Eine, die sich sehr früh in den sozialen Medien zu Wort meldete und der Katastrophe einen zutiefst intimen Aspekt hinzufügte, war Katja Faber. Wir haben sie in der Frühlingsausgabe Nr. 61 vor drei Jahren berichten lassen; das Magazin trug das Titelthema „Post-Traumatic Growth“. Katja Faber hatte uns geschildert, wie sie weiterleben konnte, nachdem ihr Sohn Alex im Dezember 2014 einem brutalen Mord zum Opfer gefallen war.
Um zu verstehen, warum gerade ihre im Netz geteilten Beiträge – in denen sie schonungslos beschrieb, was in Eltern vorgeht, die mit einer solchen Nachricht konfrontiert werden – so wichtig waren, hier nochmals die Details zu jenem Moment, in dem sich Katjas Welt komplett veränderte.
DREI JAHRE OHNE SCHLAF
Im Dezember 2014 verbrachte Katja Faber ein paar Tage in Madrid, als sie die furchtbarste aller Nachrichten erhielt: Ihr Sohn Alex, damals 23 Jahre alt, war auf brutale Weise von einem Freund im Drogenrausch ermordet worden. Wie überlebt man so etwas?
„Ich habe drei Jahre nicht geschlafen“, erinnert sich Katja Faber. „Wenn dein Kind Opfer eines Mordes ist, musst du zusätzlich mit der Gewissheit leben, dass seine letzten Momente mit Angst und Schmerzen erfüllt waren.“ Sie fiel anfangs in eine tiefe Depression, wurde krank und entwickelte posttraumatische Stresssymptome.
Es folgte ein kräftezehrender Kampf mit der Schweizer Justiz, die den Mord zunächst als Totschlag und nicht als vorsätzliche Tötung einstufte. „Man bekommt die Gerechtigkeit, die man sich leisten kann“, lernte die studierte Juristin. Unterstützung erhielt sie vom „Team A“, wie sie es nennt: Familie und Freunde, die Alex nahegestanden hatten, ihr Bruder, der Anwalt, sowie eine weitere private Anwältin, die auf Kriminalrecht spezialisiert ist.
Katja Faber erreichte schliesslich nach acht Jahren, dass der Mörder ihres Sohnes rechtskräftig verurteilt wurde. Der Fall beschäftigte über Wochen hinweg die Presse.
EIN KAMPF FÜRS LEBEN
Nach den ersten Verhandlungen begann Katja Faber, wieder zu schreiben: „Ich hatte seit Alex’ Tod nichts mehr zu Papier bringen können. Mich beschäftigte aber nicht nur meine eigene Geschichte, sondern vor allem, wie es Frauen geht, die ein Kind verloren haben. Wie sie behandelt werden – und wie sie in unserem Rechtssystem behandelt werden.“
Sie schrieb für ein Magazin, das sich mit Trauer beschäftigt, und begann ausserdem, sich persönlich vertieft mit dem Thema auseinanderzusetzen. In den USA absolvierte sie eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin, weil sie jeder Geschichte, mit der sie konfrontiert wird, auch mit Fachwissen begegnen will. Zwar hat sie nicht vor, als Trauerbegleiterin zu arbeiten, doch sie will gegen die Trauer und die posttraumatische Belastungsstörung, die der gewaltsame Verlust eines Kindes auslösen kann, anschreiben und öffentlich darüber sprechen.
DAS UNFASSBARE IN WORTE FASSEN
Sie nimmt eine sechsteilige Podcast-Reihe auf, „(In)Justice: Killer Privilege“, in der sie minutiös den Mord an ihrem Sohn erzählt, die von ihr recherchierten Fakten darlegt und von ihrem Kampf für Gerechtigkeit für Alex berichtet. Sie lebt weiter, funktioniert, freut sich über die Geschwister von Alex und darüber, wie sie ihr Leben meistern, verbringt Zeit in der Natur im Engadin und auf ihrer Farm. Die Arbeit auf der Farm ist auch Trauerarbeit – körperliche Trauerarbeit:
„Trauma bleibt nicht nur in deinem Kopf. Nur darüber zu reden, hilft nicht. Du musst es in dir bewegen und aus dir herausarbeiten. Tust du es nicht, macht es dich krank.“
Katja Faber hat dem Schicksal die Stirn geboten und lässt es nicht zu, daran zu zerbrechen.
EMPATHIE
In einem Post auf Instagram – der Text erschien wenig später auch als offener Brief im „Blick“ – fand Katja Faber am Tag nach dem Unglück in Crans-Montana Worte für die unmenschliche Zeit des Wartens, als Eltern noch nicht wussten, ob ihr Kind unter den Toten oder den Verletzten ist. Sie beschreibt den körperlichen Schmerz, die Panik, die Konfusion, das Hoffen, das Warten. Und die ungeheure, kaum erträgliche Wucht, wenn Gewissheit besteht, dass das eigene Kind aus dem Leben gerissen wurde.

Katja Faber
hat das Unfassbare erlebt – und sich entschieden, der Trauer eine Stimme zu geben. Mit Klarheit, Empathie und grosser innerer Stärke spricht sie über Verlust, Gerechtigkeit und die Möglichkeit, trotz allem weiterzuleben.

ES BETRIFFT (ZU) VIELE
Dass ein Kind vor den Eltern stirbt, widerspricht jeder natürlichen Ordnung. Jeder Todesfall ist schmerzlich, doch wenn ein Kind stirbt, gerät der Lauf des Lebens aus den Fugen. Laut UNICEF und anderen Quellen wie der WHO sterben jährlich rund eine Million Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 19 Jahren. Die Kindersterblichkeit bei Babys, Kleinkindern und Kindern bis zu einem Alter von fünf Jahren beträgt 16 von 1.000 Kindern; die Todesursachen sind dabei nicht weiter spezifiziert.
Die meisten dieser Fälle bleiben für die breite Öffentlichkeit namenlos – ausser, sie betreffen Familien, die aus irgendeinem Grund in der Öffentlichkeit stehen und deren Trauer sichtbar wird. Wir erinnern uns an Tina Turner, die zwei ihrer Söhne vor ihrem eigenen Tod verlor. Die Kennedy-Familie musste mehrere Todesfälle verkraften, ebenso die Agnellis. Farah Diba betrauerte zwei Kinder, Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison verlor einen Sohn.
Wir alle kennen jemanden – nah oder fern – oder haben es in der eigenen Familie erlebt, dass ein Kind stirbt.
Aus welchen Gründen auch immer eine Familie ein Kind verliert: Die Trauer an sich vereint alle. Wir haben mit Anja Niederhauser, Gründerin des Zürcher Trauerinstituts, über dieses Thema gesprochen.
Ladies Drive: Anja, was passiert in einem, wenn man sein Kind verliert?
Anja Niederhauser: Die Zeit bleibt stehen, die Welt gerät komplett aus den Fugen. Gesellschaftlich wird es als besonders schwerwiegend betrachtet, wenn ein Kind stirbt. Das ist auch das, wovor viele Eltern am meisten Angst haben: dass ihrem Kind etwas passieren könnte.
Ich finde es jedoch schwierig, verschiedene Arten von Trauer und Schmerz miteinander zu vergleichen. Man weiss nie, wie es der trauernden Person wirklich geht. Und jemandem, der ein Kind verloren hat, immer wieder zu sagen, das sei das Schlimmste, was einem im Leben passieren könne, wird selten als hilfreich empfunden.
Gibt es dennoch eine Art Muster, wie Trauer und Schmerz verlaufen?
Wenn die Nachricht kommt, ist es meist nicht möglich, sie zu fassen. Die Realität wird negiert. Viele Betroffene haben sehr starke körperliche Symptome, häufig auch Schmerzen. Das, was nach der Mitteilung passiert, können die meisten Menschen später nicht mehr genau beschreiben.
Dann folgt oft eine chaotische Phase, weil ganz vieles gleichzeitig passiert: Formalitäten, Menschen, die reden wollen. Viele können nicht schlafen, haben Panikattacken, schreien. Es gibt aber auch Menschen, die völlig erstarren. Erst mit der Zeit wird realisiert, was wirklich geschehen ist, und die Betroffenen kommen in eine Phase der Verarbeitung. Ganz wichtig dabei ist: Trauer ist etwas äusserst Individuelles.
Was kann man als Aussenstehende oder Aussenstehender tun, wenn man nicht direkt betroffen ist?
Für die Betroffenen da sein. Ihnen ganz konkret Dinge abnehmen, damit sie sich nicht auch noch darum kümmern müssen. Zum Beispiel Essen vor die Tür stellen oder mit dem Hund spazieren gehen. Wirklich helfen – und nicht nur sagen: „Melde dich, wenn du etwas brauchst.“ Die wenigsten Menschen können sich in solchen Momenten melden; das wäre eine Überforderung.
Wir haben am 9. Januar, an dem ein nationaler Trauertag ausgerufen wurde, etwas erlebt, was man kollektive Trauer nennen könnte. Warum hat so ein Unglück eine ganze Nation ergriffen?
In der kollektiven Trauer tritt das Bewusstsein dafür, dass man das Leben letztlich nicht kontrollieren kann, in den Vordergrund. Dieses Bewusstsein versuchen wir sonst durch viele Aktivitäten aus unserem Leben zu verdrängen. Wenn es dann aufkommt – häufig zusammen mit dem Gefühl von Ohnmacht –, kann das sehr beängstigend sein.
An einem nationalen Trauertag kann man zumindest im Ritual, im Zusammensein, in eine Form von Selbstwirksamkeit hineingehen. Das Unglück in Crans-Montana hat bei jedem individuell ganz unterschiedliche Ängste wachgerufen, angeheizt auch durch die teils sehr detaillierte Berichterstattung. Es war wichtig, diesen Trauertag zu begehen, um die Trauer zu bündeln. Wir schweigen nicht, wir trauern aktiv.
Ist es gut, dass so öffentlich über eine solche Katastrophe berichtet wird?
Es ist sehr schwierig, Trauer medial darzustellen. Es ist viel einfacher, Schuldzuweisungen zu machen.
Du hast täglich mit vielen Trauernden zu tun – was macht das mit dir?
Ich war 20 Jahre Pfarrerin und habe mein Institut nun seit ungefähr sechs Jahren. In den Ausbildungen lernt man zu unterscheiden: Ist das jetzt meins oder nicht? Mir hilft, dass ich Sport treibe und mich körperlich betätige. Ich nehme die Lasten der Trauernden zwar auf, kann sie aber auch wieder loslassen und zu mir selbst zurückkehren.
Gibt es überhaupt einen Rat, den man Menschen geben kann, die ein Kind verloren haben? Hilft Glaube, Spiritualität?
Manchen gibt das Halt, andere finden gar keinen Zugang mehr dazu. Spiritualität kann wichtig sein, aber noch wichtiger ist, dass man in der eigenen Geschichte einen roten Faden findet und dem Leben wieder Sinn abgewinnt. Trauernde entwickeln oft eine andere Sensibilität für die Welt.
Ganz entscheidend ist, dass die Betroffenen selbst Wege finden – Dinge tun, die sie wieder in eine Verbundenheit mit sich selbst und der Welt bringen. Es ist regelrecht furchtbar, wenn von aussen Sätze kommen wie: „Du wirst sehen, das hat schon einen Sinn.“ Den Sinn muss jeder für sich selbst finden; er kann nicht von aussen zugesprochen werden.
Etwas, das Zeit braucht, ist das Anerkennen dessen, was passiert ist. Wenn man es wegschliesst, nimmt man sich diese Anerkennung. Das schützt vielleicht kurzfristig, ist aber auch so, als wäre es gar nicht passiert. Dann kann man den Tod und das Geschehen nicht in das eigene Leben integrieren.
Was können wir sonst tun in einem solchen Trauerfall?
Für Eltern oder Partner ist es entscheidend, dass sie miteinander in Kontakt bleiben. Zwei Menschen trauern um dasselbe Kind, aber jeder trauert anders. Es ist wichtig, dass diese unterschiedlichen Arten der Trauer nicht bewertet werden – auch nicht von aussen.

Anja Niederhauser
ist Gründerin des Zürcher Trauerinstituts und begleitet Menschen professionell durch Verlusterfahrungen. Mit Ruhe, Fachwissen und Empathie spricht sie über Trauer als individuellen Prozess und darüber, was Halt geben kann.








