
Ein Gespräch über Freude als Form des Widerstands, über Sichtbarkeit und Grenzen. Und über einen Begriff, den Norma für diese Haltung selbst erfunden hat: Trotzfreude.
Ladies Drive: Norma, du begleitest Frauen dabei, aus dem Modus der Fremderwartung herauszutreten. Was passiert in dem Moment, in dem eine Frau zum ersten Mal erkennt, wie sie selbst führen möchte – und nicht mehr, wie sie glaubt, führen zu müssen?
Norma Graf: Das ist ein super Moment. Viele Frauen beschreiben ihn als Mischung aus Stolz, Vergnügen, Erleichterung und Überraschung. Gerade kürzlich erhielt ich eine wunderbare Sprachnachricht von einer Kundin: „Normaaaaaaaaaaa! Ich fliiiieeeeegee! Ich habe so was von gerockt! Ich brauchte nicht mal die Notizen, die wir vorbereitet hatten. Ich war total im Flow.“ Solche Momente zeigen mir, wie wertvoll meine Arbeit für meine Kundinnen ist.
Viele erfolgreiche Frauen haben gelernt, Anerkennung im Aussen zu suchen. Woran merken deine Kundinnen, dass sie etwas wirklich für sich tun – und nicht nur für den nächsten Applaus?
Das lässt sich meines Erachtens gar nicht wirklich trennen. Wer sagt denn, dass Applaus nicht genauso echte Freude auslösen kann? Durch die soziale Prägung ist es schwierig, langfristig Freude an Dingen zu haben, die im eigenen Umfeld auf Ablehnung stossen. Deshalb suche ich immer beides: Dinge, die mir was bedeuten, aber auch ein Umfeld, das mich dabei unterstützt und ab und zu durchaus auch applaudiert.
Welche Form von Anpassung begegnet dir bei Frauen in Führungspositionen am häufigsten? Und was kostet sie langfristig?
Es gibt zwei Kategorien. Einerseits die Klassiker: zum Beispiel sich kleiner zu machen, um nicht bedrohlich zu wirken, Emotionen zurückzuhalten oder Grenzüberschreitungen zuzulassen, um nicht kompliziert zu wirken. Die zweite Kategorie ist viel subtiler: Frauen haben verinnerlicht, dass sie alles allein schaffen müssen, weil ihnen sonst unterstellt wird, ihre Position nicht durch ihre Kompetenz, sondern durch Quoten oder Beziehungen erreicht zu haben. Also setzen sie alles auf Fachwissen, statt sich auch auf Politik, Rhetorik und Allianzen zu fokussieren. Doch genau das macht es enorm schwierig, wirklich einflussreiche Positionen zu erreichen. Die Folge: weniger Geld, weniger Mitgestaltung, weniger Anerkennung.
Wir sprechen viel über Selbstzweifel. Ist die grössere Herausforderung nicht die Angst zu scheitern, sondern die Angst, wirklich sichtbar zu werden?
Ich würde tatsächlich eher von einem internalisierten gesellschaftlichen Zweifel sprechen als von Selbstzweifeln. Denn Sichtbarkeit ist für viele Frauen mit negativen Erfahrungen verbunden. Wir sehen täglich, wie sichtbare Frauen zur Zielscheibe werden. Diese Gewissheit, angefeindet zu werden, wirkt wie eine unsichtbare Barriere. Aber ohne Sichtbarkeit sinkt die Chance auf einflussreiche Positionen massiv. Das ist ein strukturelles Problem, das sich nicht mit einem Kurs zu mehr Selbstvertrauen lösen lässt.
Kann Freude gerade deshalb eine Form von Widerstand sein?
Das ist ein schöner Gedanke! Da bekomme ich direkt Lust auf eine Wortneuschöpfung: Wie wär’s mit „Trotzfreude“? Also sich aus Trotz zu freuen, auch wenn einem die Gesellschaft suggeriert, dass frau sich erst freuen darf, wenn alles perfekt ist – also nie.
Wie sieht es mit der „Joy of Missing Out“ aus – der Freude daran, bewusst nicht überall dabei zu sein? Ist die Fähigkeit, Nein zu sagen, für Frauen in Führung eine Schlüsselkompetenz geworden? Und warum fällt sie oft so schwer?
Würde Frauen beigebracht, konsequent Grenzen zu setzen, geriete die Welt, wie wir sie kennen, massiv ins Wanken! Gratis-Care-Arbeit? Weniger Geld für den gleichen Job? Wohl eher nicht. Stattdessen werden sie von klein auf darauf trainiert, eigene Bedürfnisse zugunsten anderer zurückzustellen. Wer freundlich, kompromissbereit und harmoniebedürftig ist, bekommt Lob und Zuneigung. Im Berufsleben dann plötzlich klar Nein zu sagen, ist entsprechend schwierig. Und genau daran arbeite ich oft mit meinen Kundinnen: Wie sage ich Nein, ohne mich dabei fremd zu fühlen?
Du sprichst oft von Leichtigkeit. Warum gilt in vielen Organisationen noch immer: Was leicht wirkt, kann nicht hart erarbeitet sein?
Weil Leichtigkeit und Leistung in vielen Köpfen unvereinbar scheinen. Ich meine damit aber nicht, dass Dinge nicht schwierig sein dürfen, sondern eine innere Leichtigkeit: sich wohlzufühlen, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen, nicht ständig zu überlegen, ob man zu forsch oder zu zurückhaltend wirkt. Es geht darum, den eigenen Kompass wiederzufinden und mit Klarheit aufzutreten.
Überraschenderweise spielt auch künstliche Intelligenz auf diesem Weg zum „eigenen Kompass“ eine Rolle. Wie passt das zusammen?
Das muss kein Widerspruch sein. Richtig genutzt taugt künstliche Intelligenz hervorragend dazu, sich mit den eigenen Werten auseinanderzusetzen und sie für sich zu priorisieren. Und ich bin überzeugt: Klarheit über die eigenen Werte ist DAS Fundament für eine selbstbewusste Führung mit Leichtigkeit. Deswegen investiere ich in meinen Sparrings auch immer richtig viel Zeit in dieses Thema. Denn bei jeder Entscheidung, jedem Konflikt und jeder noch so kleinen Situation dienen sie als Kompass, damit die Frau mit geradem Rücken und einem guten Gefühl weitergehen kann.
Zum Abschluss etwas Persönliches: Gab es in deinem eigenen Leben einen persönlichen „Surprised by Joy“-Moment?
Mein ganzes Leben ist voll solcher Momente. So hat eine ausweglose Situation in meinem letzten Angestelltenverhältnis dazu geführt, dass ich relativ abrupt gekündigt habe. Wenige Tage später kam der erste Lockdown, und ich war gezwungen, mich mit mir und meinen Zukunftswünschen auf einem Level auseinanderzusetzen, das ich sonst wohl vermieden hätte. Ich realisierte, dass ich bei meiner Berufswahl nie wirklich auf meine eigenen Wünsche geachtet hatte. Ich fasste dann den Mut, mich neu zu orientieren, die Wissenschaft komplett hinter mir zu lassen und mich selbstständig zu machen. Das ist nun sechs Jahre her und eine der besten Entscheidungen in meinem Leben gewesen. Und eine, die viele weitere nach sich gezogen hat, die mich näher zu mir selbst gebracht haben.











