Wie Ist Man Sich Nah, Wenn Man Sich Nicht Berühren Kann?

Text & Foto: Sandra-Stella Triebl

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Die Wiederentdeckung der emotionalen Sprache.
Oder: wie ist man sich nah, wenn man sich nicht sehen und berühren kann?

Ich lese die Tage so viele Posts und Beiträge dazu, wie sehr man seine Arbeitskollegen (plötzlich) vermisst oder sogar den Stau zur Arbeit und wie unendlich schwer man sich dabei tut, sich per Telefon oder nur via Video-Call mit anderen wirklich, echt, tief zu verbinden. Seit Anfang März führe ich um die 5-8 Calls pro Tag - mit Kunden, Partnern, Familie, Freunden. Und mir fällt es ehrlich gesagt super leicht, mich mit Menschen zu verbinden. Ich bräuchte nicht mal ein Video von Euch. Ich erzähle Euch eine sehr private Geschichte. Möge sie ein kleiner Hoffnungsschimmer für all jene sein, die sich disconnected und einsam fühlen. Ich hab mich 1999 in einen Menschen verliebt, den ich online im Chatroom einer deutschen Plattenfirma kennengelernt hatte. Wir waren beide frisch getrennt und haben eigentlich erst mal nur darüber gesprochen, weshalb er zur Trennung kam. Und der Typ da im Internet von dem ich nichts wusste, kein Alter, keine Herkunft, von dem ich nicht mal ein Foto hatte, erzählte mir, wie ihn gerade seine erste grosse Liebe verlassen hatte. Doch kein einziges böses Wort kam über seine Lippen. Ähm, seine Tastatur. Ich war hin und weg von diesem weich-herzigen, liebevollen Menschen, der irgendwo in Österreich mit mir im Chatroom sass. Wir haben in der Folge drei Nächte lang, jeweils 6 Stunden bei ICQ im Chat verbracht. Dann rief er mich an. Und einen Tag später fuhr er in die Schweiz. Ich hatte ihm einen Anfahrtsplan geschickt (weils ja noch kein Navi gab) und wartete auf ihn am Bahnhof in der Stadt, wo ich damals lebte. Er kam. Stieg aus dem Auto und nahm mich, ohne mich eines einzigen Blickes zu würdigen, in den Arm. Ich war (schon wieder) baff. Später erzählte er mir, dass er dachte, dass ich ja ein Fünfzigjähriger Mann hätte sein können und dass er sich aber einfach in diesen Menschen verliebt hatte, der ihm da Nacht für Nacht wunderschöne Sätze zuschickte. Deshalb wollte er mich einfach nur in den Arm nehmen dafür. Ach, fand ich das romantisch! Das war am 9.9.1999. Am 31.12.2004 haben wir geheiratet. Wir leben und arbeiten seither miteianander. Wieso wir immer noch glücklich sind? Weil wir uns in unsere inneren Werte verliebt haben und nicht in die Äusseren. Weil wir uns ganz verletztlich und ehrlich kennenlernten konnten. Wir hatten uns tatsächlich in eine unbekannte Person verliebt, einfach nur, weil wir uns online Texte hin und her geschickt haben. Worte, Texte können tiefgründig sein und man kann sich sogar ineinander verlieben ohne dass man sich je gesehen hat. Dann müsste es doch auch möglich sein, Menschen nah zu sein, die man kennt.   Wieder zurück in die Situation 2020 mit Corona: Seid mutig, euch verletzlich zu zeigen, in Worten (und Taten). Seid offen, euch mit Menschen jederzeit an jedem Ort und wenn es nur in Gedanken ist, zu verbinden. Einen emotionalen Wortschatz kann man übrigens lernen. Hier ein Bild des Wheel of Emotion in englischer Sprache als kleine Schreibhilfe.   Wie fühle ich mich beim schreiben dieses Posts? Ich lächle beim schreiben, hab vergessen dass meine Lendenwirbel schmerzen und ich noch nichts gegessen hab heute. Ich fühle mich beseelt beim Gedanken, dass meine Worte etwas Gutes, Schönes für Euch bedeuten können. Und was möchte ich im Gegenzug? Nichts. Ausser Euer Lächeln. Das ist Lohn genug für mich.
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Veröffentlicht online am 28 Apr., 2020

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