Es gibt für alles ein erstes Mal. Ich gestehe: In meiner fast 40-jährigen Karriere als Autojournalistin bin ich tatsächlich noch nie einen Lamborghini gefahren. An einem superheissen Frühlingstag diesen Mai ist es so weit: Ein Temerario steht parat. Auf dem Hungaroring, dort, wo jeweils auch ein F1-Grand Prix stattfindet.


Wir haben die Rennstrecke ganz für uns und starten in kleinen Gruppen, nur jeweils drei oder vier Autos auf dem 4,381 Kilometer langen Track, was maximalen Fahrspass garantiert. Allerdings bin ich nicht gekommen, um Rundenrekorde zu brechen. Das Erleben des Autos, ein Gefühl für so eine Maschine zu bekommen und auch ein bisschen die exklusive Gelegenheit, auf so einem wunderschönen Ring fahren zu dürfen, stehen bei mir im Vordergrund.

Ohrenbetäubende Ingenieurskunst
Es zeugt von grossem Selbstbewusstsein, heutzutage als Automobilfirma noch einen V8-Biturbo völlig neu aufzubauen, wo alle auf elektrische Antriebe gepolt sind. Allerdings gilt auch der Temerario als Lamborghini mit Hybridantrieb, weil der Doppelturbo von drei Elektromotoren unterstützt wird. Die Kombination hat zur Folge, dass der Temerario über eine fliessende Progression verfügt und bis zu 10'000 Umdrehungen pro Minute liefert. Das ist ein Topwert für Strassenwagen, nur noch übertroffen von einer Handvoll Hypercars wie dem Aston Martin Valkyrie oder dem Mercedes-AMG One. Warum man das braucht? Man braucht es nicht. Und kann es als Normalfahrerin auch überhaupt nicht ausfahren. Es ist eine Demonstration der Ingenieurskunst, laut, im oberen Bereich kreischend und erzeugt lediglich Rennfeeling. Und für Aussenstehende, an denen so ein Auto auf den normalen Strassen vorbeirast, nervig (sogenannte Poser finden das super und interessieren sich auch nie für die Bussen, die sie kassieren, wenn sie beim unnötigen Verursachen von Lärm ertappt werden).

Bequemer Sportwagen
Der Temerario sieht so schnell aus, wie er fahren kann – als Höchstgeschwindigkeit werden 343 km/h angegeben – und gefällt optisch eigentlich ganz gut, weil er nicht angeberisch wirkt. Er hat eine elegante Linie, ist nur knapp über 1,20 Meter hoch und rund 4,71 Meter lang. Man gleitet problemlos in den Sitz, der zwar sportlich geformt ist, also eine gute Seitenführung hat, aber trotzdem bequem ist. Schliesslich soll man sich in dem Auto auch nach 100 Kilometern noch wohlfühlen. Das Cockpit ist wohltuend reduziert und einigermassen aufgeräumt, an Lenkräder mit diversen Funktionsknöpfen hat man sich inzwischen auch gewöhnt. Das Lenkrad hat natürlich Schaltwippen, die dann Spass machen, wenn man im Racingmodus unterwegs ist. Im «normalen» Leben und Fahrmodus vertraue ich auf die 8-Gang-Automatik, die auch schön fliessend ihren Dienst tut.
Mut zum Bremsen
Nach zwei, drei Runden auf dem Hungaroring bekommt man mehr Selbstvertrauen in dem Auto und nutzt die langen Geraden, um schnell und schneller zu fahren. Eindrücklich sind die Bremsen, die man auf so einem Kurs natürlich verstärkt einsetzen muss und die dann ihren Dienst am besten tun, wenn man mit voller Wucht drauftritt. Das braucht immer wieder Mut und gehört zu den wichtigsten Er-Fahrungen, die man in Driving-Experiences mit Instruktoren machen kann. Anfangs hat man Angst, das Auto bricht aus. Aber einer wie der Temerario saugt sich an der Strecke fest und man muss schon irrsinnig dumm tun und das Lenkrad verreissen, um das Auto über die Streckenbegrenzung hinauszutragen. Der Instruktor, der neben mir sitzt und ohne den keiner von uns fahren darf – aus Sicherheitsgründen trägt man auf so einer Rennstreckensession sogar einen Helm – ist nicht zufrieden. Er findet, ich könne schneller beschleunigen, später bremsen und mehr Ideallinie fahren. Ich will aber gar nicht wie eine Rennfahrerin tun und werde auch nie in die Lage kommen, mir einen Temerario zu leisten und damit womöglich an irgendwelchen Clubrennen teilzunehmen. Das ist gar nicht mein erklärtes Ziel. Hier und heute möchte ich einfach nur wissen, wie es sich anfühlt, so ein Hypercar in geschütztem Rahmen an meine persönlichen Grenzen zu bringen.
Kundensport im Fokus
Lamborghini hat ein internationales Klientel, das gerne Clubrennen bestreitet. Und auch sonst Rennstrecken frequentiert. Der Temerario wurde gebaut, um seinen Vorgänger Huracán abzulösen, mit dem bisher semi- und vollprofessionelle Rennen gefahren wurden. Ab 2027 soll der Temerario GT3, die weiterentwickelte Rennversion des Strassenfahrzeugs, im offiziellen Markenpokal von Lamborghini, in der Lamborghini Super Trofeo, eingesetzt werden. Kundensport vom Feinsten.
Ziemlich viele Fahrmodi
Ich stelle den Temerario nach einigen Runden leicht durchgeschwitzt – also ich, das Auto ist mit mir nicht wirklich an seine Grenzen gekommen – ab und verzichte auch auf die Selbsterfahrung der Launch Control. Der Wagen hat einen Knopf mit einer Rennflagge drauf. Den drückt man zwei Sekunden und aktiviert damit die Launch Control, um das maximale Potenzial beim Anfahren aus dem Stand auszuschöpfen. Blitzstart sozusagen. Braucht man im Alltag auch nicht, oder höchstens, um andere Wichtigtuer an der Ampel abzuhängen. Ansonsten hat man 13 (!) Fahrmodi zur Verfügung, die von Città für moderaten Stadtverkehr über Strada (auf Autobahnen gut), Sport (könnte man auf Bergtouren nutzen) bis hin zu den Rennmodi Corsa und Corsa Plus reichen. Zudem kann man Recharge, Hybrid und Perfomance wählen, um die Elektrobatterie entsprechend zu nutzen respektive aufzuladen. Und kann diese drei Fahrmodi mit den vorherigen kombinieren. Was in welcher Kombination besser oder weniger gut ist, liess sich in ein paar Stunden nicht austesten. Ich hatte damit zu tun, das Auto überhaupt zu begreifen.
Fazit: Auch wenn das ein sehr bequemes und erstaunlich geräumiges Hypercar ist mit einem Frunk, in den zwei Kabinentrolleys passen, wäre auch bei vorhandenem Budget der Temarario nicht mein Traumauto für alle Tage. Auf die Rennstrecke würde ich diesem jederzeit wieder und gerne auch mal mit einem GT3 gehen, die Performance des Autos ist beeindruckend, auch für einen Laien.
Lamborghini bietet praktisch unendliche Personalisierungsmöglichkeiten und ein «Alleggerita»-Paket an, das ist das Fahrzeug als Leichtgewicht-Variante und somit für Rennerfahrungen gedacht. Die Basisvariante des Temerario kostet CHF 298'300. Der silbergraue – die Farbe heisst Grigio Nimbus –, den ich pilotieren durfte, hatte diverse Extras wie ein in Schwarz lackiertes Dach für CHF 11'500, das «Parking Pack» mit erweiterter Rundumsicht für CHF 4'200 und ‘zig Karbon-Details für etliche tausend Franken. Am Ende summiert sich genau dieses Auto auf CHF 395'700. Sondermodelle wie den Temerario Tricolore in Weiss gibt es auch schon, die Preise dafür bekommt man auf Anfrage.
















