Ladies Drive Magazine - Gulnaz Partschefeld

Selbstoptimierung – Gulnaz Partschefeld

Idee & Realisation: Sandra-Stella Triebl
Foto: Tomek Gola / www.gola.pro
Make-up: Angela Meleti
Location: Loft@PKZ Women Zürich

Selbstoptimierung – Gulnaz Partschefeld

Idee & Realisation: Sandra-Stella Triebl
Foto: Tomek Gola / www.gola.pro
Make-up: Angela Meleti
Location: Loft@PKZ Women Zürich

Gulnaz Partschefeld portraitiert und interviewt zum Thema "Selbstoptimierung" in der Ausgabe No 58 (Summer 2022).

Dr. Gulnaz Partschefeld

Leiterin Events Office und Lehrbeauftragte, Universität St.Gallen
www.linkedin.com/in/gulnazpartschefeld

Ladies Drive Magazine - Gulnaz Partschefeld
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Optimierung als Kreativprozess

Gott hat den Menschen als sein Abbild geschaffen, so steht es zumindest in der Bibel – leider ist dieses Abbild aber nicht perfekt. Entsprechend streben wir alle nach Optimierung, nach einer Projektion des besseren „Ich“. Früher vor allem in der Erziehung und Bildung mit dem Schwerpunkt auf „Optimierung“ (mit nur wenig „Selbst“-Bestimmung), um Eigenschaften und Fähigkeiten aufzubauen, die eine „bessere“ Person für die Gesellschaft schaffen. Heute wird die Optimierung durch die Person selbst gesteuert und initiiert. Es ist ein guter, bewährter Trend, der über lange Zeit unser Leben auf diesem Planeten bestimmt: Entwicklung, Evolution und Fortschritt gehen mit Selbstoptimierung einher.

Dennoch würde ich den Begriff, aufgeteilt in „Selbst“ und „Optimierung“, heute auch kritisch hinterfragen. In meiner Kindheit, in der ehemaligen Sowjetunion, war das ganze staatliche System darauf ausgerichtet, alles zu optimieren, die Produktivität von Maschine und Mensch zu steigern, einen „besseren“ Menschen zu kreieren. Bei der Selbstoptimierung ist die Richtung falsch gegeben, wenn Leistung und Erfolg die Messlatte sind und Menschen je nach Ergebnis in „winner“ und „loser“ aufgeteilt werden. Ebenfalls grosse Bedenken habe ich, wenn die Selbstoptimierung zum Selbstzweck wird, wenn die Arbeit am Körper und Geist einen derart zentralen Platz im Leben einnimmt, dass die ganze Aussenwelt und die Mitmenschen ausgeblendet werden.

Ich betrachte diesen Prozess ganzheitlich: Nicht nur ich allein, sondern auch mein Umfeld wirkt auf ihn ein und steuert mit. Verbessere ich mich, so leiste ich auch einen kleinen Teil zu Optimierung meiner Familie, meiner Freund:innen, meiner Arbeitsumgebung. Für mich bedeutet der Begriff vor allem, dass ich ständig an mir arbeite, danach strebe, effizienter in dem zu werden, mein mir gegebenes Potenzial weiter auszuschöpfen. Es soll daher zu einem „Optimum“ hinführen, d. h. zum bestmöglichen oder vollkommenen Zustand, den ein Mensch erreichen kann.

Können wir uns kreativ, konstruktiv „optimieren“ im Sinne eines inneren Wachstums?

Nun – ist der Optimierungsprozess nicht per se ein kreativer Prozess? Man arbeitet mit Visionen, passt unterschiedliche Zukunftsbilder an sich an – und kann diese auch ändern, wenn sie den inneren Werten nicht mehr entsprechen. Das oben erwähnte „Optimum“ soll mit dem Wachstum auch mitkommen, und es braucht Kreativität, um nicht starr und verbissen auf das Ziel zuzugehen, sondern auch mal eine Abkürzung zu nehmen, flexibel zu sein. Kreativität verstehe ich in diesem Zusammenhang auch als Zielstrebigkeit mit einer guten Prise Unkonventionalität. Pflanzen wachsen in der Regel ja auch nicht in alle Richtungen, sondern streben nach der Sonne. Und die Sonne bewegt sich, wie die Erde auch.
In meinem Umfeld, in der Öffentlichkeit sehe ich Frauen, die schon viel erreicht haben, aber unter grossem Druck stehen – nicht nur von aussen, aus ihrem Umfeld, sondern auch von innen. Die sich selbst immer weiter zwingen, sich in unterschiedlichen Bereichen zu verbessern. Das scheint mir besonders für eine mittlere Alterskohorte zu gelten. Bei jüngeren und älteren Frauen sehe ich hier mehr Gelassenheit. Die einen können auf eine lange Erfahrung zurückgreifen. Sie wissen, welche Wege sich lohnen, dass nicht alles eine „Action“ braucht, wie man effizient an das Ziel kommt, können loslassen. Und dann die jungen Frauen, die am Anfang ihres Lebensweges stehen. Ich denke, wir haben hier eine neue Generation am Start, die weniger empfänglich für äusseren Druck und stärker auf sich selbst bezogen ist. Und gleichzeitig machen diese jungen Frauen auch mit wenig Lebenserfahrung bewundernswerte Karriereschritte, hören auf sich, vertreten ihre Position und ihre Werte.

Nun stellt sich im Zusammenhang mit Optimierung auch die Frage nach der Authentizität, insbesondere jener, die wir im öffentlichen Raum zeigen. Authentizität ist ein schönes Phänomen, welches das Echte verspricht, aber von konstruierter Natur ist. Soziologe John Urry spricht von „fluid identities“ und der „Verspieltheit“ der modernen Gesellschaft. Wir spielen mit mehreren Identitäten, kreieren auf sozialen Netzwerken ganze Welten und Identitäten, setzen uns in Szene. Ich habe in meiner Dissertation den Authentizitätsbegriff untersucht und auch viel darüber nachgedacht, was dieser konkret für mich bedeutet. Ich würde sagen, dass es sich am besten durch dessen Antipoden – Fake, Kopie – erläutern lasst. Was nicht „fake“ ist, ist authentisch. Authentisch bin ich daher in meiner Reaktion, weil ich offen bin und nicht gegen meine inneren Werte handle. Direktheit kann je nach Situation und Kultur unterschiedliche „Lautstärke“ haben, aber Offenheit sehe ich als Zeichen des Respekts gegenüber den Mitmenschen.

Authentisch zu bleiben ist eine Herausforderung. Wir haben alle Stärken und Schwächen, eine fotogene „Arbeitsseite“ und eine Seite mit einem „Kopfkissenabdruck“. Das müssen wir anerkennen, aber natürlich haben wir es in verschiedenen Kontexten in der Hand, in welche Richtung wir uns drehen, was, wem und wie wir von uns zeigen. Das ist für mich kein Fake, sondern das bewusste Ausschöpfen und Nutzen des Potenzials.

Ich würde gern noch mal meinen Gedanken vom Anfang aufgreifen, den der Optimierung als Selbstzweck. Hier sehe ich in den letzten Jahren eine ganze Industrie, die Menschen in diesem Bestreben unterstützt, sie aber auch immer weiter anspornt – mit Self-tracking-Apps, Instagrammability anstelle der Reality, Statistiken und Reaktionen in Social Media usw. Ich spiele auch mit. Und doch scheint mir das ein Irrweg eines eigentlich sinnvollen und durch und durch menschlichen Bestrebens zu sein. Optimierung – ja, aber nicht um jeden Preis, nicht als Selbstzweck und nicht als Geschäftsmodell.


Weitere Artikel in der Foto-Serie „Selbstoptimierung“:

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