Ein prominentes und fulminantes Beispiel ist Léa Miggiano. 2018 gründete sie Carvolution, die damals als erste Autos im Abo anbot. Léa Miggiano war 23 Jahre jung und hatte einfach eine Idee aufgrund ihres eigenen Mobilitätsverhaltens, nämlich dass sie sich Autos von Bekannten und Verwandten auslieh, statt ein eigenes zu kaufen. Sie hörte von der Möglichkeit, Autos über eine Flatrate zu nutzen, kaufte zehn Autos mit eigenem Kapital und legte los. Carvolution war lange Marktführer, heute gibt es bereits 31 Mitbewerber (kann man alle vergleichen auf flexdrive.ch, eine Plattform, die aus einer Idee eines Carvolution-Mitarbeiters entstanden ist). CMO Léa Miggiano ist immer noch die einzige Frau im Vorstand. Frauen würden die Automobilindustrie nicht als sexy empfinden, hat Léa Miggiano mal in einem Gespräch vor einigen Jahren gemeint. Wobei natürlich auch die Frage erlaubt sein darf, ob eine Sparte sexy sein muss, damit Frauen sich dafür interessieren. Spannend und abwechslungsreich triffts eher, das zumindest würde Sandra Grau sofort unterschreiben. Während eines Vorkurses in einer Kunstschule fand sie per Zufall eine temporäre Anstellung in der Marketingabteilung bei der Ford Motor Company, das ist 30 Jahre her. Sandra Grau blieb und fand in der Autoindustrie eine Möglichkeit, ihre Kreativität auszuleben. «Ein Auto ist ein emotionales, innovatives Produkt», konstatiert Sandra Grau. Sie wurde dann, in einer dazumal noch stark von Männern dominierenden Branche ge- und befördert, und absolvierte parallel diverse Weiterbildungen. Die Entscheidung in der Autoindustrie Karriere zu machen, habe sie nie bereut. Alle zwei, drei Jahre konnte sie etwas Neues machen, vor fünfzehn Jahren wechselte sie zur AMAG Gruppe, erst als Head of Marketing VW PW, dann als Brand Director für SEAT | CUPRA und seit Anfang Jahr eben in neuer Funktion als Head of Fleetmanagement & Performance.
Anziehungskraft Auto
Man muss aber auch diskutieren, wie gross die Anziehungskraft der Automobilbranche in der Schweiz generell ist, schliesslich hat die Schweiz keine eigene Automobilproduktion. Den Fakt sieht Claudia Meyer, neben ihrer Aufgabe als Managerin der Renault Group Switzerland auch als Vorständin die erste Frau in der Geschichte von Auto Schweiz, der 1989 gegründeten Vereinigung offizieller Automobilimporteure der Schweiz: «In Ländern wie Deutschland oder Frankreich hat die Autoindustrie eine ganz andere Anziehungskraft als Branche und Arbeitgeber.»

Claudia Meyer hat eine dezidierte Meinung zum Thema Frauen in der Automobilindustrie: «Man müsste schon etwas dafür tun, dass Frauen sich überhaupt für Bereiche interessieren, wo lange Zeit Männer den Ton angegeben haben. Es gibt genügend Frauen, die das können, sie sind aber momentan mehrheitlich eher in corporate Funktionen, wie HR, Marketing, Finance & Accounting, IT, Communications.» Das Automobilbusiness sei Zahlen lastig geworden, erklärt die erfahrene Managerin, es gäbe halt die harten Zahlen, die erreicht werden müssen. Es sei aber auch Aufgabe der Firmen, gewisse Themen anzustossen, damit sich Frauen mehr dafür interessieren. Bei der Renault Group setzt man deswegen auf Talentreviews, das heisst, fähige engagierte Mitarbeiter werden gefördert, egal aber, ob Männer oder Frauen. «Frauen trauen sich oft weniger zu als Männer», formuliert Claudia Meyer, das muss man bei der Evaluierung mitberücksichtigen und über Mentoren-Programme unterstützen.
Männer als Mentoren
Gut mit Zahlen zu sein ist eine Eigenschaft, die Cécile Jann für sich beansprucht. Sie ist Head of Product Management bei Opel Schweiz (AO Automobile Schweiz AG), die zur Emil Frey Gruppe gehören.

Ihre Aufgabe ist es, das Angebot, das es vom Werk (Opel wurde 2017 von der PSA Gruppe übernommen, gehört damit seit der Fusion von PSA und Fiat zu Stellantis) gibt, in der Schweiz umzusetzen. Cécile Jann ist in die Automobilbranche hineingerutscht. Sie hat die Hotelfachschule Luzern absolviert, merkte aber schnell, dass die Arbeitszeiten, die ein volles Engagement im Hotelfach mit sich bringen, nicht ihre sind. Ein Hotelfachschulabschluss qualifiziert aber für diverse Aufgabengebiete, Cécile Jann beginnt als Projektmanagerin in einer Eventagentur zu arbeiten, zu deren Kunden unter anderen damals auch Opel gehörte. Bei Opel erkennt man die Fähigkeiten der jungen Frau und wirbt sie kurzerhand für die Sparte Events und Sponsoring ab. In ihrer Funktion konnte sie drei Genfer Auto Salons für Opel organisieren, eine unvergessliche Zeit, wie sie schwärmt. Cécile Jann bleibt aber nicht stehen in ihrer beruflichen Entwicklung, sie interessiert sich für die vielen anderen Sparten, die die Automobilbranche zu bieten hat. Sie arbeitet im Marketing, betreut Händel im Flottenbereich, und bekommt die Chance, Produktmanagerin für Nutzfahrzeuge zu werden. Dass der Job unendlich viel mit Zahlen zu tun hat, gefällt Cécile Jann. «Ich bin eine genaue Person», erklärt Cécile Jann. «Man muss auf vielen Ebenen denken, ich glaube, das ist etwas, was Frauen sehr gut können. Ich bin in der Funktion regelrecht aufgeblüht.» Cécile Jann wird von einem – männlichen – Chef gefördert, der den Weg von Frauen in Führungspositionen unterstützt. Das haben wir im Zuge dieser Recherche öfter gehört, sogar sehr absolut im Sinne von es seien ausschliesslich Männer gewesen, die die Frauen unterstützt haben. Das ist nice to know, aber bei Licht betrachtet logisch, schliesslich waren und sind in dieser Branche immer noch mehrheitlich Männer dort, wo Entscheidungen getroffen werden. Das ändert, aber langsam.
Schwierige Rahmenbedingungen
Wir sind in der Schweiz auch noch lange nicht dort, wo man sein könnte, organisatorisch und gesellschaftlich. Alle in der Schweiz befragten Leaderinnen in der Autobranche berichten vom Spagat, den es braucht, Familie und Job unter einen Hut zu bringen. Und das vor allem, weil die strukturellen Vorausserzungen wie organisierte Kinderbetreuung, aber auch die gesellschaftliche Akzeptanz einer arbeitenden Frau immer noch weit den Anforderungen hinterherhinken. In den nordischen Ländern ist das beispielsweise komplett anders, wie wir unlängst bei einem Besuch bei Polestar in Göteborg von drei Leading Ladies erfahren durften. Selbstverständlicher. Kinderbetreuung ist in Schweden kostenlos. Es ist also kein rechnerischer Akt für eine Frau, die Mutter werden will, zu überlegen, ob es sich für sie überhaupt lohnt, zu arbeiten. Und es ist selbstverständlich, dass man als Paar das Familienleben gemeinsam organsiert, weil es für beide Elternteile die gleichen Chancen und Voraussetzungen gibt und Männer keine gesellschaftliche Herabsetzung in ihrer Peergroup droht, weil sie den Nachwuchs betreuen, während die Frau und Mutter beispielsweise eine Zusatzausbildung zur Führungskraft macht.
Emotionale Kompetenz
Frauen schreibt man per se einen Führungsstil zu, der sich von dem der Männer unterscheidet. Das haben alle, mit denen wir gesprochen haben, bestätigt. Sie haben mehr emotionale Kompetenz, bringen damit ganz andere Assets in Verhandlungen ein. Wir wissen heute, dass diverse Teams, also Teams, die nicht nur aus männlichen Mitgliedern bestehen, bessere Ergebnisse zum Beispiel in strategischen Sitzungen erzielen.
Politischer Schlingerkurs
Eine kooperative Führungskraft zu sein, nimmt Jessica Nigro für sich in Anspruch. Wir haben mit der Vice President External Affairs bei Lucid Motors, einem E-Auto-Hersteller aus dem Silicon Valley in Kalifornien, USA, gesprochen (bevor die neue Administration in den USA sämtliche Programme zur Förderung der Diversität gekippt hat).

Jessica Nigro ist früh mit dem Thema Diversität in Kontakt gekommen. Sie war in den 2010er Jahren in Stuttgart bei der Daimler AG beschäftigt und hatte dort öfter mit der damaligen Leiterin für Diversität Ursula Schwarzenbart zu tun. Jessica Nigro erinnert sich: «Die Frauenquote war zu dieser Zeit ein grosses Thema. Die damalige Leiterin für Diversität bei Daimler, Ursula Schwarzenbart, ist für mich eine wirklich faszinierende und sehr interessante Person. Es war äusserst spannend für mich, wie man aus ihrer Sicht einen Grosskonzern verändern kann.» Die Denkweise würde alleine durch die Männer im Unternehmen nicht verändert. «Ursula war klar, dass die Frauen aktiv sein müssen, um die Einstellungen im Unternehmen zu verändern», erinnert sich Jessica Nigro. Es habe damals Frauen gegeben, denen eine Beförderung angeboten wurde, die sie jedoch mit dem Hinweis ablehnten, sie möchten nicht als Quotenfrau abgestempelt werden. Jessica Nigro ist einige Jahre später, nach ihrer Rückkehr in die USA, selbst Führungskraft bei Daimler: «Als mir eine Beförderung angeboten wurde, hatte ich nicht das Gefühl, dass es um mein Geschlecht ging. Meine Fähigkeiten waren der Grund.» Grosse Ziele hatte die in New York geborene. Als sie aufwuchs, war Bill Clinton Präsident und Madeleine Albright als Aussenministerin ihr Vorbild. Jessica Nigro wollte in den Diplomatischen Dienst gehen, Aussenministerin werden. Dafür studierte sie internationale Politik, internationale Diplomatie und Konfliktlösung. Per Zufall stiess sie dann zu Daimler, die gerade daran schraubten, sich zu internationalisieren. Das Thema Aussenpolitik spielt in ihrer Funktion bei Lucid heute eine grosse Rolle. Jessica Nigro sitzt in Washington und leitet von dort aus das «Aussenministerium» des US-amerikanischen Elektromobilherstellers, die Abteilung External Affairs. Sie ist für ihre weltweit verteilten Teams verantwortlich, die mit Regierungen interagieren, um politische Richtlinien so zu gestalten, dass diese der Branche und dem Unternehmen zugute kommen. CEO Peter Rawlinson persönlich, der inzwischen – nach unserem Interview – Lucid verlassen hat, holte Jessica Nigro ins Unternehmen. Angesichts der unberechenbaren Gesamtlage vor allem auch in den USA war es ein Must, Jessica Nigro zu fragen, wo sie derzeit die grössten Probleme sieht. «Meine Sichtweise ist natürlich von meiner Funktion im Unternehmen geprägt», gibt Jessica Nigro zu. «Was mich sehr nachdenklich macht und was meiner Meinung nach jedes Unternehmen in jeder Branche beunruhigt, ist der zunehmende Schlingerkurs auf allen politischen Ebenen. Auf der ganzen Welt, nicht nur in den USA, gibt es keine langfristig stabilen Vorschriften mehr. Wir schlagen den Weg in eine Richtung ein, und dann geht es plötzlich um 180 Grad in die andere Richtung. Das erschwert die Planung für Unternehmen enorm. Meiner Erfahrung nach können Unternehmen im Allgemeinen selbst die strengsten Vorschriften einhalten, solange sie Vorlaufzeit und klare Erwartungen, klare Richtlinien von den Regierungen und die Sicherheit haben, dass diese Regeln langfristig gelten. Unternehmen entwickeln Produkte und Geschäftspläne Jahre im Voraus. Wenn diese auf den Kopf gestellt werden, ist es wirklich sehr schwierig die eigene Innovationskraft langfristig in Erfolg umzumünzen.»
Fazit: Hören wir auf, darüber zu reden, ob und wie viele Frauen es in Führungspositionen gibt und braucht? Nein. Solange es nicht eine Selbstverständlichkeit sowohl von den Seiten männlicher wie auch weiblicher Entscheidungsträger und der Frauen, die eine Führungsposition einnehmen könnten, selbst ist, müssen wir das Thema immer wieder diskutieren.






















