Start-up Stories: Kitro

Interview: Dörte Welti
Mitarbeit: Kim Welti
Fotos: Markus Bertschi, Kitro

Ladies Drive Start-up Stories. Kitro Founders: Naomi Anastasia Hofmann & MacKenzie
«Wir haben über eine Million an Gerichten eingespart, seit wir angefangen haben»

Wenn ein Startup die Lösung eines unserer dringendsten Probleme ganz am Anfang der Wertschöpfungskette findet, kann man davon ausgehen, dass diese Idee Erfolg hat. Diese Folge unserer Serie über Startups, denen Unternehmer Roland Brack neben Kapital auch Hilfe in strategischer Entwicklung angedeihen lässt, hat mit Food Waste zu tun. Nicht aber die Verwertung steht bei KITRO im Fokus, sondern die Vermeidung. Zu Besuch bei Anastasia Hofmann in Zürich, einer der beiden brillanten Gründerinnen.

Ladies Drive Start-up Stories. Kitro Founders: Naomi MacKenzie & Anastasia Hofmann
Ladies Drive Start-up Stories. Kitro Founders: Naomi MacKenzie & Anastasia Hofmann

Anastasia, was ist das Ziel von KITRO?

Unsere Vision in einem Satz – und das fällt mir auf Englisch leichter –: To bring back the value of food, so it’s appreciated and not wasted. Ressourcen schonendes Arbeiten in der Gastronomie und Hotellerie, um es noch spitzer zu formulieren.

Kommst du aus der Ernährungswissenschaft?

Nein, ich habe die Hotelfachschule Lausanne, wo ich auch meine Mitgründerin und gute Freundin Naomi MacKenzie kennengelernt habe, absolviert und einen Bachelor in International Hospitality Management gemacht. Wir haben beide sehr oft in der Industrie gearbeitet, genauer in der Luxushotellerie, aber auch an Catering-Events und in Bars. Überall kommt man am Thema Foodwaste gar nicht vorbei, es ist Teil der Industrie.

Ladies Drive Start-up Stories: Kitro

Ist euch dort aufgegangen, dass nicht genug getan wird zum Thema Foodwaste?

Wenn man mit 18 Jahren anfängt, in einem Restaurant zu arbeiten oder an einem Bankett und dann neben dem Mülleimer steht und einfach nur eine halbe Stunde Häppchen entsorgt, dann denkt man schon: Warum? Alle anderen um einen herum halten das für normal. Das war unser erster Triggerpoint. Später haben Naomi und ich zusammen ein halbes Jahr ein Praktikum in Miami Beach absolviert. In Amerika haben die Portionen noch ganz andere Dimensionen, die Teller können nicht voll genug sein. Wir haben Luxusevents organisiert, nach denen so unfassbar viel Essen entsorgt wurde. Und dann fährst Du mit dem Fahrrad heim, vorbei an einem Park, in dem man Menschen sieht, die nicht genug zu essen haben. Ein krasser Kontrast. Wir wollten dann wissen, wieviel Foodwaste existiert eigentlich spezifisch in der Hotellerie und Gastronomie? Haben gesucht und gegoogelt und gesehen, dass es fast gar keine Daten dazu gibt. Nur veraltete Schätzungen. Unsere Überlegung war dann, man müsste erstmal anfangen zu messen, wie viel Essen vergeudet wird und wie viel von was entsorgt wurde, um aktiv zu werden zu können und das zu reduzieren.

Wie lief die Anfangsphase von KITRO?

Wir sind von Miami zurückgekommen, hatten noch ein Jahr an der Uni, haben aber schon angefangen, die Idee zu entwickeln, aber mehr als Hobby. 2016 haben wir unsere Studien abgeschlossen und wussten bereits, dass wir die Idee weiterentwickeln möchten. Ende 2017 haben wir KITRO gegründet.Ich hatte weiterhin, wie auch schon während des Studiums, für zwei Firmen nebenher gearbeitet, Naomi hatte sich auch einen Nebenjob gesucht. Wir wollten genügend Zeit haben, uns auf das Projekt zu konzentrieren. Aber schon im Februar 2017 hatten wir quasi den ersten Kunden akquiriert, obwohl wir noch gar kein Produkt hatten. Wir haben klassische Customer Validation betrieben, und geschaut, ist das Problem überhaupt so, wie wir es uns vorstellen, und würden Kunden das Produkt kaufen, wenn wir es hätten. Wir haben mit potenziellen Kunden und Kundinnen gesprochen, und dann hat irgendwann jemand gesagt, ich möchte es testen. Also mussten wir auch unser Produkt bauen.

Wie finanziert man so etwas, frisch von der Uni und nur mit kleinem Einkommen?

Wir haben uns für Grants, Acceleration-Programme und ähnliches beworben. Da konnte man Geld gewinnen, und mit dem war es uns dann möglich, den ersten Prototypen zu bauen und die Firma gründen.

Wie funktioniert euer Produkt?

Rudimentär erklärt, ist es eine Waage mit Kamera und das Foto wird digital ausgewertet.

Die Waage wird inzwischen von Mettler Toledo hergestellt, unser Partner, Hersteller von messtechnischen Präzisionsinstrumenten.

Ladies Drive Start-up Stories: Kitro

Auf der Waage steht ein Abfallbehälter, in den man das Essen hineinwirft. Wenn das Essen im Müll gelandet ist, wird die Kamera ausgelöst. Man muss den Teller nicht drunterhalten, man muss auch keine Knöpfe drücken, der Workflow wird nicht behindert. Die Software erkennt, welche Art Food und wieviel von was in der Tonne landet. Die Kunden erhalten eine Übersicht via Online-Dashboard, wo sie genau sehen, wie viel von was wann entsorgt wurde.

Ladies Drive Start-up Stories: Kitro

Dazu bieten wir ein Consulting als Folgeleistung an. Der Kunde hat so einen eigenen Foodwaste-Consultant, der ihr oder ihm zur Seite steht und dann mit ihr oder ihm Ziele setzt und Massnahmen bespricht.

Es geht euch also primär darum, den Abfall zu reduzieren, nicht was man sonst damit machen könnte?

Unser Ziel und Fokus ist Prävention dank Daten. Für die darauffolgende Etappe sind wir nicht direkt zuständig, das ist in den meisten Ländern schon geregelt. Die Kunden arbeiten alle mit Entsorgungsfirmen. Der Mehrwert für die Kunden ist, dass sie rausfinden, wo sie im Vergleich zu ähnlichen Betrieben stehen, weil das die meisten nicht wissen. Im nächsten Schritt definieren wir gemeinsam, welche konkreten Massnahmen ergriffen und welche Lebensmittel reduziert werden können. Das hilft Kosten respektive den Wareneinsatz zu verringern. Kunden sparen dadurch neben Lebensmittel auch Geld und natürlich andere wertvolle Ressourcen wie Zeit.

Was ist euer Businessmodell?

Die Kunden mieten unser Produkt, es ist ein Abo-Modell. Ein monatliches Abo. Sie bezahlen für das Gerät, für die Analysen, Messungen und natürlich auch das Consulting. Es gibt auch ein Abo ohne Consulting, für die, die das nicht brauchen oder möchten. Aber das meistverkaufte Package ist inklusive Consulting.

Wie seid ihr in die «Höhle der Löwen» geraten?

Sie haben uns schon vor mehreren Jahren angeschrieben und gefragt, ob wir mitmachen möchten. Anfangs waren wir ein bisschen skeptisch, weil wir ja ein B2B sind. Aber als Startup brauchst du Geld. Ende 2022 hatten wir eine Finanzierungsrunde gestartet. Anfang 2023 wurde «Höhle der Löwen» gefilmt. Darum passt es zeitlich sehr gut, um unsere Runde noch weiter aufzufüllen und Roland Brack hat dann mit Ziano Ventures in uns investiert.

Und wie ist die Erfahrung mit Ziano Ventures als Investor?

Ziano Ventures engagiert sich stark für die Gemeinschaft und unterstützt ihre Startups durch die Organisation von regelmässigen Events und Workshops. Sie erkunden aktiv die Interessen der Gründerinnen du Gründer, um gezielte Workshops anzubieten, die den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den unterstützten Startups fördern. Unabhängig von ihrer Branche, haben viele Startups ähnliche Herausforderungen, wie etwa Skalierung, Teammanagement, Vertrieb und Marketing sowie Leistungsoptimierung. Die Möglichkeit, sich darüber auszutauschen, trägt zur Stärkung des Netzwerks und zur Entwicklung von Lösungsansätzen bei.

Wo steht ihr heute mit KITRO?

Unser Team ist von zwei auf 20 Mitarbeiter angewachsen, wobei etwa die Hälfte im Tech-Bereich tätig ist, einschliesslich Forschung und Entwicklung. Während der Covid-Pandemie erlebten wir zweifellos einen Rückgang, da viele unserer Kunden ihre Türen vorübergehend schliessen mussten. Dennoch haben wir diese Zeit genutzt, um unsere internen Prozesse aufzubauen und zu verbessern, was sich nun als äusserst vorteilhaft erweist, um schneller und profitabler zu skalieren. Derzeit betreiben wir fast 300 aktive Geräte in über 20 Ländern, wobei die DACH-Region nach wie vor unser Hauptmarkt ist. Durch Partnerschaften und die Zusammenarbeit mit internationalen Hotelgruppen sind wir stark in den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten gewachsen.

Wenn du zurückblickst, gibt es da Dinge, die du anders entschieden hättest mit dem Wissen, wie es heute läuft?

Ich glaube es ist normal, dass man anfangs eine sehr steile Lernkurve in den verschiedensten Bereichen hat. Im HR-Management zum Beispiel musste ich viel lernen und ich glaube auch, dass man sein ganzes Leben neugierig und offen für neue Learnings sein sollte. Aber jetzt grössere Fehler, wo ich sage, das bereue ich, haben wir meiner Meinung nach nicht gemacht. Covid hat uns natürlich sehr überrascht, der Markt hatte sich über Nacht total verändert. Wir mussten plötzlich schnell harte Entscheidungen fällen, um die Firma am Laufen zu erhalten. In solchen unvorbereiteten Krisenmomenten macht man halt Fehler, von welchen wir jedoch jetzt viel mitgenommen haben und es beim nächsten Mal besser lösen.

Gab es einen Moment da, wo du gesagt hast, ich höre auf, das wächst mir alles über den Kopf?

Wenn ich ehrlich bin, ja, solche Momente gab es. Doch das schöne ist, wenn man zu zweit gründet, kann man sich gegenseitig aufbauen. Naomi und ich haben uns in schwierigen Zeiten gegenseitig sehr stark unterstützt und somit hatten wir immer einen Grund weiterzumachen. Alleine wäre dies viel schwieriger gewesen.

Könnt ihr eine Zwischenbilanz ziehen, wieviel Foodwaste ihr respektive eure Kunden vermeiden konnten bisher?

Das ist ja eigentlich einer der wichtigeren KPIs, auch für unsere Kunden und Kundeninnen. Die, die länger als fünf Monate mit uns Food Waste messen, können ihre vermeidbaren Abfälle um durchschnittlich über 30 Prozent reduzieren. Das ist sicher eine gute Key Number, aber unser Ziel sind für alle Kunden durchschnittlich 60 Prozent. Und noch etwas ist eindrücklich: Wir zählen auch, wie viele Gerichte wir sparen. Das macht es noch ein bisschen greifbarer. Wir haben über eine Million an Gerichten eingespart, seit wir angefangen haben. Und davon, wie viel Food Waste wir vermeiden, können wir auch ableiten, wie viel CO2-Emissionen eingespart wurden.

Next Step?

Unsere nächsten Schritte sind ganz klar, KITRO‘s Impact weiter zu vergrössern, indem wir als Firma wachsen und neue Märkte erschliessen. Dieses Jahr möchten wir 400 Tonnen an essbaren Lebensmitteln vor der Verschwendung retten, das entspricht ungefähr 880‘000 Gerichten. kitro.ch

kitro.ch

Veröffentlicht am Juli 04, 2024

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