Der Zweifel ist ein Nagetier

Text: Patti Basler
Foto: Roland Tännler

Ladies Drive ONLINE - Patti Basler
Er nagt oft und gern mit seinem Zahn der Zeit an unseren Grundfesten wie der Biber an einem Baum. Dabei spielt es noch nicht einmal eine Rolle, ob unser Baum gut verwurzelt ist und trotzdem flexibel im Wind steht, so wie es die richtig starken Bäume tun, fest, aber biegsam, tiefgründig, aber spielerisch, kurz: resilient, wie es im Buche steht. Oder in der Buche.

Der Biber freut sich sogar, wenn der Baum möglichst tiefe Wurzeln und einen dicken Stamm hat; je mehr Material vorhanden ist, desto mehr Nahrung und Baustoffe stehen zur Verfügung. Diese werden in den Bau geschleppt vom aquadynamischen Süsswassernagetier, dessen Schwanz aussieht wie meine Brüste, wenn ich sie versehentlich im Waffeleisen gepresst habe.

Der Zweifel ist ein Cousin des Bibers.

Auch er nagt an den Fundamenten und baut Staudämme, welche unseren Flow bremsen können. Auch der Zweifel kann nur bestehen, wenn Substanz vorhanden ist. Insofern darf sich jede Zweiflerin rühmen, dass sie substanzielle Gedanken wälzt, dass sich wohl Wissen und Information wie die Jahrringe einer Buche zu einem Geflecht verfestigt haben. Zudem sind Staudämme in Zeiten von Stromlücken und Energiemangel gar nicht mal die schlechteste Idee.

Zweifel. Zwei Fehler unterlaufen uns dabei oft.

Zum einen sollte uns bewusst werden, dass frei werdende Energie beim Durchbruch des Wassers einfach gut kanalisiert werden muss, damit man sie nutzen kann. Zum anderen vergessen wir oft, dass Nagetiere sich gern unkontrolliert vermehren, wenn wir dies nicht zu unterbinden wissen. Die Zweifel rammeln wie die Karnickel und untergraben den Boden, auf dem wir einst so fest standen. Zweifel. Zwei Felder vor, eins zurück.

Deshalb sollte man Zweifel einzeln und am besten geschlechtergetrennt halten oder vorsorglich unterbinden.

Oft verzweifeln wir schon bei Profanem wie der Auswahl der Geldanlage oder beim Festlegen des Haarschnitts im Salon „Haart aber herzlich“. Zweifel sind hier vor allem bei der Benennung des Coiffure-Etablissements angebracht. Dass wir ab und an Haare schneiden, ist verständlich. Es passt auch zum Nagetier, das gern haart, selbst wenn wir es herzlich lieb haben. Zweifel. Zwei Felle, eins für den Winter, eins für den Sommer.

Ganz so einfach ist es für die protestierenden Iranerinnen nicht. Ihre Verzweiflung ist nicht nur ein Nagetier, sondern ein Monster, das sie bei lebendigem Leibe auffrisst oder zugrunde gehen lässt. Sie schneiden sich die Haare öffentlich ab, entledigen sich ihres Kopftuches, obwohl sie damit allergrösste Risiken eingehen. Verhaftung, Gewalt, Willkür, Folter, Vergewaltigung, Mord. Auch diese Frauen zweifeln. An ihrem Land, an ihrer Sittenpolizei, an ihrer Gesetzgebung. Doch ihre Daseinsberechtigung als würdige, freie Menschen lassen sie nicht anzweifeln. Wir privilegierten Frauen und Männer sollten sie darin mit aller Kraft unterstützen. Im Zweifelsfall müssen wir dafür Haare lassen, sie aber ihr Leben. 

Zweifel. Zwei Fälle. Dabei brauchen wir gar nicht zwei Fälle. Wir brauchen Einfälle.

Und obschon wir den Zweifel nähren beim Denken, so bringt er uns doch weiter. Hinterfragen, noch einmal nachdenken, kritisch bleiben, das alles kann uns helfen, bessere Entscheidungen zu treffen.

Wenn sich die Zweifel aber zu stark vermehren und nicht nur an uns nagen, sondern uns aufzufressen drohen, bleibt uns nur das Zurückschlagen. Nagetiere sind schliesslich essbar. Hasen gelten bei uns als Delikatesse, in Peru verspeist man Meerschweinchen, und mancherorts werden Ratten zum Lunch verzehrt.

Fressen wir also die Zweifel, bevor sie uns fressen.

En Guete.

Patti Basler

ist eine Schweizer Bühnenpoetin, Autorin, Kabarettistin und Satirikerin. Die 46-Jährige gehört zudem zu den erfolgreichsten Slam-Poetinnen der Schweiz, und wer sie einmal gesehen hat, wird ihre gereimten Ungereimtheiten nicht mehr so schnell vergessen können. Sie sagt selbst über sich, dass sie die Bodenständigkeit einer Bauerntochter von der Heu- auf die Show-Bühne bringt. Die ehemalige Lehrerin feiert auch in Österreich und Deutschland unzählige Bühnenerfolge – und ist unter anderem Trägerin des „Salzburger Stiers“ 2019. www.pattibasler.ch

Veröffentlicht am Januar 16, 2023

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