Beim vollelektrischen Polestar 4 ist genau der Umstand, dass etwas fehlt, auf den ersten Blick das Auffälligste. Statt durch eine klassische Heckscheibe blickt man über eine Kamera nach hinten. Gewöhnungsbedürftig? Definitiv. Die Ladies Drive-Redaktion hat den Polestar 4 Long Range Dual Motor mit Performance-Paket getestet – mit 544 PS, Allradantrieb und einigen Überraschungen.
Der erste Eindruck
Klare Linien, wenig Schnickschnack und viel skandinavischer Minimalismus prägen die Designsprache von Polestar. Mit 4,84 Metern Länge ist der Polestar 4 alles andere als klein; durch seine flache Silhouette wirkt er aber stromlinienförmig schlank im Vergleich zu seinen Mitbewerbern im gleichen Segment. Polestar selbst spricht von einem SUV-Coupé. Tatsächlich bewegt er sich irgendwo zwischen Limousine, Coupé und SUV. Und dann ist da natürlich das Heck. Denn wo normalerweise eine Scheibe sitzt, ist beim Polestar 4 schlicht Karosserie.

Die Sicht nach hinten übernimmt eine Kamera auf dem Dach, deren Bild auf den digitalen Innenspiegel übertragen wird. Genau das beschäftigt mich auf den ersten Kilometern mehr als alles andere. Mein Blick wandert automatisch in den Rückspiegel und erwartet ein Spiegelbild. Stattdessen sehe ich einen Bildschirm. Zusammen mit dem reduzierten Cockpit und dem grossen Display in der Mitte fühlt man sich anfangs fast ein wenig wie in einer Raumschiffkapsel. Entfernungen wirken zunächst anders und auch die Augen müssen sich kurz umgewöhnen. Nach einer Weile funktioniert das erstaunlich gut.

Was fehlt, schafft Platz
Der Verzicht auf die Heckscheibe ist allerdings nicht einfach nur ein Design-Gag. Dadurch konnte das Dach weiter nach hinten gezogen werden. Davon profitieren vor allem die Passagiere im Fond. Und tatsächlich überrascht der Polestar 4 dort mit sehr grosszügigen Platzverhältnissen. Bei knapp drei Metern Radstand bleibt auch im Fond reichlich Beinfreiheit, während das grosse Panoramadach viel Licht ins Fahrzeug bringt. Von Platzangst also keine Spur. Auch das Innendesign trägt dazu bei, dass man sich wohlfühlt. Mit seiner reduzierten Gestaltung und den angenehmen Materialien erinnert der Innenraum ein wenig an eine moderne Lounge.

Minimalismus auch bei der Bedienung
Die reduzierte Gestaltung setzt sich bei der Bedienung fort. Fast alles wird über den grossen zentralen Bildschirm gesteuert, echte Knöpfe oder Tasten, wie man das früher kannte, gibt es entsprechend wenige. Das wirkt aufgeräumt, braucht zu Beginn aber etwas Eingewöhnung, um rauszufinden, wo sich was einstellen lässt. Das waren noch Zeiten, als man einen einfachen Knopf hatte. Ein. Aus. Ein Knopf. Eine Funktion. Heute ist das extrem viel komplexer. Das Infotainment basiert auf Android Automotive, Google Maps ist direkt integriert. Insgesamt ist die Bedienung aber für Digital Natives übersichtlich und intuitiv.
544 PS treffen auf skandinavische Zurückhaltung
Die Zahlen passen zunächst gar nicht so recht zum zurückhaltenden Auftritt: 544 PS, Allradantrieb und eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,8 Sekunden. Im urbanen Alltag entfaltet unser Testwagen seine Leistung nicht mal im Ansatz. Aber sobald die Strasse frei wird und man etwas beherzter aufs Pedal tritt, zeigt der Polestar 4, was in ihm steckt. Die Beschleunigung ist unmittelbar und ziemlich beeindruckend – gerade weil das Auto optisch so wenig Aufhebens um seine Leistung macht. Es ist genau dieser Kontrast, der den Polestar 4 interessant macht: aussen skandinavische Zurückhaltung, innen viel Komfort und unter dem Strompedal deutlich mehr Leistung, als man im Alltag jemals brauchen dürfte.
Wir fuhren mit dem Polestar nach Italien. Dabei überraschte uns die prima Infrastruktur im südlichen Nachbarland. Beim Fahrverhalten fiel uns in den doch sehr zahlreichen, engen Autobahnkurven auf dem Weg an die italienische Riviera auf, dass der Polestar 4 zwar geschmeidig unterwegs ist, aber für unseren Geschmack etwas satter auf der Strasse liegen könnte. Zwar lassen sich die elektronisch geregelten Stossdämpfer etwas straffer einstellen – aber ein sattes Gefühl auf der Strasse geht damit nicht automatisch einher. Das Fahrgefühl lässt sich als eher schwebend beschreiben. Die Fahrwerksabstimmung ist indessen bei schön lang gezogenen Kurven oder beim Cruisen nahezu makellos.
Design-Highlights
Beim Polestar 4 werden teilweise altbekannte Luxusmaterialien durch Textilien ersetzt – als Ausdruck einer neuen Idee davon, was Premium sein soll. Statt Holz- und Metallleisten verwendet Polestar ein sehr feines technisches Mesh-Gewebe an den Türen und auf dem Armaturenbrett, das auch beleuchtet wird. Oder die passgenau gestrickten Sitzbezüge aus 89 Prozent rezykliertem PET. Wer hingegen Leder-Fan ist, kann bei Polestar chromfreies und rückverfolgbares Nappaleder wählen. Der Polestar-Luxus definiert sich also weniger über Leder und Chrom als über Texturen, Lichtspiele und das Weglassen.
Das Fazit
Was zu Beginn der Testfahrt noch ungewohnt erscheint, rückt nach einigen Kilometern erstaunlich schnell in den Hintergrund. Für uns bleibt die Kameralösung anstelle der Heckscheibe trotzdem Geschmackssache. Ein klassischer Spiegel vermittelt ein unmittelbareres Gefühl für das Geschehen hinter dem Fahrzeug. Gleichzeitig hat die Kamera einen klaren Vorteil: Köpfe, Gepäck oder Mitfahrende können die Sicht nach hinten nicht blockieren.
Und abgesehen von praktischen Betrachtungsweisen ist das Weglassen der Heckscheibe in Bezug auf das Design ein mutiger Schritt, der alles Bisherige zu überdenken wagt. Was zunächst irritiert, fasziniert, je länger man sich damit beschäftigt und die Konsequenz daraus betrachtet: aussen ein flaches SUV-Coupé und innen ein Business-Class-Sitz, in dem man sich wie in einem Kokon einigeln kann. Das hat was!

Die wichtigsten Eckdaten unseres Testwagens:
Polestar 4 Long Range Dual Motor mit Performance-Paket
Antrieb: Dual-Motor-Allradantrieb
Leistung: 544 PS / 400 kW
Batterie: 100 kWh
Reichweite: bis zu 500 km (WLTP)
Beschleunigung:
0–100 km/h in 3,8 Sekunden
DC-Laden: bis zu 200 kW
www.polestar.com












