Monate später meldeten sich die Organisatorinnen wieder. Ich stand mit meiner Tasse Tee am Schreibtisch und öffnete die E-Mail eher beiläufig. Der Workshop war fast ausgebucht. Und mit jedem Satz wurde mir klarer, worauf ich mich eingelassen hatte – und plötzlich war sie da. Die Panik.
Auf einmal wurde mir bewusst, wer dort vor mir sitzen würde: Frauen aus der europäischen Energiebranche. Ingenieurinnen, Analystinnen, Führungskräfte. Frauen wie ich selbst vor zehn Jahren. Frauen, die gelernt hatten, nur das ernst zu nehmen, was sich messen, berechnen oder beweisen lässt. Ich wusste genau, was manche denken würden, wenn sie den Begriff Personal Energy Management hörten. Ich hatte früher genauso gedacht.
Für einen kurzen Moment wollte ich alles absagen. Nicht, weil ich nicht vorbereitet gewesen wäre. Sondern weil ich mir eine Geschichte erzählte. Eine Geschichte darüber, wie skeptisch die Teilnehmerinnen sein würden. Wie sie die Augen verdrehen würden. Wie niemand mitmachen würde. Und ich mich total blamieren würde. Es ist immer wieder erstaunlich, wie überzeugend unser Kopf sein kann, obwohl noch gar nichts passiert ist.
Wenn die Realität unsere Geschichten widerlegt
Der Workshop verlief dann völlig anders, als ich ihn mir ausgemalt hatte. Die Frauen hörten aufmerksam zu und stellten Fragen. Sie machten die Übungen und erzählten offen von ihren Erfahrungen damit. Es war so viel besser, als ich erwartet hatte. Und gemeinsam haben wir so viel mehr Energie erzeugt. Und danach, als ich beim Zusammenpacken war, kam eine Teilnehmerin auf mich zu und sprach mich an: „Am Anfang war ich sehr skeptisch. Aber nach zehn Minuten hat es plötzlich klick gemacht. Du hast genau beschrieben, was ich schon lange fühle, aber nie richtig einordnen konnte. Ich möchte mit dir zusammenarbeiten.“
Ich war so überrascht, dass ich im ersten Moment gar nichts sagen konnte. Das kam so unerwartet. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Vor allem nach all der Angst und den Zweifeln, die ich davor hatte.
Und genau darin lag das Glück. Nicht in der Anfrage. Nicht im Workshop. Nicht einmal in der möglichen Zusammenarbeit. Sondern in diesem einen unerwarteten Moment, der all die Geschichten widerlegte, die ich mir vorher erzählt hatte. Es war die Freude darüber, dass es genau das Richtige für die Teilnehmerinnen gewesen ist. Und später, als ich auf dem Rückweg war, habe ich mir vorgenommen, dass ich diesen Moment für mich festhalten möchte. Damit ich mich immer daran erinnern kann.
Warum wir Glück so schlecht speichern
Seit diesem Tag beschäftigt mich eine entscheidende Frage: „Warum erinnern wir uns so viel einfacher an unsere Misserfolge als an unsere Glücksmomente?“ Die meisten von uns können sofort von einer Situation erzählen, in der sie sich blamiert haben, abgelehnt wurden oder an sich gezweifelt haben. Diese Erinnerungen bleiben erstaunlich hartnäckig.
Aber die kleinen Momente, in denen etwas gelingt, in denen wir jemanden berühren oder über uns hinauswachsen, verschwinden oft viel zu schnell. Dabei sind gerade sie die Momente, die uns zeigen, wer wir wirklich sind. Sie erinnern uns daran, dass wir mutiger sind, als wir denken. Dass unsere Zweifel eben nicht immer recht haben. Vielleicht brauchen wir deshalb gar nicht mehr Selbstvertrauen. Vielleicht brauchen wir einfach ein besseres Gedächtnis für Glück.
Seit diesem Tag versuche ich, solche Momente bewusst festzuhalten. Das hat ganz viel in meinem Leben verändert. Es lohnt sich, beim nächsten unerwarteten Glücksmoment nicht sofort weiterzugehen. Nicht gleich mit dem Alltag weiterzumachen. Sondern:
- Halte einen Moment inne.
- Schliess für einen Augenblick die Augen und nimm bewusst wahr, was gerade passiert.
- Wo spürst du dieses Gefühl im Körper? Wie fühlen sich das Glück und die Freude an? Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf?
- Verbinde diesen Moment mit einem kleinen Anker. Vielleicht drückst du Daumen und Zeigefinger zusammen. Vielleicht legst du eine Hand auf dein Herz. Vielleicht atmest du einfach einmal ganz bewusst ein.
Es spielt keine Rolle, wie dieser Anker aussieht. Wichtig ist nur, dass dein Gehirn diesen Glücksmoment abspeichert. Denn der nächste Tag voller Zweifel kommt bestimmt. Wenn ein Gespräch nicht so läuft wie geplant oder ein Projekt scheitert. Oder jemand deine Idee kritisiert, von der du gerade so begeistert bist. Und genau dann kannst du diesen Anker wieder aktivieren. Nicht, um in Erinnerungen zu schwelgen, sondern um dich daran zu erinnern, dass auch diese andere Wahrheit existiert. Dass das Glück präsent ist und du es jederzeit abrufen kannst.
Vielleicht ist Glück gar kein Zufall
Vielleicht besteht Glück gar nicht aus den grossen Ereignissen, auf die wir jahrelang warten. Vielleicht sind es diese kurzen Augenblicke, in denen wir überrascht werden. Von einer Begegnung. Von einem Satz. Von uns selbst. Wir können sie nicht planen. Vielleicht müssen wir nur lernen, die vielen kleinen besonderen Momente wahrzunehmen, die längst da sind.










