The New Generation Y

Text: Joan Billing*  
Fotos: Established & Sons sowie Nicolas Facenda

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LD – Mag

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#TRENDSCOUTING MIT JOAN BILLING

Es scheint der Zeitgeist unserer schnelllebigen Gesellschaft zu sein, nach beständigen Produkten aus natürlichen und echten Materialien zu suchen, eine regelrechte Sehnsucht nach der neuen Handcraft-Kultur. Vielleicht interessieren wir uns deswegen wie nie zuvor für Designentwicklungen und ihre Prozesse. Wir lieben Berichte und Dokumentationen über komplexe Entstehungsprozesse und Produktionsverfahren und wollen eine Ahnung haben, was hinter einem Produkt steht. Dabei entdecken wir die Wichtigkeit von Handarbeit. Das „Making of Design“ ist zum Gesellschaftselixier geworden.    

WISSENSARBEIT –
DIE NEUE ARTS AND CRAFTS

Wie einst die Arts and Crafts, die Gegenbewegung der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts, gibt die neue Handcraft-Kultur jenen wichtigen kreativen Impuls, den unsere Gesellschaft dringend benötigt. Die Digitalisierung und die Globalisierung haben die gesamte Arbeitswelt verändert, vielfach mit dramatischer Folge. In diesem Zuge wurden vor allem routinierte Arbeitsprozesse und Arbeitsplätze ausradiert. Aber daraus ist auch etwas Neues entstanden, die „Wissensarbeit“. Sie ist sehr komplex und erfordert neben Fachkompetenz insbesondere kooperatives und vernetztes Denken und Handeln. Dadurch bekommt die Ressource Mensch wieder einen neuen Stellenwert. Es wird also immer wichtiger, dass verschiedene Fachspezialisten aufgrund ihrer unterschiedlichen Qualifikationen Lösungen und Konzepte gemeinsam entwickeln. Was eine grosse Herausforderung für uns alle darstellt, denn dabei prallen ganz unterschiedliche Kulturen und Denkweisen aufeinander. Ein Designer funktioniert eben anders als ein Handwerker, ein Marketingexperte anders als ein Finanzchef. Die neue Handcraft-Bewegung ist der Schlüssel dazu. Um sie entwickelt sich ein neuartiges Netzwerk aus verschiedenstem Wissen und Können.  

DIE Y-GENERATION – THE MAKING OF DESIGN

Ein klarer Auslöser der Manufakturbewegung ist auch die neue Generation Y. Vollkommen absorbiert vom Internet und vorwiegend in der virtuellen Welt existierend, vermisst sie reale Begegnungen, Diskussionen in einer Runde, in der sie Hoffnung, Visionen, aber auch Bedenken ansprechen kann. Sie lebt in einem Spannungsfeld von Virtuellem und Wirklichkeit, Neuem und Vertrautem, Schein und Sein, Selbständigkeit und Anpassung, Individualität und Teamarbeit. Deswegen sind für sie hybride, interdisziplinäre Kombinationen selbstverständlich. Sie sucht echte Materialien, echtes Design und ehrliche Gespräche, um so die reale Welt zu erleben und besser zu verstehen, was um sie herum passiert. Deshalb interessiert sich diese Generation auch so sehr für Entstehungsprozesse und das Heritage. Sie bearbeitet spielerisch natürliche und Hightech-Materialien mit traditionellen Herstellungsmethoden, welche sie mit den neusten Hightech-Verfahren kombinieren. Sie verschmilzt die verschiedenen Disziplinen aus Handwerk, Technologie, Ökonomie und Kultur. Dieser kollektive Esprit beseelt die neuen Produkte, was auch beim Endkonsumenten ankommt.    

INTERDISZIPLINÄRE UND
HYBRIDE KOMBINATIONEN

Ein schönes Beispiel für solch eine Arbeitsweise ist das „The Cheese Maker“-Projekt des jungen Designstudios „Makkink & Bey“ aus Holland. Alles begann, als sie die Ähnlichkeiten der Käseproduktion zwischen den Niederlanden und Indien bemerkten. In beiden Ländern gibt es eine lange Tradition der Käseherstellung, des Keramikhandwerks und wegen der hohen Bevölkerungsdichte des Stapelns von Waren. Diese Beobachtungen bildeten die Grundlage für ihr Projekt und inspirierten die Designer, sich mit einer lokalen Gewerbeschule in Jaipur zusammenzuschliessen, bei welcher das Handwerk der Käseherstellung immer noch ein Teil der Grundausbildung ist. Wie ein roter Faden gingen Fachkönnen, Entwicklung und Wissenstransfer durch das Projekt. Aus den verschiedensten Materialien wie Holz, Keramik, Metall, Kupfer, Baumwolle, Speckstein und Marmor entstand ein Turm von handgefertigten Objekten wie Entsafter, Milchkrug, Löffel, Sieb, Pfanne, Schneidebrett, Schüssel und Presse, die für die Käse- herstellung benötigt werden. Dieses Designprojekt ist ein sichtbares Ergebnis dessen, was unsere zukünftige Wissensarbeit sein kann.    

REISE IN EINE ZEIT VOR DEM INTERNET

Im Zuge der handgemachten Produkte entstehen auch ehrliche und authentische Shops. Vorboten waren die Pop-up-Shops und Guerilla-Stores. Aus ihnen entwickelten sich die Unikat-Stores wie Bully, Le Labo oder Aesop. Beim Betreten eines solchen Ladens beginnt eine Reise in eine andere Welt. Ein tolles Beispiel dafür bildet der 1987 in Melbourne gegründete Aesop. In puristischen, auf Braun, Schwarz und Weiss reduzierten Verpackungen, die an alte Apothekerflaschen des letzten Jahrhunderts erinnern, werden die natürlichen Produkte für Haut und Haar gehalten. Keine schreienden Farben oder plakativen Bilder lassen auf den geheimnisvollen Inhalt schliessen. Dies spiegelt sich auch in der Ladengestaltung wider. Deren natürliche Materialien stellen eine erweiterte Ebene der Produktpalette dar, die nicht nur den Grundsatz der Nachhaltigkeit achtet, sondern auch eine intensive Zusammenarbeit mit den lokalen Architekten, Designern und begnadeten Handwerkern, kombiniert mit Elementen der historischen regionalen Kultur. Diese kreativen Prozesse machen die Räume von Aesop so einzigartig und zum Sinnbild der neuen Gesellschaftsbewegung. Sie sind eine Hommage an die Tradition der Manufaktur.    

ELIXIER UNSERER GESELLSCHAFT – NATÜRLICHE MATERIALIEN

Es verwundert nicht, dass infolge der Wiedergeburt von Manufakturen natürliche und authentische Rohstoffe Design und Interior erobern. Eine solche Renaissance erleben verschiedene natürliche Materialien, unter anderem der Marmor. Dieser edle, zeitlose Werkstoff verleiht unserer flüchtigen virtuellen Welt mehr Gewicht. Dank Hightech-Techniken erscheint er futuristisch, vor allem in hybrider Kombination mit Holz, Leder, Glas oder Metall. Wunderbare Beiträge leistet das Designerduo Kaaron Design mit dem modernen skulpturalen Tisch aus Marmor und Holz namens „Luli Table“ oder das Designerduo Gabriel Hendifar und Jeremy Anderson vom Studio Apparatus in New York, wo sie ihren „Portal Coffee Table“ komplett in weissem Marmor aus den Grundformen Dreieck, Rechteck und Zylinder designten. Ein weiteres Symbolmaterial unserer Zeit ist das Glas. Stark und fragil zugleich, nur ein Moment der Unachtsamkeit, und es zersplittert in viele Stücke. Rauchig graue und whiskybraune Designobjekte aus Glas werden mit Metall, Leder oder Holz neu kombiniert. Die Deckenlampe „Circuit“ von Studio Apparatus umfasst mit einer gebürsteten Messingschale eine matte Glaskapsel. Auch die Lampe „Light- house“ von Ronan und Erwan Bouroullec aus Marmor und Glas zeigt die neue hybride Kombination ganz klar auf.    

NEUE WÄRME FÜR UNSERE GESELLSCHAFT

Eine wichtige Gruppe von Rohstoffen, die in der aufblühenden Manufakturkultur ihren klaren Platz hat, sind alle Arten von Metallen. Ob matt, glänzend, oxidiert oder unbehandelt verknüpfen sie eine ferne, archaische Vergangenheit mit der entstehenden Zukunft. Kein Wunder, dass Bronze-, Kupfer- oder Messingtöne zurzeit so stark in Fashion und Interior vertreten sind und wir sogar Schuhe in mattem Kupfer, Bronze oder Gold wollen. Metalle geben all unseren Lebensbereichen neue Wärme, einen gewissen Glanz und Hoff- nung. Es sind diese hybriden Kombinationen von natürlichen Materialien und Farbpaletten, die uns zurzeit am meisten berühren. Sie sind der Schlüssel für unsere sich neu orientierende Gesellschaft und zeigen uns den Weg in die Zukunft.  
  *Joan Billing ist Trendforscherin und Gastautorin von ladiesdrive.tv und dem gleichnamigen Magazin Ladies Drive. Willst du eine kostenlose Ausgabe unseres Quarterly zum schnuppern? Klicke hier: www.ladiesdrive.tv/shop

Veröffentlicht online am 7 Jan., 2019

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