Dass sich das Berner Kaufhaus Loeb erfolgreich im heutigen volatilen Markt halten kann, ist ihrer Unternehmenskultur und ihrem Mut zu Veränderungen geschuldet.

Nicole Loeb bittet mich im Stammhaus der Familie Loeb in einen Raum, den sie besonders gerne hat. Es ist nicht ihr Büro, das sei viel zu unaufgeräumt, entschuldigt sie. Es ist eine Art Besprechungs- und Aufenthaltsraum, in dem sich drei Kunstwerke befinden, die ihre Vorfahren zeigen, die das 1881 gegründete Warenhaus geführt haben: zwei Ölgemälde und eine Bronzeskulptur. „Ururgrossvater David Loeb, Urgrossvater Eugen Loeb und sein Sohn Victor“, zählt Nicole Loeb auf. Ihr Vater François lebt noch, darum ist er hier noch nicht verewigt – und er hasse solche Ahnengalerien per se … Sie selbst führt das Haus als Delegierte des Verwaltungsrats der Loeb Holding in fünfter Generation. „Ich hatte eigentlich nicht vor, das zu machen“, gibt die 59-Jährige offenherzig zu.
Gestalterin der eigenen Zukunft
Nicole Loeb kam in Kanada auf die Welt, wo der Vater damals eine Arbeitsstelle hatte. Die Familie – Nicole hat noch einen fünf Jahre jüngeren Bruder – zog irgendwann zurück nach Zürich, wo der Vater arbeitete, bis sein Vater starb. „Es erging ihm ähnlich wie mir“, rekapituliert Nicole. „Die Frage stand im Raum: Wer macht’s?“ Nur dass es bei ihr nicht um eine Nachfolge aufgrund eines Todesfalls ging. Um zu verstehen, warum Nicole wann wie entschieden hat, ein kurzer chronologischer Abriss. Nicole liess sich an der Kunstgewerbeschule zur Dekorateurin ausbilden; heute heisst der Beruf Polydesignerin 3D. „Kreativität war in der Schule meine Stärke“, macht sie klar. „Auch mein Grossvater und mein Vater waren für ihre kreativen Ideen bekannt. Mein Grossvater hat das mit den wunderschönen Schaufensterdekorationen bei Loeb begonnen.“ Sie machte ein Praktikum bei Globus in Zürich, merkte aber, dass Dekorateurin nicht ihre eigentliche Lebensaufgabe werden würde. Sie holte ein Handelsdiplom nach und machte eine Ausbildung zur Textilbetriebswirtin an der LDT Nagold – Akademie für Fashion Management. Später führte sie ihr Weg nach Düsseldorf zu Peek & Cloppenburg. Ins familieneigene Unternehmen einzusteigen, kam ihr zu dieser Zeit nicht in den Sinn. Sie dachte immer, das würde dereinst ihr Bruder machen, der ein klassisches BWL-Studium absolviert hatte.


Macherin mit klarem Geist
Dann kam der Anruf vom damaligen CEO von Loeb: Er hätte im Haus eine Stelle als Leiterin Textil frei – ob sie sich das nicht vorstellen könnte. Sie konnte, kam nach Bern und arbeitete zwei Jahre auf dieser Position. Das erste Mädchen wurde geboren: „Ich habe meinen Beruf nicht aufgegeben“, erzählt Nicole. Mit dem ersten Kind habe man noch alles Mögliche ausprobiert, Jobsharing zum Beispiel. Mit der zweiten Tochter machte sie dann eine längere Pause. Aber nach der Jahrtausendwende geriet Loeb etwas in Schieflage, der Vater hatte sich immer mehr zurückgezogen und diverse externe CEOs hatten sich erfolglos an einer effizienten Strategie für die Zukunftsfähigkeit von Loeb versucht. „Es war eigentlich eine Strategiekrise“, beschreibt Nicole den Zustand, in dem sie ins Spiel kam. „Der Verwaltungsrat war der Meinung, jetzt müsse jemand aus der Familie das Unternehmen weiterführen. Aber mein Bruder, der zwar im Unternehmen arbeitete, sich aber als Controller sehr wohl fühlte, wollte nicht“, skizziert sie den Ablauf. Nicole überlegte lange, sprach mit ihrem Mann und entschied für sich, dass es eine unglaubliche Chance, ja ein Glück sei, so ein Unternehmen mit so einer Verwurzelung und so einem Namen weiterführen und -entwickeln zu dürfen. Sie sagte zu.
Sehen, was wirklich wichtig ist
Das Portfolio der Aufgaben, die vor ihr lagen, sah rückblickend riesig aus und barg auch einige schwierige Entscheidungen. „Ich habe den kompletten Verwaltungsrat ausgetauscht“, bekennt sie, „und meinem Vater, der ganz Patron der alten Schule selbst noch gerne im Laden stand, beigebracht, dass er aus allen Gremien rausmuss.“ Hat er ihr das verziehen? „Ja“, kommt die deutliche Antwort. „Ich muss ihm auch ein Kompliment dafür machen, dass er meine Entscheidungen rundum akzeptierte und mich hat machen lassen.“ Fragen konnte und kann sie ihn immer; sie bezeichnet auch das als Glück, den väterlichen Erfahrungsschatz abrufen zu dürfen. Es gab auch Krisensitzungen, sie investierte viel Geld in neue Ideen, aber nicht alles, was sie sich vorgestellt hatte, klappte sofort. „Es ist immer etwas“, weiss Nicole. „9/11, dann die Finanzkrise, der Frankenschock und schliesslich Corona, als ich zum ersten Mal wirklich an meine Grenzen gestossen bin.“
Zauberwort Retailtainment
Loeb ist ständig in Transformation, ohne die angestammten Werte abzuwerfen. Nicole Loeb und ihr Team setzen auf Retailtainment, eine Mischung aus Verkaufsfläche, Unterhaltung, Wohlfühloasen und innovativen Konzepten. Geht man durchs Haus in Bern, hat man das Gefühl, den ganzen Tag dort verbringen zu können. Auch ohne etwas käuflich erwerben zu müssen. Es gibt einen Workspace mit einer Kaffeestation und einer Leinwand, auf der aktuelle Sendungen laufen, den Kinderhort Jumpy’s Spielzimmer – kostenpflichtig, wenn man nichts kauft –, ein Stillzimmer und ein Spielparadies, ein Nähkaffee, wo man selbst zum Beispiel Textilien reparieren kann. Ausserdem einen LOEB Classroom, wo immer etwas läuft, wie zum Beispiel Yoga oder Talks, und eine sehr gut ausgebuchte Eventküche. Alles, um die Kunden ins Haus zu bekommen und sie sich dort so wohlfühlen zu lassen, dass sie gerne wiederkommen.
Natürlich hat man bei Loeb auch über einen umfassenden Online-Shop nachgedacht. Hat aber beschlossen, dass dieser allein zu viel Aufwand für relativ wenig Revenue bedeuten würde. Und sich für eine Partnerschaft mit Zalando Connected Retail entschieden. Ausgesuchte Produkte bekommt man zudem über die Dependance Maggs, einen Concept-Store für Premium-Marken. Reawake ist hier zum Beispiel eingemietet – ein weiteres tolles Konzept aus unserer Business Sisterhood.

Den Ausgleich schaffen
Wenn sie das alles so erzählt, in kurzer Zeit, komprimiert, muss sich selbst Nicole wundern, wie sie das alles geschafft hat. Zeitweilig unter Riesenstress, zum Beispiel während Corona und als Mutter zweier Töchter. „Für mich war die Familie ein Glück“, strahlt Nicole. „Die Kinder haben mir geholfen, zu Hause abzuschalten. Ich hatte gar keine Zeit, Gedanken übers Geschäft zu wälzen, es gab einfach eine Routine. Ich konnte unbeschwert mit der Familie den Abend verbringen, morgens ging es dann im Büro wieder um die Arbeit.“
Und Sport. Früher ging sie gerne joggen, heute hat sie Knieprobleme und ist eine begeisterte Yogini: „Bei der Yogapraxis geht mir immer das Herz auf.“ Sie widmet sich einer sportlichen Yogapraxis, um so fit zu bleiben, wie sie zweifelsohne heute aussieht. Ablenkung findet sie auch in den Ferien, obwohl Reisen, egal wohin, auch immer damit verbunden sind, nach innovativen Ideen in lokalen Warenhäusern oder Einkaufszentren zu suchen. Sie geht sogar mit ihrem Führungsteam zwei- bis dreimal pro Jahr explizit auf Erkundungsreisen in Städte, um sich Ideen anzuschauen und sie eventuell im eigenen Haus zu implementieren.
Eine private Reise nach Thailand hat sie kürzlich sehr inspiriert: „Wir waren in einem Einkaufszentrum der Central Group, die heute 60 Prozent der Selfridges Group hält. Die Kultur fand ich sehr schön, diese Gastfreundschaft. Davon kann man sich eine Scheibe abschneiden: wie sie die Wünsche der Kunden antizipieren.“ Die übrigen 40 Prozent der Selfridges Group werden vom saudi-arabischen Public Investment Fund gehalten.
Sich den Fehlern stellen
Es klingt ein wenig wie ein Märchen, die Geschichte von Nicole Loeb. Und da wir eine offene Community sind, in der man auch von den weniger erfolgreichen Momenten lernen darf, muss man ihr die Frage stellen, ob sie jemals Fehler gemacht hat. „Ich habe auch mal Fehlentscheidungen getroffen“, gibt sie direkt zu. „Wir haben falsche Annahmen gemacht, expandiert und dann kam der Frankenschock und nichts lief mehr, wie es geplant war.“
In solchen Momenten stellt sie sich den Fehlern, diskutiert auch Kritik aus den eigenen Reihen, ist offen für Inputs aus allen Abteilungen des Hauses. Lässt sich auch mal überzeugen, wenn „anders“ gut ist. Letztendlich aber entscheidet sie. Sie ist Nicole Loeb, sie ist die fünfte Generation, die das Haus erfolgreich im Jetzt und in die Zukunft führt.










