Jacqueline Fritschi-Cornaz: Das innere Licht

Interview: Sandra-Stella Triebl

Ladies Drive No 67. Jacqueline Fritschi-Cornaz: Das innere Licht
Ladies Drive No. 69 Cover: Die Macht & Magie emotionaler Worte

Was Jacqueline Fritschi-Cornaz zum Strahlen bringt

Jacqueline ist Mutter Teresa. Oder Coco Chanel. Sie ist eine bekannte Film- und Theaterschauspielerin der Schweiz, die nie auf die ganz grosse Kinobühne wollte und es nun doch geschafft hat, und dies in einem Alter, wo andere meist über zu wenig Rollenangebote klagen. In einem Metier, wo es häufig um Sein und Schein geht, ist sie ein kleiner, leuchtender Stern. Wenn wir in dieser Ausgabe davon sprechen, dass die Jugend den Nordstern für die ganze Gesellschaft darstellt und dass Jugendlichkeit immer fliessender über die Generationen hinweghüpft, dann sollten wir dieser Frau einmal ganz genau zuhören.

Ladies Drive: Was bewegt dich zurzeit am meisten?

Jacqueline Fritschi-Cornaz: Immer noch der schweizerisch-indisch-britische Film „Mother Teresa & Me“ von Kamal Musale.

Ladies Drive No 67. Jacqueline Fritschi-Cornaz als Mutter Teresa
Jacqueline Fritschi-Cornaz spielt im Film «Mother Teresa and Me» die katholische Heilige und Friedensnobelpreisträgerin.

Es ist eine unglaubliche Freude, dass dieses Herzensprojekt bereits in 20 Ländern in den Kinos läuft. Stell dir vor – es war eine 15-jährige Reise, dieses visionäre Projekt, welches es in dieser Form noch nie gegeben hat, zu realisieren. Von der Initiative über das weltweite Fundraising, die Produktion und den Vertrieb; eine Monsterarbeit im Teamwork. Und der gesamte Filmerlös kommt NGOs zugute, welche ärmste Kinder in ihrer Ausbildung und Gesundheit fördern. Hinter diesem Film steht die Stiftung Zariya Foundation, welche das Ziel verfolgt, Menschen weltweit zu inspirieren, sich in ihrem eigenen Umfeld für Respekt, Toleranz und Liebe einzusetzen – über alle Religionen, Kulturen und Gesellschaftsschichten hinweg. Gerade in einer Welt, die wieder voller Konflikte und Kriege ist, können wir im persönlichen Lebensbereich ganz viel bewegen und auch anderen Mut machen, als Individuen etwas Gutes zu bewirken. Wie Mutter Teresa gesagt hat: Wir müssen ins Tun kommen, die Liebe ins Handeln bringen, damit überhaupt etwas passieren kann. Letztes Jahr durften wir in New York am Hauptsitz der Vereinten Nationen die US-Premiere feiern. Parallel lief der Film in über 700 US-Kinos. In der Schweiz ist der Film nach dem Kinorelease nun über Swisscom Blue verfügbar. Swisscom zahlt den gesamten Erlös in die Stiftung ein, was grossartig ist.

Und was steht nun an für dich?

Nun, ich hab wieder etwas Luft bekommen und auch Lust auf eine neue Rolle und habe mich gefragt, welche Frauenfigur ich als Schauspielerin erneut nicht nur als Mythos, sondern als umfassende Persönlichkeit mit all ihren Facetten darstellen könnte. Frauen werden ja oft „nur“ als Idole dargestellt, so wie auch Mutter Teresa.

Und für welches weibliche Idol hast du dich entschieden?

Für Coco Chanel, weil sie so viele Facetten hat, die man nicht kennt. Sie war zum Beispiel eine grosse Mäzenin. Sie hat Stravinsky mit der ganzen Familie in ihrer Villa aufgenommen und ihm mit heute umgerechnet 400.000 Euro die Überarbeitung des „Sacre du Printemps“ finanziert. Sie war revolutionär in ihrer Mode und hatte unter anderem im Ritz eine Suite – nun muss man wissen: Das Ritz war während des Zweiten Weltkrieges das Hauptquartier der Nazis. Über ihre Beziehung mit Freiherr Hans Günther von Dincklage liess sie sich auch als ­Spionin einspannen, um u. a. ihren Neffen aus einem deutschen Gefängnis zu befreien. Nach ihrer Verhaftung, aus welcher sie nur dank ihrer Freundschaft zu Winston Churchill freikam, lebte sie neun Jahre in Lausanne. Aus der Recherche habe ich insgesamt fünf spannende und unterhaltsame Szenen entwickelt, welche ich nun auf die Theaterbühne bringe – darunter im Belvoirpark in Zürich. Das wird grossartig! Wir kombinieren das Theater mit einer kleinen Ausstellung und einem Dinner. Das Publikum soll sich zu Gast fühlen in einer Villa von Coco Chanel oder in der Halle des Ritz. Das Fünf-Gang-Menü wird vom Küchenchef passend zum Stück in Szene gesetzt.

Wow – das klingt spannend. Sag – was treibt dich an?

Ich habe mit fünf Jahren im Kinderballett die Bühne und das Spielen entdeckt. Da habe ich das erste Mal gespürt, dass ich mich wie ein Instrument fühle, ein Kanal, über welchen ich Menschen erreiche und etwas weiterzugeben vermag. Dies hat mich tief erfüllt. Wenn es mir gelingt, das Publikum zu berühren, es zu inspirieren, zu motivieren, selbst zu reflektieren, ist das ein Geschenk für mich.

Wie schwierig ist es für eine Schweizer Schauspielerin, auch eine internationale Karriere zu machen?

Grosse Karrieren sind selten. Es ist sehr schwierig. Dies war für mich aber nie ein primäres Ziel. Ich habe schnell bemerkt, dass ich glücklicher bin, gemeinsam mit anderen eine eigene Produktion auf die Beine zu stellen, hinter welcher ich stehen kann, anstatt zu warten, bis ich „entdeckt“ werde. Wir waren z. B. ein grossartiges Team bei „Mother Teresa & Me“, und ich empfinde es als Glück und Privileg, dass es uns gelungen ist, diesen Film zu realisieren und damit einen internationalen Erfolg zu feiern. Super, dass wir dadurch viele Menschen erreichen. Aber für mich sind auch ganz kleine Produktionen echte Herzensprojekte. Es geht mir nicht um den internationalen Erfolg. Dass das passieren durfte, ist fantastisch, und das hilft mir jetzt sicher auch auf meinem weiteren Weg. Aber ich habe nie auf etwas gewartet. Wenn du wartest, bist du nur frustriert.

Wie gehst du damit um, dass so vieles im Leben an Jugendlichkeit ausgerichtet ist? 60 ist das neue 40. Wie siehst du das?

Ich bin eine Ästhetin. Natürlich ist es mir wichtig, dass ich meine Persönlichkeit zum Strahlen bringen kann. Aber ich habe wirklich keine Zeit, mich dauernd vor den Spiegel zu stellen und meine Falten zu zählen. Ich freue mich jeden Tag über die Möglichkeit, in einem Beruf zu arbeiten, über welchen ich andere unterhalten und anregen kann, wo ich in eine Rolle schlüpfen darf oder mit anderen ein Projekt aufbaue, das etwas bewirkt. Ich habe in meinem persönlichen Umfeld zudem Menschen, bei welchen ich diesem Druck nicht ausgesetzt bin, wo ich als Jacqueline wahrgenommen werde. Hier kann ich ich selbst sein. Und ich bin in einer Partnerschaft mit meinem Mann, mit dem ich eine erfüllte Zweisamkeit erleben darf und ein spannendes Leben lebe. Dafür bin ich sehr dankbar.

Superschön, das zu hören! Aber ich verstehe, dass viele den Druck spüren, frisch aussehen zu müssen, damit man ihnen weiterhin auch im Job viel zutraut.

Ja, natürlich, das verstehe ich auch. Ich bin 62 Jahre alt – und spiele Coco Chanel in verschiedenen Lebensphasen. Auch das geht – Make-up und Perücke sei Dank! In meinem Job darf ich etwas ausleben, was man als Managerin zum Beispiel nicht ausleben könnte, ich darf Dinge erfahren, in andere Leben eintauchen – das ist mein Eldorado, mein Jungbrunnen sozusagen. Weil ich auch in Bereiche eintauche, welche mir fremd sind oder mit denen ich eigentlich nicht einverstanden wäre im normalen Leben. Wie bei Mutter Teresa, die eine strenge Katholikin war. Ich musste mich in diese „Welt“ einleben. Ich war eine Woche in einem Kloster, arbeitete mit den Schwestern in Kalkutta, war bei ihrer Familie in Skopje etc. Bei jeder Rollenarbeit muss ich die unterschiedlichen Energien einer Figur neu finden. Genau das ist es, was mich jung hält. Bei Coco Chanel sind es u. a. der grenzenlose Wille und das tiefe Bedürfnis, der demütigenden Kindheit und Jugend zu entfliehen. Nur dank dieser Selbstbestimmtheit erlangte sie diesen gigantischen Erfolg. Sie hätte auf diese Frage indes Folgendes geantwortet: „Schönheit beginnt in dem Moment, in dem du beschliesst, du selbst zu sein.“ Oder: „Eine Frau kann mit 19 entzückend, mit 29 hinreissend sein, aber erst mit 39 ist sie absolut unwiderstehlich. Und älter als 39 wird keine Frau, die einmal unwiderstehlich war!“

(Gelächter)

Was hat all dieses Reinschlüpfen in andere Leben mit dir als Mensch gemacht?

Ich bin sehr dankbar und demütig für das Leben. Wir haben während der Pandemie in Mumbai und Kalkutta gedreht. Das war eine unglaubliche Herausforderung. Wenn du siehst, wie die Mehrheit der Menschen auf dieser Welt lebt, dann empfindest du einfach eine unendliche Dankbarkeit. Wir dürfen in der Schweiz aufwachsen, Ausbildungen machen, uns verwirklichen. Ich finde, es ist auch in unserer Verantwortung, etwas für diese Welt zu tun.

Ein bisschen zurückgeben?

Ja, auf jeden Fall. Aber nicht aus schlechtem Gewissen. Ich habe entdeckt, dass es durch die Schauspielerei möglich ist, zu inspirieren und anderen Kraft und Mut zu geben – das ist auch in anderen Berufen oder im Privaten möglich. Wir haben so viel mehr Potenzial in uns, als wir glauben. Dies ist so viel wichtiger und beglückender, als durch den Drang oder Wunsch zu ewiger Jugend frustriert zu sein. Ich glaube, wenn man einmal gespürt hat, wie viel zurückkommt, wenn man mal gibt, tut man das immer und immer wieder. Geben ohne Absicht, ohne Erwartung. Meist kommt dann doch etwas zurück, vielleicht auch von ganz anderswo. Das ist so beseelend. Wir kennen von Mutter Teresa ja wunderbare Zitate – zum Beispiel: „Don’t wait for leaders, do it alone, person to person.“ Das ist für mich immer wieder ein Leitsatz, welcher mich stärkt, daran zu glauben, dass wir gemeinsam „Bäume versetzen können“. Gerade in der Businesswelt, wo sich Frauen manchmal so allein fühlen und denken, ich kann eh nichts bewegen, ich komme eh nie dorthin, ich werde nicht gesehen. Und dann meinen sie, sie müssten etwas an ihrem Gesicht verändern oder sonst irgendwo, damit sie gesehen und wahrgenommen werden. Ich kritisiere dies nicht, aber ich habe das Gefühl, wenn wir dieser Energie vertrauen, die in uns drin ist, dann erstrahlt unser „wahres ICH“.

Absolut. Du hast erwähnt, dass man das, was in einem drin ist, zum Strahlen bringen darf. Wie machst du das?

Ich glaube, es hat schon mit einer eigenen Zufriedenheit zu tun, dass man den Frieden mit sich und in sich spürt, sich in seinem Umfeld verstanden und geliebt fühlt, dass man versteht, was einem guttut und was einen auch nährt. Ich glaube, aus dem eigenen Glück kann man sehr viel Strahlkraft schöpfen. Und dann ist es, meine ich, manchmal auch, dass man ganz bewusst das eigene, innere Licht, sein Lämpchen, anzündet. Es gibt bei mir auch Tage, an denen ich mehr Mühe habe, wo ich frustriert bin, weil ich z. B. für ein Casting oder einen Tourneeort wieder eine Absage erhalten habe. Da musst du dann manchmal dieses innere Licht ganz bewusst selbst anzünden. Ich gehe dann in die Ruhe. Den Rückzug. Sitze in der Badewanne oder an einem Lieblingsort, wo ich einfach einen Moment lang zu mir kommen kann. In die Stille kommen und diese auch aushalten. Das hilft enorm.

www.mother-teresa-and-me.film

www.jfritschi-cornaz.ch


Creator
Sandra-Stella Triebl
Chefredakteurin

Veröffentlicht am Oktober 03, 2024
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