scharfen Inputs. Und ich selbst habe einmal mehr gespürt, wie viel Sinn diese Arbeit macht. Auch Kind und Karriere lassen sich übrigens gesund und gut vereinen – aber ich muss das ganz bewusst tun und immer wieder ehrlich hinschauen.

Aber es heisst auch: Man kann alles haben. Aber nicht alles auf einmal.
Wohl wahr! Weisst du, es geht einfach auch darum, dass wir den Frauen beibringen, ihre körpereigenen Werkzeuge wiederzuentdecken und zu kultivieren. Entspannungsfähigkeit. Atem. Und darum, dass sie sich durch gezielte Information und eine solide Vorbereitung einen angenehmen Raum für die Geburt schaffen. Das Faszinierende ist nämlich: Du musst die Kontrolle abgeben und dich dem Prozess hingeben. Sonst kannst du das Kind nicht gebären. Wenn du nun deine Vorbereitungen ge­­­troffen und deine Werkzeuge gut geschult hast, holst du dir innerhalb dieses Prozesses ein Stück der Kontrolle zurück. Von innen heraus, mit der inneren Arbeit einer werdenden Mutter. Und du kreierst dir damit einen angenehmen und sicheren Raum für die Geburt. Und oft bleibt dir diese neu gewonnene Sicherheit erhalten und begleitet dich noch weit über die Geburt hinaus …

geborgen-gebaeren.ch
doulaschule.ch 
geburtsbegleiterinnen.ch


Creator
Sandra-Stella Triebl
Chefredakteurin

Quelle: Sandra-Stella Triebl: „Andrea Lang: Eine magische Freude“, Ladies Drive Magazin, Nr. 75, S. 40-43.

Veröffentlicht online am 6 Okt., 2026

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